BAGDAD/BERLIN. Vor gut einer Woche meldete das Verteidigungsministerium in Bagdad, dass die Zahl der Anschlagsopfer im Irak auf den niedrigsten Stand seit der US-Invasion 2003 gefallen sei. Gestern hat sich die Zahl jedoch schlagartig erhöht: Bei einer Serie von Selbstmordattentaten in der Hauptstadt Bagdad kamen gestern mindestens 127 Menschen ums Leben, 400 weitere wurden verletzt.Es muss Helfer gegeben habenEs handelte sich erneut um sogenannte Zwillings-Anschläge: Nach der ersten Explosion kümmern sich Passanten und Helfer um die Opfer, dann detoniert eine zweite Bombe, um die Zahl der Toten zu erhöhen und den Schaden zu vergrößern. Diese Taktik wendeten die Attentäter bereits bei anderen, spektakulären Anschlägen an, die seit Jahresmitte im Irak stattfanden und eine Phase relativer Ruhe und Stabilität beendeten. Im August diesen Jahres explodierten Bomben vor dem Außen- sowie dem Finanzministerium. Im Oktober sprengten sich Selbstmordattentäter vor zwei weiteren Ministerien sowie dem Sitz des Gouverneurs von Bagdad in die Luft. 155 Menschen starben.Gestern zündeten die Attentäter ihre Bomben vor einem Gerichtsgebäude, einer Ausbildungsstätte für Rechtsreferendare und einem Ausweichquartier des verwüsteten Finanzministerium. Auch das Ölministerium war betroffen.Ziele der Attentäter waren damit Schlüsselinstitutionen der irakischen Regierung. All diese Gebäude waren besonders geschützt, unterlagen der höchste Sicherheitsstufe und befanden sich zudem in extrem bewachten Arealen der Stadt. Irakisches Sicherheitspersonal muss, so die Schlussfolgerung, mit den Attentätern kooperiert haben.Aber die Anschläge kosten nicht nur Menschenleben und zerstören Gebäude. Sie schaden vor allem dem Image von Premier Nuri al-Maliki als dem Mann, der für Ruhe und Stabilität sorgte und damit die Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes legte. Bei den Parlamentswahlen, die nach langem Streit nun für den 6. März angesetzt wurden, werde sich das für ihn und seine Dawa-Partei auszahlen, hoffte Maliki. Doch mit jedem Attentat verringern sich seine Chancen auf eine Wiederwahl. Als Verantwortliche für die Attentate kommen einige Widersacher und Konkurrenten des Premiers in Frage: Seine schiitischen Koalitionspartner verübeln ihm sein Vorgehen gegen ihre Milizen. Die Sunniten beklagen, dass sie versprochene Posten und Jobs nicht bekamen. Die Kurden sind wütend, dass das Referendum über die Öl-reiche Provinz Kirkuk bisher nicht stattfand.Eine weitere Gruppe von Maliki-Gegnern aber sind die Anwohner der Öl-Felder, für die ausländische Konzerne bereits Förderlizenzen erhielten. Obwohl erste Erschließungsarbeiten begannen, warten sie bislang vergeblich auf Jobs. Am Freitag sollen in Bagdad weitere Öl-Lizenzen versteigert werden. Die Auktion, zu der sich Spitzenmanager zahlreicher Ölmultis anmeldeten, werde nicht verschoben, hieß es gestern in Bagdad.------------------------------Foto: Feuerwehrleute untersuchen die Trümmer vor dem Gerichtsgebäude im Viertel Al-Karkh im Westen von Bagdad. Attentäter hatten an vier Orten der Stadt nahezu gleichzeitig Sprengsätze gezündet.
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