Es war eigentlich nur eine Pressekonferenz geplant, um ein paar Namen vorzulesen, die demnächst gegen den Ball treten dürfen. Doch wer den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp auf das Podium bittet, der bekommt eben keine bloße Liste, sondern einen kleinen Staatsakt. Was wir in der Frankfurter DFB-Zentrale erlebten, war eine regelrechte Rede an die Nation, eine Art vorgezogene Weihnachts- oder Neujahrsansprache, die in ihrer staatstragenden Wucht fast vergessen machte, dass es hier eigentlich nur um Fußball gehen sollte.
Klopp füllte mit seinem Charisma ein Vakuum aus, das im Kanzleramt und im Schloss Bellevue seit Jahren klafft. Dem Kanzler und dem Bundespräsidenten ist es oft genug misslungen, das Land zu einen, also versucht es nun eben mal der oberste Fußballlehrer des Landes. Aber Achtung: Bei aller Begeisterung lauern hier auch Gefahren.
44 Spieler für den neuen Bundestrainer: Jürgen Klopp spielt 3-D-Schach
Das Glück, in Deutschland zu leben
Die erste Kaderpräsentation von Jürgen Klopp diente dabei als Kulisse für intelligent versteckte politische Statements, die es in sich hatten. Nur ein Schelm mag vermuten, dass diese Worte so kurz vor einem entscheidenden Wahlsonntag fielen, an dem es um nicht weniger geht als die Zukunft der Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Berlin und vor allem die von Bundeskanzler Friedrich Merz.
Klopp sprach über die jüngsten politischen Entwicklungen mit einer Offenheit, die man in Berlin vergeblich sucht. Er sagte wörtlich: „Es hat eine Wahl stattgefunden, die manche Leute wahrscheinlich okay fanden; viele andere haben gedacht: ‚Du lieber Himmel, was passiert denn da?‘“ Er betonte zwar, dass er das nicht zu „groß machen“ wolle und kein Fachmann sei, sondern nur ein interessierter Laie wie die meisten, und dass er nicht hoffe, dass er „in Zukunft in Pressekonferenzen sehr häufig über politische Dinge sprechen muss“.
Der Bundestrainer erklärte, er würde sich gerne die schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne „zurückholen“. Er will nicht, „dass, wenn sie einer schwenkt, jemand denkt: ‚Was ist mit dir nicht in Ordnung?‘“. Stattdessen sollte man happy sein und verstehen, dass man Glück hatte, „in diesem wundervollen Land zu leben“.
Besser als zehn Jahre Steinmeier
Dabei möchte Klopp den Nationalstolz nicht den „falschen Leuten überlassen“. Er fragte rhetorisch, ob man stolz sein kann und trotzdem „offen, vielfältig, nett und freundlich“, um es mit einem überzeugten „Ich bin zu 100 Prozent sicher, ja“ zu beantworten. Man muss sich das einmal vorstellen: Da steht ein Mann mit dem schwarz-rot-goldenen Emblem eines bekannten Sportartikelherstellers auf der Kappe im Trainingsanzug und hält eine bessere Rede als Phrasendrescher-Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in den letzten zehn Jahren seiner Amtszeit.
Wie sehr Klopp damit einen Nerv traf, zeigte die mediale Resonanz. Die Tagesschau machte den Bundestrainer um 20 Uhr zum ersten Beitrag und widmete ihm fast vier Minuten Sendezeit, noch vor Nachrichten zur kanadischen EU-Annäherung oder den neuen US-Sanktionen gegen Russland. Verständlich, die Nation will endlich wieder siegen, und Klopp ist ein Gewinner. Da sollen sich von der Leyen und Trump mal hinten anstellen.
Der Focus schrieb begeistert von einer „Deutschland-Rede“, die unbeirrt, besonnen und klug gewesen sei. Bei der Bild-Zeitung wurde es sogar emotional, als Chefautor Peter Tiede im Vodcast fast den Tränen nahe erklärte, Klopp habe ihm aus dem „Herzen gesprochen“.
