MÜNCHEN. Aussagen aus der Millionenbranche Fußball, das weiß man, haben zumeist die Halbwertszeit einer Eintagsfliege, nur bei Louis van Gaal, das glaubte man zu wissen, ist das nicht so. Der Niederländer gilt als Ehrenmann, der nicht einmal die Presse anlügt; lieber sagt er "das beantworte ich nicht", oder "das müssen Sie wissen". Vom Nachgang des wenig glamourösen 3:1 des FC Bayern gegen den Sechstligisten Neckarelz ist nun folgende Aussage überliefert: "Ich denke, dass gegen Hoffenheim die Mannschaft anfängt, die gegen Neckarelz gespielt hat." Sechs Tage später und kurz vor dem Bundesligastart der Bayern in Hoffenheim ist diese Einschätzung weitgehend wertlos. Das aber liegt, immerhin, nicht unbedingt an van Gaal.Der Trainer muss den Ereignissen des Tagesgeschäfts folgen, und dabei stehen zuvorderst die Ereignisse des Mittwochstrainings an. Gleich drei Spieler gingen verletzt oder zumindest angeschlagen aus dieser Einheit: Martin Demichelis mit einem Bänderriss, José Sosa mit einer Prellung, Miroslav Klose mit einer Knochenhautentzündung. Demichelis, nach einer "konzentrierten Vorbereitung" (Sportdirektor Christian Nerlinger) Holger Badstuber vorgezogen, wird nun von ebenjenem ersetzt, wie van Gaal am Freitag bestätigte. Klose kann ebenfalls in Hoffenheim nicht spielen, an seiner Stelle wird wohl Ivica Olic auflaufen, der aber auch noch leicht angeschlagen ist.Reise nach FrankreichWeitere mögliche Umstellungen lehrte das nicht öffentliche Donnerstagstraining. Da veränderte van Gaal im Schutz der Ruhe die Besetzung der wichtigsten Position seiner Mittelfeldraute - der Zehn, der des Spielmachers also. Franck Ribéry ist ja weiterhin nicht einsatzfähig, wenngleich er wieder mit dem Team trainiert. Die Reise nach Hoffenheim aber wird er nicht antreten, er bleibt in München und fährt dann, so das Ergebnis der Rücksprache van Gaals mit dem französischen Nationaltrainer Raymond Domenech, zur Nationalelf, zu Trainings- und Luftveränderungszwecken - aus letzterem Grund ist auch Luca Toni mit van Gaals Erlaubnis bereits nach Italien gereist.Auf der Zehn, sagt van Gaal, "spielt normalerweise der beste Fußballer", weitere Anforderungen sind: "Immer in der Nähe der Stürmer sein, den Rücken der Gegenspieler sehen, ballsicher und kreativ sein, bei Ballbesitz des Gegners für die Mannschaft arbeiten." Bislang testete van Gaal dafür José Sosa, Alexander Baumjohann und Thomas Müller, gegen Neckarelz lief Müller als Zehn auf. Am Donnerstag aber testete van Gaal eine Variante, die er noch im Trainingslager in Donaueschingen ausschloss: Bastian Schweinsteiger. Auf der eigentlich für ihn vorgesehenen Position im linken Mittelfeld übte Danijel Pranjic, dahinter Edson Braafheid.Dass Schweinsteiger zum Kandidatenkreis für die Zehn stößt, überrascht, einerseits. Andererseits betont van Gaal seit Wochen seine Wertschätzung für "Sebastian", und jetzt machte van Gaal Schweinsteiger gar zum dritten Kapitän hinter Mark van Bommel und Philipp Lahm. Der Trainer verkündete die Entscheidung im Stile einer Staatsansprache, die Kapitäne haben für ihn große Bedeutung: "In der Theorie denke ich, dass die drei Kapitäne immer spielen." Wechsel aufgrund von Formschwankungen seien natürlich nicht ausgeschlossen.Nach einer mäßigen Saison und einer unglücklichen Vorbereitung, in der er aufgrund einer Operation meist fehlte, ist Schweinsteiger zu einem der wichtigsten Spieler aufgestiegen. "Ich habe für diese Entscheidung extra wegen ihm so lange gewartet", sagt van Gaal, er wollte Schweinsteiger besser kennenlernen, um zu prüfen, ob er "meine Normen und Werte hat". Als erster Kapitän sei Schweinsteiger nicht in Frage gekommen, "das war für mich von Anfang an van Bommel."Man hätte den Trainer dann gerne noch gefragt, weshalb er so vehement an jenem Rautensystem festhält, das ihm neben der Suche nach der Zehn auch noch das Problem beschert, in Anatoli Timoschtschuk einen ausgezeichneten defensiven Mittelfeldspieler auf der Bank platzieren zu müssen. Aber einen Tag vor dem ersten Saisonspiel, das ist kein guter Zeitpunkt für so eine Frage. Zumal van Gaal selbst schon eine passende Antwort gab: "Nach dem Spiel in Hoffenheim wissen wir, wo wir stehen."------------------------------Foto: Nicht bewegen, bitte! Bald ist die Schweinsteiger-Heldenbüste fertig.
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