Je schlimmer die Zeiten, um so wichtiger das Theater." Wer sich als neuer Theaterintendant so vorstellt, braucht Mut bis zum Über-Mut in einer Stadt, die 35 Prozent Arbeitslose, die höchste Abwanderungsquote in den "Goldenen Westen" und eine der niedrigsten Geburtenquote aufzuweisen hat. Die Rede ist von Sewan Latchinian, der mit der Spielzeit 2004/05 die Intendanz der "Neuen Bühne" in Senftenberg in der Lausitz antritt. Bis zur Wende hieß das Theater "Theater der Bergarbeiter". Von denen gibt es seit der Stilllegung der Braunkohletagebaue bis auf eineinhalb Betriebe nur noch Reste. Unter der Intendanz von Heinz Klevenow musste die "Neue Bühne" 1993 die Sparte Musiktheater abgewickeln. Übrig blieb ein Rumpftheater für Kinder und Jugendliche. Nun also ein Neubeginn mit Sewan Latchinian und einem erneuerten Ensemble. Latchinian, Jahrgang 1960, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin, wurde nach kurzem Engagement in Schwerin 1988 durch Dieter Mann ans Deutsche Theater Berlin geholt, wo er bis 1997 als Schauspieler und Regisseur tätig war. Von '99 bis 2003 wirkte er als Oberspielleiter im Landestheater Neuß. Das Ensemble der "Neuen Bühne" besteht aus 13 Schauspielern, der Jahresetat beträgt um die 3,5 Millionen Euro. Das Theaterspektakel "GlückAufFest", mit dem Latchinian nun seine Intendanz begann, wurde mit einem Bergwerkschor und dem Geläut einer Schichtglocke eröffnet. Es zeigt elf Inszenierungen an einem Abend. In der "Frühschicht" gab es neben dem musikalischen Märchen von Sergej Prokofjew "Peter und der Wolf" den Monolog "Bericht für eine Akademie" von Kafka und die Inszenierung "Das Kind" aus der szenischen Komposition "Weltuntergang Berlin II" von Lothar Trolle. Die "Tagschicht" führte mit der Uraufführung des Stückes "Senftenberger Erzählungen oder die Enteignung" von Hartmut Lange aus dem Jahr 1960 in die Anfänge des "Theaters der Bergarbeiter" in Senftenberg zurück. Lange, damals "in die Kohle" gegangen, schilderte eigene und kollektive Erfahrungen im Stile unschwer erkennbarer Vorbilder von Brecht, gipfelnd in der Klärung der "Magenfrage" durch die Enteignung eines Unternehmers, der über Schweizer Konserven verfügen kann, während die volkseigene Grube nur aus eigener Kraft bessere Lebensbedingungen schaffen kann. Das Stück sollte entsprechend einem seit 1953 bestehenden Patenschaftsvertrag 1960 in Senftenberg ausprobiert, dann im Berliner DT nachgespielt werden. Doch es kam zu gar keiner Aufführung, weil die widersprüchliche Realität im Verhalten der Bergarbeiter bis hin zum Streik nicht so ungeschminkt gezeigt werden sollte, erst recht nicht, nachdem Lange 1965 Republikflucht begangen hatte. Das Stück harrte 44 Jahre lang der Uraufführung. Nun setzt es Christoph Schroth mit Lothar Scharsich als Bühnenbildner in bewusster Holzschnittmanier hinreißend in Szene. Die differenzierteste Leistung erbringt Heinz Klevenow in der Darstellung gegegensätzlicher Typen: eben des verschlagenen Unternehmers Brack und des Parteisekretärs. In regionale Geschichte eingebunden ist auch die Dramatisierung des Romans "Franziska Linkerhand" von Brigitte Reimann, die die Neustadt des benachbarten Hoyerswerda mitaufbaute. In der Regie von Latchinian erspielt Inga Wolff als junge Architektin - die mit dem Widerspruch zu kämpfen hat, effektiv bauen zu müssen, statt auch schön - eine starke Wirkung.Die "Spätschicht" ist der heutigen Jugend gewidmet: "Frühlings Erwachen" nach Wedekind, "Und morgen die ganze Welt" von Jürgen Eick und "Ich knall euch ab" von Morten Rhue. Am wenigsten überzeugend die Wedekind-Adaption, da sich Pubertierende, dargestellt durch gereifte Frauen und Schauspieler mit Schmerbauch und Glatze, nicht gut machen. Im zweiten Stück setzt Regisseur Veit Schubert die fatale Liebesbeziehung zwischen einem Rechtsradikalen und einem Mädchen aus gutbürgerlichem Haus (Ole Andreas Christ, Barbie Kathleen Morgenmeyer) in Szene. Von starker Assoziationskraft das dritte Drama, die Geiselnahme von Schülern und Lehrern durch zwei sich ausgegrenzt fühlende Jugendliche, eine Koproduktion mit dem carrousel Theater Berlin in der Regie von Latchinian. Die "Nachtschicht" geriet mit "Ladies Night" von Sinclair/ MacCarten, eine von Arbeitslosen imitierte Stripper-Comedy, stark ins Schwankhafte.Zum Eröffnungsfest kamen viele Schauspieler, die einmal ihr Debüt in Senftenberg hatten, etwa Annekathrin Bürger, Uwe-Delef Jessen, Dieter Wien, Horst Lebinsky; dazu Ulf Reiher (Intendant 1967 bis 72) und Förderer wie Rolf Hoppe aus Dresden. Der Zulauf von Kritikern für die Neue Bühne Senftenberg ist so gut wie garantiert: Im Februar 2005 hat Volker Brauns neues (vom Berliner Ensemble abgelehntes) Stück "Was wollt ihr denn" Uraufführung. Glück auf!------------------------------Elf Inszenierungen: // "Peter und der Wolf" "Ein Bericht für eine Akademie" "Das Kind" "Senftenberger Erzählungen""Schatzinsel" "Franziska Linkerhand" "Frühlings Erwachen" "Und morgen die ganze Welt" "Ich knall euch ab" "Beim ersten Mal tut's noch weh" "Ladies Night"Das Theaterspektakel "GlückAufFest" - elf Inszenierungen an einem Abend - wird am 24.9. (17 Uhr) und am 25.9. (18 Uhr) wiederholt: Neue Bühne Senftenberg, Telefon: 0357 380 12 80, Weitere Informationen im Internet: www.theater-senftenberg.de------------------------------Foto: 44 Jahre nicht gespielt: Szene aus "Senftenberger Erzählungen oder die Enteignung".
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