Verdrängung

Nach Mieterhöhung um über 60 Prozent: Künstler müssen raus aus Goldleistenfabrik

Nach einem Eigentümerwechsel können sich die meisten Künstler der Goldleistenfabrik in Weißensee die Mieten nicht mehr leisten. Ein Abschiedsbesuch.

Maria Häußler
4 Min
Sitzt auf gepackten Kartons: Lichtdesigner Nils Schultze muss ausziehen.

Sitzt auf gepackten Kartons: Lichtdesigner Nils Schultze muss ausziehen.

© Emmanuele Contini

Auf dem langen Gang in der Goldleistenfabrik kleben rote Punkte vor fast jeder Tür. Sie markieren die Ateliers und Büros, die leer werden, weil sich die Künstler ihre Miete nicht mehr leisten können. Hinter einer der Türen steht der Lichtdesigner Nils Schultze, 57 Jahre alt. In seinen Augenwinkeln bilden sich beim Sprechen schnell Lachfältchen, trotz des traurigen Anlasses. Auch er muss ausziehen und arbeitet jetzt von zu Hause aus.

Die Goldleistenfabrik, das ist eins von zwei Backsteingebäuden der ehemaligen Industriewerke Weißensee in der Lehderstraße. Einst wurden hier Goldleisten hergestellt, die man als Abschluss der Tapete zur Decke verwendete. Heute arbeiten in dem denkmalgeschützten Bau überwiegend Künstler, im zweiten Backsteingebäude befindet sich zudem die Behindertenwerkstatt Blumenfisch. Ende September erhielten alle Mieter eine Nachricht, dass die Immobilienfirma und damit auch das Gebäude den Eigentümer gewechselt hat und dass ihnen zum 30. November dieses Jahres gekündigt werde. Allen wurde Mitte Oktober ein neues Mietvertragsangebot gemacht. Ein deutlich zu hohes, wie die meisten finden.

Von zehn auf 16 Euro pro Quadratmeter sei die Miete erhöht worden, sagt Nils Schultze. „Angeblich wegen der hohen Energiekosten.“ Eigentlich seien es sogar 22 Euro, weil noch Gemeinschaftsflächen hinzukämen. In seinem Fall wäre das ein Sprung von 336 auf 550 Euro, eine Mieterhöhung von über 60 Prozent. Schultze zieht seine grauen Augenbrauen hoch. Und selbst wenn die Energiepreise wieder sänken, bleibe die Miete so hoch, da es eine sogenannte Inklusivmiete sei, sagt er und kramt das neue Angebot aus seinem Ordner auf dem Schreibtisch hervor.

Sein Nachbar Vincent Kraft, ein Grafikdesigner, spricht von einer schrittweisen Erhöhung auf denselben Betrag. Sie haben unterschiedliche Mietverträge, erklärt Schultze, nach der letzten Erhöhung müssten aber achtzig bis neunzig Prozent der Mieter ausziehen oder sich verkleinern. Vor allem die Künstler, da ihre Einkommen meist gering sind. Die beiden Männer stehen zusammen und sprechen über die Deaktivierung der Facebookseite der Goldleistenfabrik, die Kraft bisher verwaltet hat. Schultze nickt zur Tür vor ihm. „Der Bauingenieur bleibt. Das ist eben die Gentrifizierung.“ Die Behindertenwerkstatt Blumenfisch im Gebäude nebenan habe dagegen Miethilfe beim Senat beantragt. Die Werkstatt hat das bis Redaktionsschluss nicht bestätigt.

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Grafikdesigner Vincent Kraft am Durchgang zum leer geräumten Teil seines Büros.

Grafikdesigner Vincent Kraft am Durchgang zum leer geräumten Teil seines Büros.

© Emmanuele Contini

Die grauen Türen mit Plastikgriff, die schneeweißen Wände und die auffälligen Kabelleisten im Inneren des denkmalgeschützten Gebäudes passen eigentlich nicht zur äußeren Klinkerfassade. Einst waren die Stockwerke große, loftähnliche Hallen. Eine Telefongesellschaft zog nachträglich Wände ein. Lichtdesigner Schultze hat seine Kisten schon gepackt, nur noch der weiße Schreibtisch steht am Fenster. Darauf ein Bildschirm, ein paar Ordner und Notizen. Auf seine Arbeit angesprochen, klickt er sich mit der Maus durch Bilder von Lichtinstallationen in Berlin: LED-Ringe, die einen Wärmespeicher in Adlershof markieren.

Liz Magnos Skulpturen im Hintergrund sind menschlichen Körpern nachempfunden.

Liz Magnos Skulpturen im Hintergrund sind menschlichen Körpern nachempfunden.

© Emmanuele Contini

Zwei Türen weiter befindet sich dann ein typisches Atelier mit Pinseln, befleckten Farbeimern und kreativem Chaos. In einer Ecke werkelt eine alte Frau an einem Holzregal und versucht, die Bretter herauszunehmen. Liz Magno trägt einen weiten Rollkragenpullover, der sie noch kleiner erscheinen lässt, als sie ohnehin schon ist. Sie ist vor sieben Jahren aus den USA nach Berlin gezogen, auch weil sie von den niedrigen Mieten gehört hat. Sie schüttelt darüber den Kopf und lacht. Es ist bereits ihr viertes Atelier in Berlin, jedes Mal musste sie wegen Mieterhöhungen gehen.

„Als ich das erste Mal im Museum war, war ich acht Jahre alt und beschloss, Künstlerin zu werden“, sagt die heute 84-Jährige. Ihre Mutter war damit nicht einverstanden, Magno hat deshalb für den Staat New Jersey als Beraterin für Arbeitslose gearbeitet, sie holt bei ihrer Erzählung weit aus. Auch Magno und ihre Atelierpartnerin müssen in einen kleineren Raum ziehen. In Eile scheinen sie nicht zu sein.

Im oberen Stockwerk steht ein einsamer Kicker. Die Mieter der Goldleistenfabrik hatten ein gemeinsames Intranet und verstanden sich als Gemeinschaft. Am Dienstag war die Abschiedsparty. Man hätte viel öfter zusammen feiern sollen, meint Nils Schultze noch, bevor er seine Kartons hinausträgt. 

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