Der Lufthansa geht es nicht gut: Aktien fallen, Piloten streiken - jetzt droht auch noch der virtuelle Absturz des deutschen Flugkonzerns. Netzaktivisten wie Ricardo Dominguez aus New York und Berliner Antirassismusgruppen rufen für den 20. Juni zu einer Online-Demonstration gegen die Lufthansa auf. An diesem Tag findet die Jahreshauptversammlung der Lufthansa-Aktionäre statt. Die Cyber-Demonstranten wollen den Server des Unternehmens "für eine bestimmte Zeit außer Betrieb setzen", heißt es im Aufruf. Die Homepage der Lufthansa wäre dann nicht mehr erreichbar. Abschiebungen mit TodesfolgeGruppen wie "Kein Mensch ist illegal" und "Libertad" protestieren mit der Online-Demonstration gegen die Abschiebung von Flüchtlingen in Maschinen der Lufthansa. Nach Angaben der Initiativen weist der Bundesgrenzschutz etwa 30 000 Menschen auf dem Luftweg in ihre Herkunftsländer aus. Zu Protesten führten in der Vergangenheit zwei Todesfälle bei gewaltsamen Abschiebungen in Lufthansa-Maschinen. 1994 starb der Nigerianer Kola Bankole, 1999 kam der Sudanese Aamir Ageeb ums Leben. Seitdem verzichtet Lufthansa auf gewaltsame Abschiebungen. Trotzdem fliegt der Konzern weiter Flüchtlinge aus. "Ein schmutziges Geschäft", sagt Sven Maier, Sprecher der Online-Demonstration. "Wenn ein Konzern, der mit Abschiebungen Geld verdient, seine größte Filialen im Internet aufbaut, muss man auch dort demonstrieren." Die Netzaktivisten zielen auf das expandierende E-Business der Lufthansa. Bis zum Jahr 2005 sollen 25 Prozent aller Tickets per Internet verkauft werden. Die Arbeit an der Internet-Präsenz gilt als Chefsache. Schon im Vorjahr verzeichnete die Lufthansa 250 000 Buchungen per Internet. Die Online-Demonstration ist der erste massive Internet-Angriff auf ein deutsches Unternehmen. Ein kostenloses Softwarepaket, das sich die virtuellen Demo-Teilnehmer schon jetzt aus dem Netz herunterladen können, soll die Lufthansa-Homepage in großer Geschwindigkeit mit "datenintensiven" Nachfragen und Buchungen "bombardieren". "Manuell kann man so ein Tempo nicht erreichen", erklärt Maier. So soll der Server durch Überlastung blockiert werden.Das sei aber nicht das Hauptziel, versichern die Organisatoren. Möglichst viele sollen sich an der virtuellen Sitzblockade vor der Homepage der Lufthansa beteiligen. "Der Erfolg der Aktion hängt von der Anzahl der Beteiligten ab", sagt Netzaktivist Ricardo Dominguez, der sich selbst "Hacktivist" nennt. Zur Unterstützung der Zapatisten hat er Netzattacken gegen die mexikanische Regierung organisiert. Ähnliche Aktionen hat es auch schon gegen die World Trade Organisation (WTO) und das Pentagon gegeben.Mit einer Hacker-Aktion sei die Online-Demonstration aber nicht vergleichbar: "Die Software dringt nicht in fremde Rechner ein. Daten werden weder verändert noch zerstört", sagt Sven Maier. "Alles verläuft gewaltfrei." Dennoch hält der Berliner Medienanwalt Thorsten Feldmann die Internet-Aktion für "klar rechtswidrig", denn sie sei ein "Eingriff in den Gewerbebetrieb" der Lufthansa. Eine juristische Spruchpraxis für Internet-Proteste gibt es allerdings noch nicht. Die Netzaktivisten halten dagegen: "Das Internet ist ein öffentlicher Raum. Dort müssen auch politische Konflikte ausgetragen werden können." Vorsorglich haben sie die Online-Demo per E-Mail beim Ordnungsamt Köln angemeldet. "Unter das Versammlungsrecht fällt die Internet-Demonstration allerdings nicht", sagt der Kölner Polizeisprecher Wolfgang Beus.Derzeit prüfe Lufthansa "recht-liche Schritte" gegen die Online-Demo, sagt Lufthansa-Sprecher Thomas Ellerbeck, und kündigt an:. "Wir werden unsere Seiten bestmöglich schützen." Details über das Verfahren nennt er nicht.Der "Hacktivist" // Ricardo Dominguez, "Hacktivist" aus New York und Mitglied des "Electronic Disturbance Theatre", hält am 2. Juni um 19 Uhr in der Humboldt-Universität, Raum 2002, einen Vortrag über Netzaktivismus und virtuelle Sitzblockaden.Infos zur Online-Demo unter: http://go. to/online-demo BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Ricardo Dominguez, Internetaktivist, spricht über den Angriff auf das Netz.
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