Popmusik

Nena im exklusiven Interview: „Mit Angst sind Menschen steuerbar und richtig gut zu kontrollieren“

Nena wird heute 65 Jahre jung. Mit uns hat sie kürzlich über Corona-Kritik, ihre große Friedenshymne „99 Luftballons“ sowie ihren Berlin-Traum gesprochen.

9 Min
„Übermut ist schneller, wilder und unausweichlich“, sagt Nena bei unserem Interview.

„Übermut ist schneller, wilder und unausweichlich“, sagt Nena bei unserem Interview.

© Sarah Rechbauer

2024 hat Nena umjubelte Auftritte in der Berliner Max-Schmeling-Halle und im Pariser Le Trianon gespielt. Mit dabei als Zugabe hatte sie ihren Song „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, in dem Nena voll positiver Energie singt: „Liebe wird aus Mut gemacht“.  Wie denkt Nena über Mut? Ein Gespräch über Angst, Zweifel, Corona-Kritik, West-Berlin in den 1980ern und Nenas große Friedenshymne, die sie nun mit neuem Text singt.

Nena, was bedeutet für Sie Mut?

Mut ist für mich nicht die Abwesenheit von Angst. Mut ist die Überwindung von Angst. Mut öffnet die Tür, über eigene Grenzen zu gehen und neues, ungewohntes Land zu betreten. Ein mutiger Moment ist für mich die Überwindung, etwas zu tun, was ich schon immer tun wollte, mich aber vorher nie getraut habe. Und dann springst du eben ins eiskalte Wasser mitten im Winter ... (lacht) Das kann sehr befreiend sein. Mut ist der „Genau jetzt“-Moment, der uns immer wieder angeboten wird, und jedes Mal kann man ja oder nein sagen.

Und der Übermut?

Der Übermut ist schneller, wilder und unausweichlich. Im übermütigen Zustand gibt es nur ein klares, starkes Ja, und dann machst du genau das, was in diesem Moment dran ist. Bei mir war es zum Beispiel irgendwann mal ein Eins-a-Salto vorwärts mit Anlauf ins Wasser. Ausgelöst durch ein starkes Glücksgefühl. Ich hatte noch nie einen Salto vorwärts gemacht und konnte es gar nicht fassen, dass das in diesem Moment einfach so ging.

Zur Person
Sarah Rechbauer

Zur Person

Nena, 1960 in Hagen geboren als Gabriele Susanne Kerner, zählt mit weltweit mehr als 25 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Acts der deutschen Musikgeschichte. Ihre Karriere begann Nena 1977 als Sängerin der Band The Stripes. Mit ihrer Band Nena hatte sie dann sehr früh gigantische Neue-Deutsche-Welle-Hits: 1982 „Nur geträumt“ und 1983 „99 Luftballons“, der es in den USA auf Platz 2 und in vielen Ländern (Deutschland, England, Japan, Kanada, Mexiko, Australien u.a.) auf Platz 1 der Single-Charts schaffte.

Wie viel Angst darf man haben?

Über welche Art von Angst wollen wir sprechen? Die Angst vor Veränderung? Höhenangst? Angst zu Versagen? Oder die Angst vor der Angst ... ? Unser Angstkatalog ist unendlich lang. Aber ist im Grunde nicht jede Art von Angst die Angst vor dem Tod? Vor dem, über das wir lieber nicht nachdenken oder sprechen möchten ... Angst ist für uns alle ein Riesenthema. Mit Angst sind Menschen steuerbar und richtig gut zu kontrollieren ...

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Haben Sie einen Mut-Trick gegen Lampenfieber?

Das sogenannte Lampenfieber ist für mich eine gute Sache. Da laufen die Motoren warm bis heiß, und mein Energielevel steigt. Mich gegen dieses Gefühl zu wehren, würde Energieverlust bedeuten. Gefühle sind zum Fühlen da. Das Gefühl, den Zustand, den Trigger annehmen und willkommen heißen. Von dort aus ist aus meiner Erfahrung vieles lösbar.

„Liebe wird aus Mut gemacht“ singen Sie in „Irgendwie irgendwo irgendwann“. Und weiter heißt es „Denk nicht lange nach. Wir fahr’n auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht.“ Kann zu viel Grübeln den Mut und die Liebe zerstören?

