Neben dem Mahnmal für die ermordeten Juden entsteht eine touristische Infrastruktur

Am Holocaust-Strand

Thomas Rogalla
3 Min

Die beiden jungen Frauen mit dem süddeutschen Akzent sind müde vom Laufen. Sie lassen sich auf der breiten Veranda aus wasserfesten Holzbohlen in zwei Liegesessel aus orange-weiß gestreiftem Plastik fallen, ihre Rucksäcke plumpsen zu Boden. Berlinbesuche machen müde und durstig. Sie ordern "Iced Drinks" aus der bunten Bagel Station hinter ihnen und lassen die Beine über die Kante der Veranda baumeln. Der nagelneue, langgestreckte Pavillon erinnert mit seiner Kubenarchitektur und den Dachterassen an die Bauten des Strandbads Wannsee.Die Sonne zeichnet Reflexe auf die Wellenkämme des Stelenfeldes. Entspannt schauen die Frauen auf das steinerne Meer des Holocaust-Mahnmals in Berlin-Mitte, das sich vor ihnen erstreckt. Etwas weiter, im Löwentreff, sitzen Dietrich Wölper aus Winsen an der Luhe und seine Frau an einem der typischen langen Hofbräuhaus-Tische. Es gibt dort Brauhauswurst, Kartoffelsalat und Bier, die Halbe für 3,20 Euro. Frau Wölper schaut über den weiß-blau eingedeckten Tisch nach draußen auf die anthrazitfarbenen Vierecke des Mahnmals. In der Blickachse vorn stehen eine Wurst mit Kartoffelsalat und ein Bierglas mit der Aufschrift "Oktoberfest"."Das ist schon ein bisschen bizarr", sinniert Frau Wölper. Andererseits ist ihr Mann ganz froh, hier einen Sitzplatz gefunden zu haben, er hat Probleme mit den Füßen. "Touristen haben eben ihre Bedürfnisse," sagt der Wirt vom Löwentreff, Joachim Gaidies: Ausruhen, Trinken, Toilette. Was ist mit der Würde des Ortes? Man nehme Rücksicht, sagt Gaidies: "Wir servieren nur auf Porzellan. Bei uns gibt es keine Würste zum Mitnehmen und keinen Coffee to Go, damit das Stelenfeld nicht vermüllt wird", sagt Gaidies.Coffee to Go und Eis gibt es nebenan, es gibt ein Internetcafé, die üblichen Berliner Andenkenläden mit Mauerstückchen und Plüschbären, einen Geld- und einen Colaautomaten, was ein Tourist eben braucht. Der "Berliner Imbiß" verkauft Schrippen. Die kann man auf blauen Gartenstühlen auf der Veranda verzehren, während man auf die Warteschlange schaut, die geduldig auf Einlass in den "Ort der Information" unter dem Stelenfeld wartet. Über dem Imbiss steht: "Bergmanns Eventgastronomie". Die Ausstellung gegenüber zeigt Schicksale von Juden, die in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern umgebracht wurden, auf Befehl aus Berlin. Daran soll mitten in Berlin erinnert werden, mitten im Leben, das ist das Konzept des Mahnmals.Frau Wölper meint, sie sei wirklich gespannt auf das Stelenfeld gewesen, "aber der genius loci hat sich mir nicht erschlossen." Johanna Sebbach, die mit ihrer Abiturklasse aus Aalen kam und sich mit ihrer Limoflasche auf einer Stele ausruht, findet genau diesen Gegensatz "zwischen dem normalen Leben und dieser unheimlichen Enge und Stille zwischen den Mega-Säulen" sehr beeindruckend. Diesen Eindruck nimmt sie mit. Mahnmalinitiatorin Lea Rosh sagt, 3,5 Millionen Besucher in einem Jahr zeigten, wie gut das Mahnmal angenommen werde. Der Wirt vom Löwentreff berichtet, auch die gerade erst eröffneten Terrassen seien schon sehr beliebt. Sogar Anwohner aus der Wilhelmstraße kämen gern abends, wegen des Sonnenuntergangs überm Mahnmal und den relativ günstigen Bierpreisen. Es fängt wieder an zu regnen. Die beiden Frauen flüchten aus ihren Sonnenstühlen. Am Holocaust-Strand wird es vorübergehend ruhig.------------------------------"Die Anwohner trinken gern ihr Bier hier." J. Gaidies, Wirt------------------------------Foto: Touristen relaxen auf Sonnenstühlen auf den neuen Holzterrassen am Holocaustmahnmal. Die Pavillons stehen längs der Cora-Berliner-Straße.

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