Der Regisseur Andreas Dresen inszeniert zurzeit am Schauspiel Leipzig ein Stück über Ibrahim Böhme, der beinahe noch Ministerpräsident der untergehenden DDR geworden wäre. Er wurde 1990 als IM enttarnt, seine Mitarbeit hat er nie eingestanden. Premiere ist am 15. Dezember. Warum ein Stück über Ibrahim Böhme?Uns hat sehr dieser merkwürdige Umstand interessiert, der in Umbruchsituationen solche schillernden Figuren hervorbringt. Bei den Nazis war es Hanussen, am Ende der DDR Böhme, Figuren, die man letztendlich nicht fassen kann, wo man die Wahrheit nie ganz erfährt. Wir suchen am Schauspiel Leipzig sehr nach solchen Themen, die mit uns, mit dem Verstehen der eigenen Identität zu tun haben. Dazu gehört in dieser Spielzeit eine weitere Uraufführung, "Kunstrasen" von Ulrike Syha. Das ist eine viel versprechende, gerade mal fünfundzwanzigjährige Autorin, die hier am Theater arbeitet und sich mit dem unmittelbaren Heute, mit dem schönen Schein, dem neuen Glanz befasst.Was verstehen Sie unter: "Wahrheit, die man nie ganz erfährt"?Hanussen oder Böhme stehen jeweils für die Unsicherheit einer ganzen Bevölkerung, sie sind Sumpfblüten der Unsicherheit. "Akte Böhme" von Eugen Ruge erzählt diese Art von persönlicher Verunsicherung, sie erzählt, dass der phantasiebegabte Manfred Böhme, der sich Ibrahim nannte, sich seine Geschichten so farbig einredete, dass er am Ende glaubte, sie hätten stattgefunden. Das Stück hat das Angezogensein von der Macht zum Thema. Es ist ein geradezu lächerlicher Vorgang, wie Böhme auf dem Bahnhof Magdeburg einmal Flugblätter auf die Gleise warf, nur um durch eine Verhaftung die Staatssicherheit auf seine persönlichen Probleme zu lenken. "Akte Böhme" ist im Wesentlichen ein Dokumentarstück, das auf Akteneinsicht und Recherche beruht, aber Fragen bleiben natürlich offen.Wollen Sie am Beispiel Böhme erzählen, dass die DDR-Bevölkerung eigenen Märchen, eigenen Lügen geglaubt hat?Am besten berichte ich von mir. Ich habe meine wichtigste Zeit in Dresden am Theater verbracht. In der Nähe, auf dem Postplatz, wo wir jeden Tag vorbeigingen, stand ein Kiosk. Wir haben uns oft erzählt, wenn um diesen Kiosk eine Mauer gebaut würde, dann wüssten wir ja genau, was sich dahinter befindet. Aber nach ein, zwei Jahren würden wir versuchen hinüberzusehen, ob nicht doch etwas Anderes dahinter wäre. Das ist mein Bild dafür, wie Wahrheit und Legende kaum mehr unterscheidbar wurden, wie sich Beurteilungen verschoben, falsche Hoffnungen entstanden.Auf der Informationsebene bringt das Böhme-Stück wenig Neues .Ich will nicht verhehlen, dass wir hier in Leipzig einen Zuschauer voraussetzen, der weiß, wovon geredet wird. Ein "unbedarfter Wessi" wird das Stück lesen und nicht wissen, wovon es handelt. Auch ich kann das Stück nur mit mir selber lesen. Unsere Vergangenheit ist nicht vorbei. Natürlich, es gibt kaum noch etwas "aufzuklären", aber eine wahre, produktive Auseinandersetzung hat bisher nicht stattgefunden, deshalb spielt die Tatsache, dass die sachliche Information über Ibrahim Böhme auch schon vor zehn Jahren zu bekommen war, keine Rolle. Es geht immer weiter. Ich bin jetzt Ende fünfzig, wir können aus unserer Haut sowieso nicht mehr heraus, und es wird uns bis zum Ende beschäftigen. Ich treffe auf junge Leute, für die ist es schön, dass sie das alles nicht wissen. Manchmal beneide ich sie.Warum hat die Auseinandersetzung nicht richtig stattgefunden?Ich kann wieder nur von mir sagen: Ich wollte nach der