Konzertbericht

Nena in der Max-Schmeling-Halle: Funktioniert der NDW-Zauber heute noch?

Von „Leuchtturm“ bis „99 Luftballons“, zwischen Berlin und Bullerbü: Nenas Glaube an die Verzauberbarkeit der Welt trägt das Publikum zurück in die Achtzigerjahre.

Martin Schüler
Martin Schüler
4 Min
Heimspiel: Am Samstagabend spielte Nena in der Max-Schmeling-Halle.

Heimspiel: Am Samstagabend spielte Nena in der Max-Schmeling-Halle.

© Lauryn Zoe Hinsch für Berliner

Was Übermut sei, wurde Nena vor zwei Jahren in dieser Zeitung gefragt. Damals dachte die Musikerin an einen wie von Zauberbeinen getragenen Vorwärtssalto ins Wasser. Heute betritt sie ihre Bühne zwar nicht mit Kunstsprüngen, aber doch mit der Körperpräsenz einer Artistin. Genau zwei Stunden lang wird sie als Wirbelwind durch die Manege ziehen und ein jugendfrisch-verschmitztes Lächeln auf den Lippen tragen.

Dabei liegt fast ein halbes Jahrhundert zwischen ihrem ersten Konzert und diesem Freitagabend: aus dem Jugendzentrum wurde die Max-Schmeling-Halle, ihre Lederjacke ist geblieben. „Die Zeit kommt nie wieder, die Zeit ist vorbei. Was heißt das schon? Fühlst du dich wie früher? Komm, gib mir deine Hand“, singt Nena zu Beginn einem hingerissenen Publikum entgegen.

Ihr ganzer Gestus erscheint wie ein Bekenntnis zur schambefreiten Lebendigkeit – vermutlich entspringt hier die Strahlkraft des Achtzigersterns: im Prickeln des Daseins, in den Affekten und Affirmationen, im Überbordenden und Unbändigen.

Ein halbes Jahrhundert auf der Bühne, dieselbe unbändige Energie.

Ein halbes Jahrhundert auf der Bühne, dieselbe unbändige Energie.

© IMAGO

Liebesträume mit herausgestreckten Zungen

„Berlin, willst du mit mir gehen?“, möchte die Sechsundsechzigjährige von ihrem Hauptstadtpublikum wissen. „JA“ lautet eine tausendfach skandierte Antwort. Nena hüpft und winkt und dreht und wendet sich mit dem Temperament einer Fünfjährigen, deren dritte Eiskugel gerade in der Sonne zerronnen ist. Ihre Musik schöpft aus der Sorglosigkeit und dem Spieltrieb der Neuen Deutschen Welle – einst überführte sie die Kantigkeit des New Wave in Popmelodien, die eingängig waren wie Kinderlieder.

Was beinahe alle ihrer Gassenhauer verbindet, ist ein kindlicher Glaube an die Verzauberbarkeit der Welt. Es sind Liebesträume mit herausgestreckten Zungen – einen jener Klassiker hat Nena an fünfter Stelle platziert: „Nur geträumt“ entlockt der Zuschauerschaft ein gehöriges Kreischen, von den Tribünen bis zum Spielfeld hinunter reichen sich Lächeln von Gesicht zu Gesicht.

Sinnsuchzeilen und Schmusestunden

Weniger Resonanz erfährt der von einem Elektrobeat unterlegte Esoterikpoptitel „Lichtarbeiter“. Huldigte die Künstlerin vormals Biopaste vom Shiitakepilz auf Dinkelschrotbrot oder den Wollmützenguru Osho, schimmern Nenas spirituelle Tendenzen heute aber im Hintergrund.

Während einer Ballade vermögen es Sinnsuchzeilen durchaus zu berühren, wenn sie nämlich auf einem Barhocker neben ihrem Gitarristen verweilt und sich zwei Scheinwerfer zu einem Lichtkegel verbinden: „Ich lebe so gesund und Drogen nehm’ ich auch. Und ich zähle die Jahre und ich zähle sie nicht. Ich steh’ im Dunkeln und ich mag das Licht“. Nun liegt über ihrer Stimme, die sonst so herrlich görenhaft schlackert, die Zerbrechlichkeit eines Teenagers bei der Innenschau.

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Volle Rückendeckung aus der Familie: Pop-Ikone Nena live auf der Bühne, im Hintergrund unterstützt von ihren Kindern.

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© IMAGO

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Summa summarum aber durchzieht dieses Konzert der unerschütterliche Glaube an das Gute. Mit fiebrigem Timbre grüßt Nena die im Publikum verstreuten Verwandten. Für ihre Mutter, die mittlerweile Urgroßmutter sei, spielt sie „Lass mich Dein Pirat sein“ – bei „Dafür ist das Leben zu kurz“ gesellen sich ihre Kinder zu ihr: Simeon am Klavier sowie Larissa und Sakias an den Mikrofonen.

Der Berliner Zeitung verriet Nena, ständiges Grübeln verschließe das Herz. Dass sie die Emotio gegenüber der Ratio allermeistens vorziehen würde, zeigt sich dem Betrachter auch an diesem Abend. Bei „Wunder gescheh’n“ strömt sie hinaus in die Menge – sie könne nicht anders. Das Publikum verwandelt sich folgerichtig in ein Großchorensemble; obendrein ist die Schmusestunde angebrochen: Alle paar Meter windet sich Nena in neuen Armen.

33 Luftballons flattern durch die Max-Schmeling-Halle

Ein Blubbern und ein Donnern prophezeien zwei unverwüstliche Klassiker der Neuen Deutschen Welle: „Leuchtturm“ und „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ entwerfen rotzig-romantische Ausbruchsfantasien – das Auditorium folgt auf Feuerrädern durch die Nacht: Es ist eine kollektive Ekstase.

In den Achtzigern markierte Nenas schlenkernde Stimme die mit Neonstiften eingezeichnete Fluchtroute aus dem Reihenhaus. Im Funkeln ihrer Creolen blinkte ein möglicher Gegenentwurf zur Biedermeierlichkeit auf den Kaffeegedecken der alten Bundesrepublik.

Damals wie heute steht Nena für eine Emanzipation von kleinbürgerlichen Borniertheiten, für Skeptizismus gegenüber Erwachsenenwelten, für Postpubertät, für eine Kritik der reinen Vernunft – oder wie man heute dank der allgegenwärtigen Pop-Ikone Charli xcx sagen würde: Brat Summer.

Die pazifistische Parabel von „99 Luftballons“ und dem Ende der Zivilisation machte Nena zum Weltstar. Heute scheinen die Mahnungen jener Kriegsgroteske dem Publikum so zeitgemäß, dass den Menschen die Worte nur so aus den Mündern schießen. Derweil flattern Pi mal Daumen 33 Luftballons durch die Max-Schmeling-Halle. „Kommt gut nach Hause ihr Lieben, das Leben ist schön“, bekundet Nena zum Abschied, während ihre Hände die freudetrunkenen Bandkollegen mit Glitzerkonfetti überschütten.

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