Der neue alte Marienaltar zog magnetisch an, fünf Monate lang. Und die begeisterten Besucher des berühmten Naumburger Doms, die seit Juli zum Bildwerk des Erfurters Michael Triegel pilgerten, ahnten nichts von dem absurden Denkmalschutz-Zoff um den Westchor mit den zwölf Stifterfiguren aus dem 13. Jahrhundert – mittendrin Uta von Naumburg, die „schönste Frau des Mittelalters“.
Nun muss das Bildwerk zum 4. Dezember raus. Dabei hat der Dom, eins der bedeutendsten Kulturdenkmäler des europäischen Mittelalters, doch erst seit diesem Sommer den 1541 von den Bilderstürmern zerstörten Altar zurück. Lucas Cranach der Ältere malte ihn 1519. Die Mitteltafel wurde Opfer der Ikonoklasten; die verwaisten Flügel waren über Jahrhunderte eingelagert.
Die Rückseite des Altars im Westchor des Naumburger Doms. Die Jesusdarstellung und die Predella malte Michael Triegel. Die Flügelmotive stammen von Lucas Cranach.
© VG Bildkunst Bonn 2022/Falko Matte
Lange Zeit wünschte sich die evangelische Domgemeinde den Altar zurück. Vor vier Jahren beauftragten die Vereinigten Domstifter den für seinen altmeisterlichen und hyperrealistischen Stil bekannten Erfurter Maler Michael Triegel mit der Neuschaffung der Mitteltafel. Der an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst Ausgebildete, der schon Papst Benedikt XVI. porträtierte, malte eine Marienszene, die auch Cranach akzeptiert hätte. Sie fügt sich ideal ein zwischen die Seitenflügel des Renaissance-Meisters. Für die Madonna saß Triegels Tochter Modell. In der Gruppe dahinter sind der Heilige Petrus mit Basecap, ein Rabbiner und der Pfarrer und Antifaschist Dietrich Bonhoeffer zu sehen: Die Gemeinde, Kunstkritiker und Dombesucher sind begeistert von Triegels „Sacra Conversazione“.
Donatello, der Humanist aus Florenz, in der Gemäldegalerie Berlin
Die Hüter der reinen Lehre
Die Besucherzahlen von St. Peter und Paul schnellten in nie dagewesene Höhen. Doch Vertreter der ICOMOS – des Denkmalschutz-Entscheidungsgremiums für den Unesco-Status – empörten sich, der Altar versperre die Sichtachse zur Skulptur der Uta. In dieser Achse stand freilich dereinst schon Cranachs Werk, nur störte das im 16. Jahrhundert keinen. ICOMOS-Leute indes stoßen sich daran, dass so viel Publikum nun nicht mehr wegen Uta, sondern wegen des Triegel-Altars komme. Der ist den Hütern der reinen Lehre zu modern, verletze angeblich den erst 2018 zugeeigneten (und mit Geldmitteln verbundenen) Welterbe-Status des Doms. Als Drohbeispiel muss die moderne Waldschlösschen-Brücke herhalten, die Dresden den Unesco-Nimbus kostete, wegen des „zerstörten Canaletto-Blicks“.
Der Maler Michael Triegel, ausgebildet an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Arno Rink und inspiriert von Werner Tübke.
© Martin Url
Am 24. November ist das Schicksal des Triegel-Cranach-Altars bei einem wissenschaftlichen Kolloquium in Naumburg Tagesordnung. Das wird nichts nützen. Er muss raus, hat ICOMOS verfügt. Noch vor Weihnachten soll er auf Tour, zuerst nach Paderborn. Der Denkmalschutz ist Gott. Auch wenn alle Welt den Kopf schüttelt.
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