Wende so eine Art Finnlandisierung. Arm aber redlich. Diese fette Bundesrepublik fand ich auch schrecklich, deshalb war ich einer der Ersten, der den Aufruf "Für unser Land" unterzeichnete, und war entsetzt, als Egon Krenz auch unterschrieb, den Aufruf damit denunzierte. Wir hätten die Auseinandersetzung über uns gleich führen müssen, nachdem das schöne Gefühl, zu einer Mehrheit zu gehören, vorbei war. Wir hätten sofort wieder polemisieren müssen, und zwar gegen das, was war, und gegen das, was kam, und haben es doch versäumt. Die Selbstkontrolle, die eigene Disziplinierung, der vorauseilende Gehorsam, man könne nicht gleich wieder gegen etwas sein, hat es verhindert. So wurde uns die Diskussion von außen aufgezwungen.Der selbstständige Diskurs hätte die Eigenstaatlichkeit vorausgesetzt .Hätte sie das? Ich weiß nur, dass ich im November 1989 in Dresden auf einer Versammlung im Theater gesagt habe, bevor sich jemand mit uns beschäftigt, sollten wir es selber tun. Es fand nicht statt.Warum schweigen heute viele DDR-Intellektuelle beleidigt?"Wir dürfen jetzt ihre Sekretärinnen spielen" hat Jutta Wachowiak den Stand der Schauspieler nach der Wende beschrieben. Das würde ich ein bisschen übernehmen, damit hat sie den Vorgang der Kolonialisierung auf den Punkt gebracht. Aber das ist auch schon wieder diese Opferrolle, die will ich nicht. Diese Rolle hat man uns aufgezwungen, aber wir hätten alle Chancen gehabt, uns zu wehren, und haben es nicht getan. Wir hätten uns herumdrehen müssen, spätestens als aus "Wir sind das Volk" das "Wir sind ein Volk" wurde. Als Theatermann wusste ich damals in der Wende, wir werden die Sinnkrise, in die wir gefallen sind, mit unserm gut gelernten Handwerk für Jahre verdecken können. Erst 1994, als ich "Titus Andronicus" am Wiener Burgtheater inszenierte, wusste ich endlich wieder genau, warum ich es noch mache, dieses Theater! Inzwischen bin ich fast ideologiefeindlich geworden, empfinde es als peinlich, mich öffentlich zu großen Themen zu äußern. Das kostet doch so gar nichts mehr. Ich kann alles vorwärts oder rückwärts, positiv oder negativ, lächerlich oder ernst sagen, egal, es passiert nichts. Die Entscheidung am 6. Oktober 1989 in Dresden im Theater mit unserer Resolution vor den Vorhang zu treten, hatte allen Mut gekostet.Warum sind die "Sekretärinnen" denn heute so brav?Es ist ein Komplex aus Abhängigkeitsverhältnissen und von Selbstfindungsprozessen. Ich wurde 1991 Regisseur in Frankfurt am Main. Wir waren dort Niemande. Wir mussten überhaupt erst einmal beweisen, dass wir das Recht hatten, auf der Bühne zu stehen. Die Schauspieler, die mit mir gekommen waren, sind durch diese Hölle alle viel besser geworden. Ich will keinen Hehl machen aus meiner Hilflosigkeit, aber ich will hier in Leipzig versuchen den Radius, den ich ausfüllen kann, bewusst zu füllen. In meinem kleinen Radius anständig und bewusst zu leben, füllt mich aus. Ich versuche, das Schauspiel als ein offenes Haus zu führen.Welche Art Theater machen Sie?Ich bin ein altmodischer Anhänger des Stadttheaters. Es soll ein Kommunikationszentrum, das (Fortsetzung auf Seite 12) (Fortsetzung von Seite 11) lebendige Zentrum einer Stadt sein. Wir wollen die Welt durchspielen, und zwar mit Lust, unterhaltend und aufklärend, in vergnüglicher Koexistenz sehr verschiedener Handschriften. Wir wollen mit dem Publikum identisch werden, das heißt, wir wollen herausfinden, was es wirklich braucht, und darin sind wir