Industrie

Nachbarn hängen Deutschlands Industrie ab: Jetzt reagiert das Wirtschaftsministerium

Deutschlands Industrie schrumpft, während die Nachbarn massiv zulegen. Wir haben das Wirtschaftsministerium damit konfrontiert. Wie bewertet es den Rückstand?

4 Min
Wirtschaftsministerin Reiche und Bundeskanzler Merz am 20. Oktober beim Gipfel „Invest in Germany“ in Berlin. Symbolbild.

Wirtschaftsministerin Reiche und Bundeskanzler Merz am 20. Oktober beim Gipfel „Invest in Germany“ in Berlin. Symbolbild.

© IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Deutschlands Industrie hat demnach 2025 knapp elf Prozent weniger produziert als 2015. Polen hat im selben Zeitraum um 54 Prozent zugelegt, Dänemark um 48 Prozent und Österreich um 23 Prozent. Sieben der neun unmittelbaren Nachbarländer haben ihre Produktion gesteigert. Deutschland gehört zu den wenigen Verlierern. Das zeigt eine Auswertung der Eurostat-Zahlen durch die Berliner Zeitung.

Dabei hat der Rückgang bereits vor der Energiekrise begonnen: Schon 2021 lag Deutschlands Industrieproduktion rund 4,1 Prozent unter dem Niveau von 2015. Wie bewertet das Bundeswirtschaftsministerium diesen Rückstand? Und was unternimmt die Bundesregierung von Friedrich Merz (CDU), damit die Produktion wieder steigt?

„Die deutsche Wirtschaft insgesamt steht gegenwärtig unter erheblichem Druck“, schreibt das von Katherina Reiche (CDU) geführte Ministerium auf Anfrage der Berliner Zeitung. Es nennt hohe Energie-, Produktions- und Arbeitskosten sowie Fachkräftemangel. Hinzu kämen geopolitische Konflikte, handelspolitische Spannungen und ein „starker und in Teilen verzerrter internationaler Wettbewerb“.

Wirtschaftsministerium verweist auf stabilere Wertschöpfung

Das Ministerium betont zugleich, dass der Produktionsrückgang allein nicht die gesamte Lage der Industrie abbildet. „Die preisbereinigte Bruttowertschöpfung hat sich in den letzten Jahren deutlich stabiler als die Industrieproduktion entwickelt“, so die Pressesprecherin.

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Mit der Bruttowertschöpfung ist der Wert gemeint, den Unternehmen selbst schaffen: Vom Produktionswert werden die zugekauften Bauteile, Rohstoffe und Dienstleistungen abgezogen. Ein Hersteller kann beispielsweise weniger Waren produzieren, dafür aber stärker auf aufwendige Spezialprodukte setzen. Dann kann mehr Wert im eigenen Unternehmen entstehen, obwohl die Produktion insgesamt sinkt.

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Das Ministerium beruft sich auf eine ifo-Untersuchung vom Februar 2024. Die Ökonomen beschreiben unter anderem eine Verschiebung hin zu Produkten, in denen mehr Forschung und Entwicklung stecken. Die Untersuchung reicht allerdings nur bis 2023. Wie sich die Lage bis 2025 weiterentwickelt hat, zeigt sie nicht.

Auch auf das weiterhin große Gewicht der Industrie verweist das Ministerium. Nach den von ihm genannten vorläufigen Eurostat-Zahlen entfielen 2025 auf das Verarbeitende Gewerbe 19,4 Prozent der deutschen Bruttowertschöpfung. Im Durchschnitt der 27 EU-Staaten seien es 15,8 Prozent gewesen. Der hohe Industrieanteil erklärt allerdings wiederum nicht, warum Deutschlands Produktion gegenüber den Nachbarn zurückgefallen ist.

Hohe Energiekosten treffen die Industrie besonders

Wie stark die Energiekrise Teile der Industrie belastet hat, verdeutlicht das Ministerium mit eigenen Zahlen. Zwischen dem Beginn der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 und März 2026 ist die Produktion der energieintensiven Industriezweige demnach saison- und kalenderbereinigt um 15,2 Prozent gesunken. Im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt habe das Minus im selben Zeitraum 9,5 Prozent betragen. Das Ministerium verweist dabei auch auf die wirtschaftlichen Folgen zuletzt des Iran-Krieges.

Zugleich müssen die Unternehmen nach Darstellung des Ministeriums in digitale Technik und klimafreundlichere Produktionsverfahren investieren. Das bindet zusätzlich Geld, während hohe Energie- und Produktionskosten die Betriebe bereits belasten.

Merz-Regierung verweist auf Entlastungen bei Strom und Gas

Bei den Energiekosten sieht das Ministerium bereits Fortschritte. Es verweist auf die dauerhaft gesenkte Stromsteuer für das Produzierende Gewerbe und die Land- und Forstwirtschaft, Zuschüsse zu den Übertragungsnetzkosten und die abgeschaffte Gasspeicherumlage.

Die EEG-Kosten trägt weiterhin der Bundeshaushalt. Hinzu kommen nach Angaben des Ministeriums die rückwirkend für 2025 ausgeweitete Strompreiskompensation und der Industriestrompreis für 2026 bis 2028.

Schnellere Genehmigungen und weniger Bürokratie sollen Investitionen erleichtern. Außerdem nennt das Ministerium Reformen des Arbeitsmarktes und der Sozialsysteme sowie neue Handelsabkommen.

Dem BDI geht die Umsetzung allerdings nicht schnell genug. „Aus Ankündigungen müssen jetzt endlich Taten werden“, fordert der Verband in einer veröffentlichten Stellungnahme zur Modernisierungsagenda. Erste Reformschritte erkennt er an. Beim Bürokratieabbau und bei Genehmigungsverfahren müssten Unternehmen aber schneller spürbar entlastet werden.

Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer hält die bisherigen Schritte für unzureichend. Energie- und Arbeitskosten, Unternehmensteuern und bürokratische Lasten blieben zu hoch. „Deutlich mehr Betriebe kürzen ihre Investitionen, als sie ausweiten“, erklärte DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov am 8. Oktober. Wer investiere, ersetze vor allem Bestehendes, statt zu wachsen.

Wann die genannten Maßnahmen wieder zu steigender Industrieproduktion führen sollen, sagt das Wirtschaftsministerium nicht. Auch die Frage, warum Deutschland gegenüber fast allen Nachbarn zurückgefallen ist, bleibt ohne konkrete Antwort.

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