Liebe kann man nicht zerstören. Sie ist unkaputtbar, die stärkste Kraft, die wir haben. Aber man kann Liebe verweigern. Ständiges Grübeln, nicht zu verwechseln mit Denken, verschließt das Herz, und so kann man Liebe weder empfangen noch senden. Das kann eine Beziehung zerstören ..., aber niemals die Liebe.

Woher schöpfen Sie Mut, wenn Sie doch mal Zweifel hegen?

Der Zweifel ist nicht mein Feind, daher würde ich auch nie direkt auf ihn losgehen und versuchen, ihn zu verjagen. „Hau ab Zweifel“ funktioniert bei mir nicht ... (lacht) Ich lasse ihn sprechen und höre zu, was er zu sagen hat. Zweifel kann nerven, weil er nicht müde wird, uns immer wieder unsere Grundfragen aufs Tablett zu bringen, wie: „Bin ich gut genug“? „Bin ich liebenswert“? An dieser Stelle mutig reinzugehen, würde bedeuten, ehrlich mit sich zu sein und sich eventuell einzugestehen, dass es immer wiederkehrende Themen gibt, die man sich mal anschauen könnte. In unserer Kindheit haben sicherlich viele von uns oft diese Sprüche von Möchtegernerwachsenen zu hören bekommen: „Du darfst dich nicht selber loben“, „Das macht man nicht“, „Tu, was man dir sagt“, „Du bist zu laut, zu leise, zu irgendwas ...“. Diese Liste kann man endlos fortsetzen.

Lieblingsklamotten, Lieblingsplatten: Nena unterwegs ins neue Leben.

Lieblingsklamotten, Lieblingsplatten: Nena unterwegs ins neue Leben.

© Sarah Rechbauer

„Kinder sollen nachquatschen und auf keinen Fall selber denken“

Wenn Kinder in der Schule etwas malen sollen, zum Beispiel eine Sonnenblume, dann gibt es die „gute Note“ für diejenigen, deren Bild nach einer Sonnenblume aussieht. Und die Kinder, die abstrakt malen, so wie sie die Blume fühlen, die straft man ab, weil: Thema verfehlt. Noch leben wir in einer Welt, wo „Erwachsene“ Kinder ständig belehren und zwingen wollen, das zu tun, was man von ihnen will. Kinder sollen nachquatschen und auf keinen Fall selber denken. Dabei gäbe es so viel Schönes von Kindern zu lernen. Die meisten von uns sind so aufgewachsen, daher wundert es mich nicht, dass wir immer wieder an uns selbst zweifeln. Solange wir unseren Wert nicht kennen, kommt uns der Zweifel besuchen. Und er bringt uns die Möglichkeit, über ihn hinauszuwachsen und zu lernen, das Leben eigenverantwortlich zu leben.

Und wie gelingt es Ihnen, Ihren Kindern Mut mitzugeben?

Ich glaube, dass ein Kind alles mitbringt auf diese Welt. Den eigenen Mut, den eigenen Lebenswillen, einen eigenen Lebensplan. Was wir ihnen geben können, ist Liebe und Respekt und so viel Raum, wie sie brauchen, um sich entfalten zu können. Für die Kinder da sein, sie auffangen, wenn sie fallen, trösten, wenn sie traurig sind, zuhören, wenn sie sich ihre Welt entwerfen, unterstützen, wenn sie zweifeln und vor allem ihnen volles Vertrauen schenken. Was unsere Kinder am meisten von uns mitnehmen, ist das, was wir ihnen vorleben.

Wie war das überhaupt als junge Frau damals in der Musikbranche? Wie haben Sie sich gegen all die Männer in der Musikwelt behauptet?

Mit 17 stand ich als ziemlich junge Frau fast täglich mit ein paar ziemlich tollen, jungen Männern im Proberaum und wir haben Musik gemacht. So ist meine allererste Band entstanden. The Stripes. Ich wusste damals nichts von Charts und goldenen Schallplatten. Darum ging es nie. Wir hatten es schön zusammen, die jungen Männer und ich. (lacht) Wir waren miteinander, nie gegeneinander.

„Krieg ist ein Mittel der Mächtigen auf Kosten der Menschen“

Als Sie in den 1980ern nach West-Berlin gezogen sind, galt das als raues Pflaster. Mussten Sie da mutig sein?

