Nach Preiserhöhung und Tarif-Verwirrung wechseln Verbraucher in Rekordzahlen zur Konkurrenz

Vattenfall laufen die Kunden davon

Jakob Schlandt
4 Min

BERLIN.Wegen der Preiserhöhung zum 1. Juli und einer schweren Kommunikationspanne laufen dem Stromkonzern Vattenfall in Berlin scharenweise die Kunden davon. Wie eine Umfrage der Berliner Zeitung ergab, vermelden Konkurrenten durchweg einen Zustrom enttäuschter Verbraucher seit Anfang Mai, als Vattenfall eine Strompreiserhöhung um 6,5 Prozent bekannt gab. Nachdem Vattenfall in einem Infobrief günstige Tarife verschwieg und seinen Kunden eine zusätzliche Versicherungspolice aufdrängte, stieg die Zahl der Wechsler sogar noch an.So berichtete etwa Konkurrent Flexstrom von einem Anstieg der Anfragen zu Beginn des Vormonats, als Vattenfall die Preiserhöhung mitteilte. Die tagesgenauen Daten über Online-Verträge lassen dabei Rückschlüsse darauf zu, worüber die Vattenfall-Kunden sich besonders ärgerten. Als ab Mitte Mai die auch von Verbraucherschützern kritisierten Briefe an die Kunden verschickt wurden, sei die Nachfrage nach Flexstrom-Produkten bereits angezogen, so Sprecher Dirk Hempel. Anfang Juni, als die Presse das Thema wiederholt aufgegriffen habe, sei die Wechselbereitschaft noch einmal stark gestiegen. Vattenfall hat nach den Flexstrom-Angaben genau 1 156 Kunden allein im Mai an das Unternehmen verloren - die Verträge werden aber erst Anfang Juli umgestellt. In den Monaten davor wechselten nur je rund 350 Kunden von Vattenfall zu Flexstrom. Im Juni erwartet Hempel nach bisher vorliegenden Zahlen erneut mehr als tausend Wechsler.Ansturm aufs CallcenterDer Öko-Strom-Anbieter Lichtblick berichtet von der gleichen Situation: "Normalerweise wechseln etwa 750 Berliner Haushalte pro Monat von Vattenfall zu Lichtblick", sagte Sprecher Gero Lücking. "Allein im Mai waren es 1 588 und im Juni sind die bisherigen Zahlen so hoch, dass wir erwarten, über 2 000 Kunden abzuwerben." Dieser Ansturm gehe weit über das hinaus, was Lichtblick normalerweise bei einer Preiserhöhung von Vattenfall registriere. "Das ist eine klare Reaktion auf die Informationspolitik von Vattenfall", sagte Lücking.Einen Anstieg sogar auf das fünffache der normalen Wechselrate verzeichnete der Anbieter Eprimo: "Allein in den vergangenen vier Wochen haben wir 1 000 neue Kunden bei uns begrüßen können, die von Vattenfall gewechselt sind", sagte Eprimo-Sprecher Jürgen Rauschkolb. Normal seien in einem solchen Zeitraum lediglich 200 bis 300 neue Verträge. Selbst bei Preiserhöhungen von Vattenfall sei es in der Vergangenheit nie zu einem ähnlichen Kundenzustrom gekommen.Auch Heike Klumpe, Sprecherin von Nuon, bestätigte den Trend, allerdings ohne genaue Zahlen zu nennen: "Auf unser Callcenter für Neukunden hat ein regelrechter Run eingesetzt", sagte sie. Die Zahl der Mitarbeiter sei verdoppelt worden, es werde jetzt ein Drei-Schicht-System gefahren. "Und trotzdem kommt es hin und wieder zu kleinen Wartezeiten."Trotz der für sie günstigen Lage: Hämische Kommentare über Vattenfall verkniff man sich bei der Konkurrenz. "Diskussionen um den Monopol-Anbieter nützen uns natürlich", sagte Flexstrom-Sprecher Hempel lediglich. Und: "Uns freut es, wenn der Wettbewerb weiter in Gang kommt."Vattenfall hatte sich am Donnerstag für den Kundenbrief entschuldigt und angegeben, bisher hätten nur einige hundert Haushalte gekündigt. Konfrontiert mit den Wechselzahlen der anderen Anbieter sagte Vattenfall-Sprecher Olaf Weidner, dem Unternehmen lägen aktuelle Zahlen über Kundenverluste noch nicht vor. "Wir bekommen die Informationen erst stark zeitverzögert." So seien jetzt noch nicht einmal die Zahlen für Mai bei Vattenfall eingegangen, dies sei erst Ende Juni zu erwarten. "Erst dann können wir selbst beurteilen, ob und wie viele Kunden uns tatsächlich verlassen haben", so der Sprecher. Deshalb lehne Vattenfall derzeit einen Kommentar zu den Zahlen der Konkurrenz ab. Momentan werden rund 1,6 Millionen Haushalte in Berlin von Vattenfall versorgt, das sind 86 Prozent. Vattenfall gibt an, 2006 etwa zwei Prozentpunkte Marktanteil, rund 40 000 Kunden, eingebüßt zu haben.------------------------------Wechsel mit UmsichtVorsicht: Einige Stromversorger bieten Preisgarantien für bestimmte Zeiträume an. Eine solche Fixierung lohnt sich nur, wenn die Preise steigen. Bedenklich sind Angebote, bei denen der Kunde eine feste Strommenge (Pakete) kauft. Verbraucht er weniger, kriegt er das Geld nicht zurück. Verbraucht er mehr, muss er das meist teuer bezahlen. Vorauszahlungen sind bei einer Anbieter-Pleite weg.Auswahl: Den billigsten Anbieter finden Wechselwillige auf Internet- Seiten mit Tarifrechnern. Hier gelten folgende Richtwerte: Einpersonenhaushalt: 1 500 kWh/Jahr; Paare: 2 800 kWh/Jahr; Kleinfamilie: 4 000 kWh/Jahr.www.verivox.dewww.tarifvergleich.de/ energievergleiche/strom------------------------------Foto: Strom sparen oder wechseln: Jede gezählte Kilowattstunde wird teurer beim Konzern Vattenfall.

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