Friedrichshain kommt: Gilt der Bezirk unter Insidern schon seit längerem als Geheimtip für eine neue Kneipen- und Unterhaltungskultur, so wird er nun von immer mehr Gästen aus ganz Berlin entdeckt. Rund um Wühlisch- und Simon-Dach-Straße explodiert die Zahl der neuer Lokale. Das "aché", "Beluga" und "Pentascop", aber auch die alteingesessene "Tagung" sind vollbesetzt mit jungen Leuten. Im "Conmux" ziehen Rauchschwaden durch die Kneipe, Musik der Rockgruppe Nirvana dröhnt aus den Boxen. Doch der neue Run nach Friedrichshain ruft nicht immer Begeisterung hervor. "Seit einem Jahr kommen die arroganten Leute vom Prenzlauer Berg hier runter: Immer weniger Arbeiter, immer mehr Studenten", sagt Barkeeper Mike Stüwe. Im wöchentlichen Rhythmus eröffnen neue Kneipen, Clubs und Diskotheken. Insgesamt 447 gastronomische Betriebe zählt der Bezirk, allein in diesem Jahr kamen 128 neue dazu. Daß so etwas das Image des Bezirks hebt, weiß auch der stellvertretende Bürgermeister Dieter Hildebrandt (PDS): "Bei manchen hat·s eben länger gedauert, bis sie gemerkt haben, daß Friedrichshain ein attraktiver Bezirk ist." Während immer mehr Arbeiter aus Friedrichshain wegziehen, kommen Besserverdienende und Studenten hinzu ein Spiegelbild davon zeigt die Kneipen- und Clubszene. In der am 15. November eröffnete "Knorre" (Knorrpromenade) sitzen vor allem gutsituierte Gäste auf schmiedeeisernen Stühlen. Bei leiser Musik serviert die Bedienung hier feine Filetspitzen. Die Bar schmücken Schwerter und ritterliche Skulpturen. Aus dem Ballsaal hinter den Restauranträumen erklingt Beifall. Gitarrist Michael Friedmann aus Kanada spielt Folk-Songs. Auf einer Balustrade und im Innenraum des sechs Meter hohen Saals stehen hundert Konzertbesucher. "Wir wollen Gegenpart zu den normalen Kneipen sein. Das Haus erhebt einen höheren Anspruch", sagt Betreiber Arndt Richter. Genau das kommt bei den Besuchern an. "Der Club ist urig, die Musik toll, in Friedrichshain passiert jede Menge", sagt Herbert Treichel, der extra wegen des Konzerts aus Schöneberg angereist ist. Wer dann noch Geld hat, kann in einem separaten Raum Kunst von Metallbildhauern und Modedesignern kaufen. Arndt Richters Konzept scheint aufzugehen: "Der Prenzlauer Berg ist ausgelutscht. Da gibt·s keine Szene mehr, nur noch Szenetourismus. Deswegen sind wir nach Friedrichshain gegangen." Das "Unplugged" in der Gryphiusstraße will vor allem die Musikerszene anziehen. Die Besucher können seit April in einem Hinterraum Jam-Sessions veranstalten. "Hier sind die Leute viel lockerer drauf. In Friedrichshain gibt·s sehr viele Musiker, aber die Leute kommen auch aus anderen Bezirken", sagt Inhaberin Tina Baker. Probleme gibt es trotzdem: Anwohner beschwerten sich wegen des Lärms. Abhilfe habe eine Gummidämmung auf den Holzdielen geschaffen, so Tina Baker. Die Kehrseite der Medaille bekommt auch das Umweltamt Friedrichshain zu spüren: 1997 registrierte die Behörde 20 Prozent mehr Lärmanzeigen als 1996.Auf den Massengeschmack zielen die großen Clubs, Diskos und Kneipen im Umfeld des Warschauer Platzes. Seit 1. November will der "Speicher" in der Mühlenstraße Menschen ab 25 Jahren locken. Das Programm reicht von Black Music bis zu einer Sportsbar. Das amerikanische Restaurant, das im Stil der 50er Jahre eingerichtet ist, wird schon mal gerne für eine Betriebsfeier gebucht. An den Wochenenden tobt das Leben im Speicher: Über 3000 Besucher drängen sich dann durch das vieretagige Haus.Mehr als 10 000 Besucher wollen die Lokale rund um den Warschauer Platz an den Wochenenden anziehen. Da sind Parkplatzprobleme programmiert. Doch die Polizei will schnell helfen: "Im Bereich der Mühlenstraße schaffen wir bis Ende des Jahres neuen Parkraum", sagt Polizeihauptkommissar Diesener. Vom 6. Dezember an ergänzt die Diskothek "Crazy Land" im U-Bahn-Viadukt der Warschauer Brücke das Angebot. 3000 Menschen können auf 1500 Quadratmetern tanzen, im Internet surfen, amerikanisch essen oder sich an Spielautomaten betätigen. Gastronom Hugo Peyrel ist vom Erfolg überzeugt: "Direkt zwischen Kreuzberg, Mitte und Friedrichshain hier liegen wir an der Straße der Zukunft."
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