erfolgreich. Die Akzeptanz ist groß. Wir haben verhältnismäßig wenig Abbonnenten, 2 100 Abbonnenten sind für einen Betrieb mit drei Spielstätten - Großes Haus, Neue Szene und die Experimentierspielstätte Horch und Guck - zu wenig. Aber abends stehen viele junge Leute an der Kasse. Das ist das Publikum, das ich will.Spielen Sie noch DDR-Theater?So genau kann ich das nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr so inszeniere wie vor zehn Jahren. Aber manchmal wünschte ich mir natürlich den polemischen Zugriff, den "Holzhammer" von damals zurück, der Wirkung auf die Zuschauer wegen. Ein Schauspieler sagte mir neulich: Du müsstest wieder ungerechter werden! Das gibt mir zu denken. Ich glaube, dass ich in vielem Denken ein DDR-Bürger bin. Ich versuche das Theater als ein kollektives Unternehmen zu begreifen. Aber ich bin auch ein Dinosaurier. Ich versuche das deutsche Stadttheater aufrechtzuerhalten. Das System Stadttheater ist tot, aber es stirbt nur langsam, es wird uns noch überleben, und in den großen Städten dauert es noch länger. Ich bin einer seiner letzten Verwalter. Es ist ein Kosmos, nichts weniger. Wenn man mir eine meiner drei Bühnen schließen wollte, würde ich sagen: Jetzt müsst ihr euch einen anderen suchen.Sie sind ein Heiner-Müller-Fan, warum spielen Sie seine Stücke nicht?Nur "Quartett" würde ich noch spielen. Ich verneige mich vor allen seinen Texten. Müller hat sie gegen die Mauer geworfen. Jetzt ist die Mauer nicht mehr da, jetzt finde ich die Stücke manchmal wie Blut und Boden. Mein Verhältnis zu Heiner Müller hat sich geradezu umgedreht. Aber vielleicht kehrt es zurück, auf naive Weise.Warum die DDR-Intelligenz heute schweigt, haben wir doch noch nicht herausgefunden .Was kann ich vermuten? Manchmal denke ich, ich muss mit alten Männern nicht polemisieren, denke in großer Überheblichkeit, ich lasse sie dumm sterben. Ich ertappe mich dabei, dass ich so denke, aber das ist natürlich nicht alles. Früher, wenn ich im Westen war, war ich immer zu Besuch, und konnte wieder nach Hause fahren. Eines Tages war ich nur noch zu Besuch und konnte nicht mehr nach Hause, in ein ungeliebtes Zuhause, aber eben ein Zuhause. Es ist ja immer noch so, wenn ich fernsehe, sehe ich Westfernsehen, selbst die PDS-Abgeordneten sind im Westfernsehen. Was meine ich eigentlich? Als die Israeliten aus Ägypten auszogen, waren sie vierzig Jahre durch den Sinai unterwegs, bis alle Alten tot waren. Die Wiedervereinigung gibt es in dreißig Jahren, vorher nicht. In diesem Niemandsland leben wir weiter. Fragt sich also, aus welchen Quellen speist sich in den nächsten Jahren meine Kraft. Da gibt es bei mir alle Arten von Reaktionen, von Trotz bis Überheblichkeit. Ich würde mich ja nie einmischen in den Alltag, zum Beispiel eines Franzosen, aber in unseren Alltag hat sich jeder eingemischt, versehen mit guten Ratschlägen. Es hat mich nicht aggressiv gemacht. Ich bin vielleicht etwas weise geworden. Das sage ich mit Ironie. Außerdem weiß ich nicht, ob es nicht einfach doch die Midlife-Crisis ist.Die hat man doch mit vierzig. Sie gehen langsam auf die sechzig.Bei uns ist das später, bei uns kommt doch alles später.Das Gespräch führte lebendige Zentrum einer Stadt sein. Wir wollen die Welt durchspielen, und zwar mit Lust, unterhaltend und aufklärend, in vergnüglicher Koexistenz sehr verschiedener Handschriften. Wir wollen mit dem Publikum identisch werden, das heißt, wir wollen herausfinden, was es wirklich braucht, und