In Pankow und Wandlitz war die Rede von der "Selbständigen politischen Einheit Westberlin", sich selbst stilisierten die West-Berliner als "Insulaner", der große Dichter Ronald M. Schernikau wiederum stellte fest: "die insel ist die vergangenheit". Für die Feuilletonredakteure des "Spiegels" war der Ort, an dem gleich die ganze "freie Welt" verteidigt wurde, kaum mehr als ein "Großbielefeld". Das alles war West-Berlin. Und davon ist kaum mehr etwas übrig, diese Halbstadt lebt heute, wenn überhaupt noch, in der künstlichen Empörung über die Schließung des Flughafens Tempelhof oder in der wahrhaften Trauer um die "Berlinzulage" weiter. Doch nicht alle blieben nur wegen des Lohnzuschlages in Berlin (West), manche wurden von der Insel sogar magisch angezogen. Es gab, wie Gert Mattenklott am Mittwochabend sagte, ein ungemein kritisches Potenzial bei jenen, die sich vor dem Wehrdienst auf die Insel flüchteten, oder jenen, die die schwule Subkultur suchten.Das Literaturhaus in der Fasanenstraße war der passende Ort, um die neueste Nummer der "Zeitschrift für Ideengeschichte" vorzustellen, die der "Insel West-Berlin" gewidmet ist. In dem Heft finden sich unakademisch aufgemachte Artikel über das "Wilde Denken" und das West-Berlin-Bewohnen als "Lebensform", wie es der Herausgeber Wolfert von Rahden ausdrückte. Der Veranstaltungsraum war mehr als gut gefüllt, doch mutete es wie ein Klassentreffen an, die Damen und Herren nickten einander zu und waren zumeist über 60. Das akademische West-Berlin hatte noch einmal zusammengefunden.Gemeinsam mit seinem Mitherausgeber Stefan Schlak moderierte von Rahden das Gespräch, das insofern seltsam schien, als dass neben Mattenklott der Historiker Karl Schlögel eingeladen worden war, der keinen Beitrag zu dem Heft geleistet hatte. Dies jedoch nur aus Zeitgründen, was er nun sehr bedauere, "denn das Heft ist gut".Verhockt und bourgeoisDas aber konnte er nicht ganz ernst gemeint haben, denn in der Debatte, die keine wurde, weil Schlögel und Mattenklott aneinander vorbei redeten, zeigte sich, dass der Historiker etwas ganz anderes erwartet hatte als Mattenklott. Während sich der Literaturwissenschaftler fröhlich zum eigenen unkonventionellen Denken bekannte, und in West-Berlin die "einzige Großstadt" in Deutschland erblickt haben wollte, wandte sich Schlögel gegen jede Verklärung der "Insel auf der Insel", also der intellektuellen Szene West-Berlins. Sie sei "verhockt" gewesen, erklärte Schlögel, unfähig, die "Klopfzeichen" aus dem Osten wahrzunehmen, ständig mit sich selbst beschäftigt. Daher verwunderte es nicht, dass er vor allem einen Beitrag des Heftes hervorhob, der sich der Geschichte des Merve Verlags widmet und von Philipp Felsch stammt, dem zweitjüngsten Beiträger zum Schwerpunkt. Während die älteren Herren, die, wie Schlak meinte, allesamt aus dem 68er-Milieu "gecastet" worden waren, verfügt Felsch über den nötigen Abstand, um auf die Phänomene West-Berlins zu schauen. Auf diese Weise müsse, so Schlögel, eine Geschichte des intellektuellen Raums West-Berlins geschrieben werden, eine Geschichte, die er bislang vermisse. Darin müsse auch die "Restbourgeoisie" um Wolf Jobst Siedler oder Nicolaus Sombart Beachtung finden, aus der heraus einige Denkimpulse kamen, die zumindest dem ehemaligen Maoisten Schlögel halfen, allzu starre Denkmuster zu überwinden. Und eben nicht nur ein linksliberales Milieu, das sich heute selbst für seine Verdienste feiere.Doch nach diesen belebenden Invektiven ließ sich Schlögel zu sehr auf die Rolle des Osteuropaexperten festnageln, während sich Mattenklott den Franzosen und Amerikanern in die Arme treiben ließ. Die Verdienste, deretwegen sich das linksliberale Milieu zu Recht oder zu Unrecht rühmt, wurden nicht konkreter benannt. Man hätte sie eigentlich gern mal kennengelernt.
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