Oh nein, ich musste gar nichts, schon gar nicht musste ich mutig sein. Ich hatte mir meinen Umzug von Hagen nach Berlin ein Jahr lang immer wieder vorgestellt und meinen Freunden oft gesagt, dass ich in ein paar Monaten weg sein werde. Ich wusste, dass ich es tue. Nichts hätte mich davon abhalten können. Kurz vor Ende meiner Goldschmiedelehre lief die Juweliersfrau hinter mir her und sagte: „Fräulein Kerner, machen Sie doch mal kleinere Schritte, wie sich das für eine junge Dame gehört.“ Jetzt war es Zeit, zu gehen. (lacht) An einem Samstag hab ich mein altes Auto vollgestopft mit all den Sachen, die ich nicht zurücklassen wollte ... Lieblingsklamotten, Lieblingsplatten ... Ich war unterwegs in Richtung neues Leben. Das hatte nichts mit Mut zu tun. Ich bin einfach nur dem Ruf gefolgt, und ich war völlig klar damit, das Richtige zu tun.

Sie galten immer als toughe Frau, die sich auch nahbar zeigt. Wie viel Verletzlichkeit kann man zeigen, ohne als schwach und mutlos zu gelten?

Ich lebe nicht für andere, ich lebe für mich. Es gibt immer Menschen, die dich so und so betrachten, eine Meinung über dich haben und dich wahrscheinlich ganz anders wahrnehmen, als du dich selbst. Das ist in Ordnung, solange wir bei uns selber anfangen, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie die „99 Luftballons“ dieser Tage auf Tournee spielen – angesichts von Kriegen in der Ukraine, in Israel und an vielen Orten mehr?

„99 Luftballons“ ist eine Friedensbotschaft, die von den Menschen bis heute auch so verstanden wird. Ich liebe die Kraft, die dieses Lied hat. Seitdem es erschienen ist, vor 40 Jahren, verging kein Jahr, in dem nicht irgendwo auf der Welt Krieg war. Wie konnte das passieren! Krieg ist ein Mittel der Mächtigen auf Kosten der Menschen. Und wir Menschen wollen Frieden. Davon bin ich überzeugt. „Ich seh die Welt in Trümmern liegen“, so habe ich es früher gesungen; heute ist das für mich nicht mehr stimmig, und in meinen Konzerten singe ich: „Ich seh die Welt NOCH NICHT in Trümmern liegen.“ Denn ich vertraue darauf, dass wir wieder zueinander finden werden, in einem ganz neuen Bewusstsein.

Sie haben früh und prominent Kritik geübt an den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und am Druck, der aufgebaut wurde, sich impfen zu lassen. Wie haben Sie da den Mut aufgebracht, sich gegen den Mainstream zu stellen?

Ich stehe zu dem, was ich sage, denke, fühle und tue. Das tut mir gut. Manchmal ergeben sich daraus Konsequenzen, die herausfordernd sein können. Das ist es mir wert. Hier ist viel Unrecht geschehen, das mir bis heute durch Mark und Bein geht. Wenn ich daran denke, dass Menschen einsam sterben mussten, weil ihren Angehörigen mit aller Macht der Zugang verweigert wurde, muss ich jedes Mal weinen. Ich werde das alles nicht vergessen.

„Wir gehören zusammen“ heißt Ihre aktuelle Tour. Wieso hat Musik diese Kraft, uns zusammenzubringen?

Musik kann Brücken bauen. „Wir gehören zusammen“ ist eine einfache Botschaft. Es geht darum, dass wir Menschen uns bewusst machen, dass wir alle ein Teil vom Ganzen sind und wir dieses Ganze in voller Eigenverantwortung gestalten müssen. Das nimmt uns niemand ab.

Und wieso klappt das so gut mit dem Sich-Mut-Ansingen?

Wenn man gemeinsam singt, strömt Herzenergie aus, in alle Richtungen. Herzenergie ist Liebe. Und wenn wir uns für die Liebe entscheiden, können wir als Menschheitsfamilie wieder zusammenkommen und ein neues Miteinander erschaffen. Wir Menschen befinden uns in einem großen Wandlungsprozess. Was wir daraus machen, liegt jetzt in unserer Hand.

Tickets für Nena im Ticketshop der Berliner Zeitung.

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