NATO - Der Däne Rasmussen soll künftig das Bündnis führen. Auch die Türkei stimmt seiner Berufung zu. Die Allianz sucht nach einer neuen Strategie. Doch trübt die Kritik am afghanischen Ehegesetz die Gipfelbilanz.

Glückliches Ende eines Familientreffens

Thorsten Knuf
4 Min

STRASSBURG. Anders Fogh Rasmussen ist sonst ein smarter Strahlemann. Am Sonnabendnachmittag taucht der dänische Premier im Pressesaal des Straßburger Nato-Gipfels auf, lächelt schüchtern und sieht ziemlich gerupft aus. Die vorangegangenen zwei Tage müssen für ihn eine Qual gewesen sein. Neben ihm steht Jaap de Hoop Scheffer, der scheidende Nato-Generalsekretär, und sagt, die Staats- und Regierungschefs hätten soeben Rasmussen als Nachfolger bestimmt. Er sei sicher, der Däne werde die Allianz kraftvoll führen.Ea hatte ein Jubel-Gipfel werden sollen. Eine Feier zum 60. Geburtstag der Nato, elegant inszeniert in der Region, die wie keine zweite für die Überwindung alter Feindschaften steht. Das war die Geschichte, die das Bündnis sowie die Gastgeber, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy, erzählen wollten. Doch die Nato präsentierte sich als chaotische Familie.Rasmussen soll Anfang August sein neues Amt antreten. Wie es zur Ernennung kam, wird der 56-Jährige vermutlich nie vergessen. Lange vor Beginn des Nato-Gipfels am Freitagabend ist klar, wo die Fronten verlaufen: 27 Mitgliedstaaten unterstützen den Dänen. Nur die Türkei und deren konservativ-islamische Regierung haben an Rasmussen einiges auszusetzen - vor allem sein Verhalten im Karikaturen-Streit: Als 2005 eine dänische Zeitung Mohammed-Zeichnungen druckte und sich die islamische Welt darüber erregte, lehnte Rasmussen mit Verweis auf die Pressefreiheit eine Entschuldigung ab. Zudem stört die Türken, dass der Satelliten-Sender Roj TV von Kopenhagen aus funken darf. Die Station gilt als Sprachrohr der verbotenen Kurden-Organisation PKK.Gastgeberin Merkel wagt am Freitag zum Gipfel-Auftakt in Baden-Baden eine kühne Prognose: Sie sei zuversichtlich, dass die Personalie beim Abendessen geklärt werde. Doch der türkische Präsident Abdullah Gül lenkt nicht ein. Premier Erdogan wiederholt in Istanbul seine Vorbehalte.Am Sonnabendmorgen wird die Sache bizarr. Die Staatslenker sollen eine Rheinbrücke überqueren, die das deutsche Kehl mit dem französischen Straßburg verbindet. Hier sollen die schönen Fernsehbilder entstehen. Doch die Kameras richten sich auf Italiens Premier Silvio Berlusconi, der sich 40 Minuten lang in den Flussauen herumtreibt, das Handy immer am Ohr.Später erfährt man, Berlusconi habe mit Erdogan telefoniert. Der Italiener war Trauzeuge bei der Hochzeit von Erdogans Sohn Bilal. Doch auch Berlusconi scheitert.Danach bearbeitet ein Teilnehmer nach dem anderen Abdullah Gül. Erweiterungskommissar Olli Rehn warnt vor negativen Konsequenzen für die türkischen EU-Ambitionen. Um 13 Uhr soll der Gipfel enden, doch das Gefeilsche geht weiter. Schließlich nimmt US-Präsident Obama den störrischen Gül ins Gebet und gegen 15 Uhr heißt es: Rasmussen erhält den Job.Obama: Türkei soll in die EUKurz vor seinem Abflug in die Türkei bereitete Obama dann seinem nächsten Gastgeber eine Freude: Er rief die EU auf, die Türkei als Mitglied aufzunehmen. Dies wäre ein positives Signal für die islamische Welt. Sarkozy lehnte prompt ab, Merkel äußerte sich zurückhaltend, EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso begrüßte Obamas Vorstoß.Die Zustimmung für Rasmussen haben die Türken teuer gemacht: Sie erhalten nach unbestätigten Angaben einen Vize-Generalsekretär-Posten, einen Nato-Posten mit Verantwortung in Afghanistan sowie einen für Abrüstungskontrolle. Und Rasmussen sagt milde: "Sollte Roj TV an irgendwelchen terroristischen Aktivitäten beteiligt sein, werden wir alles tun, um die Station zu schließen." Er verspricht, sich für ein gutes Verhältnis zur islamischen Welt einzusetzen. Heute will er an einem Forum zum interreligiösen Dialog in Istanbul teilnehmen. Da wären bedauernde Worte zum Karikaturen-Streit möglich.------------------------------Neu in Brüssel, neu in KopenhagenFoto: (2) Anders Fogh Rasmussen, 56, löst im August Jaap de Hoop Scheffer als Nato-Generalsekretär in Brüssel ab. Er leitet eine Kommission, die die neue Strategie der Allianz ausarbeiten soll. Strittig sind sogenannte Out-of-Area-Einsätze außerhalb des Bündnisgebietes, das Verhältnis zu Russland und der Aufbau schneller Eingreiftruppen.Lars Lökke Rasmussen, 44, soll seinem Namensvetter in Dänemark als neuer Premierminister folgen. Wichtigste Aufgabe ist, Dänemark nach den Boomjahren in der Amtszeit seines Vorgängers durch die Finanzkrise zu führen. Der neue Premier steht aber in der Kritik wegen falsch abgerechneter Hotelrechnungen.------------------------------Foto: (2) Wir warten! Während sich Angela Merkel, Gordon Brown und andere Nato-Vertreter zum Gipfel-Foto versammelten, telefoniert Silvio Berlusconi, erfolglos, im Fall Rasmussen.

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