darin sind wir erfolgreich. Die Akzeptanz ist groß. Wir haben verhältnismäßig wenig Abbonnenten, 2 100 Abbonnenten sind für einen Betrieb mit drei Spielstätten - Großes Haus, Neue Szene und die Experimentierspielstätte Horch und Guck - zu wenig. Aber abends stehen viele junge Leute an der Kasse. Das ist das Publikum, das ich will.Spielen Sie noch DDR-Theater?So genau kann ich das nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr so inszeniere wie vor zehn Jahren. Aber manchmal wünschte ich mir natürlich den polemischen Zugriff, den "Holzhammer" von damals zurück, der Wirkung auf die Zuschauer wegen. Ein Schauspieler sagte mir neulich: Du müsstest wieder ungerechter werden! Das gibt mir zu denken. Ich glaube, dass ich in vielem Denken ein DDR-Bürger bin. Ich versuche das Theater als ein kollektives Unternehmen zu begreifen. Aber ich bin auch ein Dinosaurier. Ich versuche das deutsche Stadttheater aufrechtzuerhalten. Das System Stadttheater ist tot, aber es stirbt nur langsam, es wird uns noch überleben, und in den großen Städten dauert es noch länger. Ich bin einer seiner letzten Verwalter. Es ist ein Kosmos, nichts weniger. Wenn man mir eine meiner drei Bühnen schließen wollte, würde ich sagen: Jetzt müsst ihr euch einen anderen suchen.Sie sind ein Heiner-Müller-Fan, warum spielen Sie seine Stücke nicht?Nur "Quartett" würde ich noch spielen. Ich verneige mich vor allen seinen Texten. Müller hat sie gegen die Mauer geworfen. Jetzt ist die Mauer nicht mehr da, jetzt finde ich die Stücke manchmal wie Blut und Boden. Mein Verhältnis zu Heiner Müller hat sich geradezu umgedreht. Aber vielleicht kehrt es zurück, auf naive Weise.Warum die DDR-Intelligenz heute schweigt, haben wir doch noch nicht herausgefunden .Was kann ich vermuten? Manchmal denke ich, ich muss mit alten Männern nicht polemisieren, denke in großer Überheblichkeit, ich lasse sie dumm sterben. Ich ertappe mich dabei, dass ich so denke, aber das ist natürlich nicht alles. Früher, wenn ich im Westen war, war ich immer zu Besuch, und konnte wieder nach Hause fahren. Eines Tages war ich nur noch zu Besuch und konnte nicht mehr nach Hause, in ein ungeliebtes Zuhause, aber eben ein Zuhause. Es ist ja immer noch so, wenn ich fernsehe, sehe ich Westfernsehen, selbst die PDS-Abgeordneten sind im Westfernsehen. Was meine ich eigentlich? Als die Israeliten aus Ägypten auszogen, waren sie vierzig Jahre durch den Sinai unterwegs, bis alle Alten tot waren. Die Wiedervereinigung gibt es in dreißig Jahren, vorher nicht. In diesem Niemandsland leben wir weiter. Fragt sich also, aus welchen Quellen speist sich in den nächsten Jahren meine Kraft. Da gibt es bei mir alle Arten von Reaktionen, von Trotz bis Überheblichkeit. Ich würde mich ja nie einmischen in den Alltag, zum Beispiel eines Franzosen, aber in unseren Alltag hat sich jeder eingemischt, versehen mit guten Ratschlägen. Es hat mich nicht aggressiv gemacht. Ich bin vielleicht etwas weise geworden. Das sage ich mit Ironie. Außerdem weiß ich nicht, ob es nicht einfach doch die Midlife-Crisis ist.Die hat man doch mit vierzig. Sie gehen langsam auf die sechzig.Bei uns ist das später, bei uns kommt doch alles später.Das Gespräch führte Detlef Friedrich."Manchmal denke ich, ich muss mit alten Männern nicht polemisieren. " Wolfgang Engel.OSTKREUZ/UTE MAHLER 25. März 1990, Berlin-Ost, Chodowieckistraße: Ibrahim Böhme auf dem Weg in seine Wohnung.
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