SINGAPUR. Das Völkerkundemuseum von Singapur, das sich mit der "Zivilisation Asiens" beschäftigt, liefert den Anschauungsunterricht über die Auswüchse des Fortschritts jetzt direkt vor der Tür auf der Straße: Das Kolonialgebäude ist von den Gittern der Strecke umzingelt, auf der die Formel 1 der Dunkelheit trotzen will. Aus den Lautsprechern plärrt der Song "Take My Breath Away", aus der Jetpiloten-Schnulze Top Gun - die ideale Hymne beim Straßenkampf gegen den Uhrzeigersinn. Was für ein Kulturschock, was für ein faszinierendes Spektakel, wenn im fernen Osten die Sonne untergeht und die Formel 1 zur 100 Millionen Euro teuren Nachtschicht erwacht.Steve Nielsen, Teammanager von Renault, wollte angesichts der drohenden Verdunklungsgefahr seine Mechaniker ursprünglich mit Grubenlampen ausrüsten, um den Durchblick beim Rennen, das um 20 Uhr Ortszeit gestartet wird, zu behalten. Doch die Nachtsafari im Asphaltdschungel wird in Wahrheit zur Erleuchtung. Sogar Bäume und Hochhausfassaden werden mit hübschen Motiven angestrahlt.Den Gegenpart zur Finsternis spielt der Italiener Valerio Maioli, der es Licht werden lässt auf der schiefen Asphalt-Acht, die sich durch die City und über zwei Brücken auf fünf Kilometern durch die Straßenschluchten schlängelt und zwischen April und Juni rennwagentauglich geteert wurde. Maioli ist der Herr über 240 Masten, 108 423 Meter Kabel, 1500 Scheinwerfer und etliche Generatoren. Er verspricht drei Millionen Watt Lichtleistung, das ist viermal so hell wie das Flutlicht in Fußballstadien. Die meisten Fahrer benutzen deshalb polarisierende Helmvisiere, die wie Sonnenbrillen wirken. Flaggensignale gibt es auf Digitaltafeln, die Reifenmarkierungen reflektieren, die Lämpchen an den Lenkrädern leuchten greller.61 Mal drehen sich die Boliden auf dem Marina Bay Circuit auch um den 165 Meter hohen Singapore Flyer. Eine gewinnträchtige Late-Night-Show. Der zweite neue Stadtkurs nach Valencia deckt durch die späte Austragung perfekt die wichtigsten Fernsehmärkte ab: Die Übertragungen fangen zur üblichen Nachmittagsstunde in Europa an, Asien erlebt das nächtliche Schauspiel in der Prime Time. 500 Millionen TV-Gucker wollen die Veranstalter erreichen, eine Dauerwerbesendung für den Stadtstaat mit seiner spektakulären Kulisse. Etwa 50 Millionen Euro sollen die Touristen in die Hafenstadt spülen. Die Kosten für die Attraktion teilen sich der Staat (zwei Drittel) und Multiunternehmer Ong Beng Seng. Eine Sondersteuer soll die Investitionen von angeblich 100 Millionen Euro refinanzieren.Wenn es schummrig wirdDer Ansturm auf die 100 600 Tickets war so groß, dass in der sonst so hyperperfekten Stadt das Vorverkaufssystem zusammenbrach. 43 Prozent der Karten sollen an Ausländer gegangen sein. Angezogen von der Verdunklungs-Gefahr. Auf den Geraden wird dreimal Tempo 300 erreicht, 50 Prozent der Strecke erlauben Vollgas, der Rest erfordert angesichts scharfer Kurven und Schikanen heftige Bremsmanöver. Angeblich lässt es sich in Singapur sogar richtig überholen.Die größte Unbekannte ist das Wetter, je nach Pessimismus liegt die Prognose für Regenwahrscheinlichkeit zwischen 50 und 90 Prozent. Dann droht sich das Spektakel zum Chaos auszuwachsen. "Wie es ist, bei 300 km/h und dazu möglicherweise Regen mit dem künstlichen Licht klarzukommen, muss man kurzfristig sehen", sagt BMW-Pilot Nick Heidfeld. Falls man dann noch etwas sieht. Wenn es Rennfahrern schummrig wird, überspielen sie das mit einem routinierten verbalen Tempowechsel: "Singapur - dazu fällt mir nur ein: Licht aus, Fuß runter", sagt Monza-Sieger Sebastian Vettel, "die Strecke wird der Hammer." Immerhin soll die schmalste Stelle der breitesten von Monte Carlo entsprechen.------------------------------Foto: Noch fließt hier ganz normaler Stadtverkehr: Singapur liefert der Formel 1 eine neue, hübsche Kulisse.
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