Zustimmung von der grünen „Fußballexpertin“
Doch wo so viel Licht ist, kriechen auch Gestalten aus dem Schatten, die sich im sportlichen Diskurs eigentlich längst disqualifiziert haben sollten. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt wagte sich wieder aus der Deckung, obwohl sie in der Vergangenheit eher mit sportlicher Selbstbeschädigung glänzte. Man erinnere an die Heim-EM 2024, als sie nach dem Sieg gegen Ungarn auf X schrieb: „Diese Mannschaft ist wirklich großartig. Stellt euch kurz vor, da wären nur weiße deutsche Spieler.“
Nach massiven Rassismus-Vorwürfen löschte sie den Post zwar und entschuldigte sich, doch der Eindruck einer bizarren Fixierung auf Hautfarben und vermeintlicher gut gemeinter Vielfalt blieb hängen. Nun reagierte sie auf Klopps patriotische Töne prompt mit: „Find ich gut. Wir spielen im selben Team.“
Wenn so viel geballte grüne Fußballexpertise den Bundestrainer lobt, dann muss man sich unweigerlich fragen, ob da nicht etwas ganz gewaltig faul ist.
Das Gespenst von Doha
Die Gefahr ist real, denn die Mischung aus Fußball und Politik ist in der jüngeren Vergangenheit selten gut ausgegangen. Der größte Beweis dafür ist die WM in Katar, bei der Bundes-Coach Hansi Flick unter anderem an der Politisierung des Sports scheiterte.
Während die Spieler sich symbolisch den Mund hielten und damit gegen ein Regenbogenbinden-Verbot protestierten – und später blamabel ausschieden, glänzte Innenministerin Nancy Faeser auf der Ehrentribüne mit der One-Love-Binde am Arm. Es war ein Höhepunkt deutscher moralischer Arroganz, die an Gastgeberbeleidigung grenzte und im Ausland mit blankem Hohn beantwortet wurde. Als die Kataris ebenfalls ihren Mund zuhielten und der deutschen Mannschaft zum Abschied winkten, war das Bild der gescheiterten deutschen moralischen Überheblichkeit perfekt.
Klopps Statements wirken im Vergleich dazu subtiler. Er ist schlau genug, sich nicht als Galionsfigur für Woke-Kräfte instrumentalisieren zu lassen und geht nur so weit, wie er es möchte, authentisch und ohne Druck von außen.
Trotzdem sollte Klopp seine eigenen Worte beherzigen und nicht zu häufig politisch werden, denn am politisch hilfreichsten ist die Nationalmannschaft für die Regierenden sowieso nur dann, wenn sie endlich wieder anfängt, gut zu spielen und zu gewinnen. Dann lassen sich Stimmungen aufgreifen und gute Bilder für die Massen erzeugen, so wie es Angela Merkel 2014 mit dem Weltmeisterteam perfekt beherrschte.
Symbol einer gescheiterten Politisierung: Die deutsche Elf hielt sich in Katar aus Protest gegen das Verbot der „One Love“-Binde den Mund zu – und verabschiedete sich kurz darauf sportlich.
© IMAGO/ULMER
Die Wahrheit liegt auf dem Platz
Wenn die Nationalmannschaft hingegen schlecht spielt, ist für die Politik wenig zu holen. Das hatte Friedrich Merz nicht begriffen, als er den deutschen Fußballern nach dem Ausscheiden bei der WM 2026 in den USA bescheinigte, sie hätten das „Land begeistert“. Solche Kommentare eines welt- und sportfremden Kanzlers wirken dann nur noch peinlich.
Klopp holt eben die Emotionalität ab, was Friedrich Merz in seiner bisherigen Kanzlerschaft noch nicht ein einziges Mal geschafft hat. Dass der Bundestrainer dabei einen besseren politischen Instinkt beweist als der Bundeskanzler, sollte uns allen jedoch ernsthaft zu denken geben.
Dennoch wird auch ein Jürgen Klopp bald die harten Fakten des Geschäfts liefern müssen. Wenn der Erfolg ausbleibt, helfen auch die schönsten politischen Andeutungen und das gewinnendste Lächeln nichts mehr. Dann wird aus dem Hoffnungsträger ganz schnell wieder ein „normaler“ Trainer, der erklären muss, warum seine Taktik nicht aufgegangen ist. Aber bei Klopp würde es wenig verwundern, wenn ihm selbst bei Niederlagen staatstragende Erklärungen einfielen.
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