Ob historisch gesehen zuerst die Nation da war und dann erst der Nationalismus - wie es die ältere Nationalismusforschung sah - oder erst der Nationalismus, der sich daraufhin die Nation geschaffen hat - so die neuere Forschung im Gefolge der Arbeiten von Ernest Gellner, Eric Hobsbawm und Benedict Anderson -, ist eine Frage, die an Schärfe verloren hat. Nationen als Solidarverbände entstehen nicht urwüchsig-organisch, sondern in einem Kraftakt der kollektiven Imagination. Das macht sie aber nicht zu etwas "Künstlichem", insofern das Nationsgefühl zu den wirkungsmächtigsten, verlässlichen Kräften der neueren Geschichte gehört. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler, Kopf der Bielefelder Gesellschaftsgeschichte und um deutliche Urteile nie verlegen, hat auf bloß hundert Seiten Entstehung und Formen des Nationalismus gut lesbar dargestellt und dabei ältere und neuere Forschung zu integrieren versucht. Die neuere Analyse des nationalistischen Diskurses kommt ebenso zu ihrem Recht wie das, was an der älteren Forschung bewahrenswert ist, etwa die Untersuchung der sozialen Konstellationen des Nationalismus. Wehler erklärt den enormen Erfolg des Nationalismus, wie er im Westen entstand - als in durchaus religiöser Sprache formulierte Antwort auf Revolutionen, sprich Legitimationskrisen - ebenso wie die verhängnisvolle Dauerlabilität, die dessen Export in die restliche Welt brachte - weil dort die Nationenbildung sich nicht an staatliche Institutionen anlehnen konnte. (che.)Hans-Ulrich Wehler: Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen. C.H. Beck Verlag, München 2001. 122 S., 7,50 Euro.
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