Südafrikas Ärzte: Das sind die Symptome bei einer Omikron-Infektion
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die neue Variante am Freitag als „besorgniserregend“ eingestuft. Unter dem Namen Omikron gehört sie zu den „Variants of Concern“ (VOC), wie die WHO am Freitag nach Beratungen mitgeteilt hat. Zu diesen zählt auch die derzeit in Deutschland vorherrschende Delta-Variante. Sie trat vor einem Jahr zum ersten Mal in Indien auf und hat sich von dort aus in großer Schnelligkeit über die ganze Welt verbreitet.
Mehr als 30 Mutationen im Spike-Protein
Der Grund: Das Virus hat eine kürzere Inkubationszeit, es dringt schneller in die Zellen ein, und im ersten PCR-Abstrich werden oft 1000-fach mehr Virusgene nachgewiesen als bei den Varianten zuvor. Delta ist die bisher ansteckendste Variante. Auch die Symptome haben sich verändert. So ist zum Beispiel eine laufende Nase hinzugekommen.
Nun also die Omikron-Variante B.1.1.529 aus Südafrika! Berichten zufolge breitet sie sich offenbar massiv in der Provinz Gauteng aus, zu der auch die großen Städte Johannesburg und Pretoria gehören. Wie die WHO-Expertin Maria van Kerkhove sagte, werde zurzeit untersucht, inwieweit die Variante Folgen für Diagnostik, Therapien und die Impfkampagnen habe. „Es wird ein paar Wochen dauern, bis wir verstehen, welchen Einfluss diese Variante hat“, sagte Kerkhove.
Großbritannien und Israel schränkten bereits vorsorglich den Flugverkehr in einige Staaten im südlichen Afrika ein. Deutschland erklärte Südafrika am Freitag zum Virusvariantengebiet. Wie die The Times of Israel berichtet, habe es dort am Freitag Rückkehrer aus Malawi gegeben, die sich mit der neuen Variante infiziert haben sollen. In Belgien wurde die Variante bei einem Reisenden festgestellt, der zuvor in Ägypten gewesen war.
Die Rede ist von einer „stark mutierten Variante“. Hier geht es nicht allein um die Zahl der Mutationen an sich, sondern um die Stellen des Virus, an denen sie passieren. Und hier betrifft es vor allem einzelne Aminosäuren in der sogenannten rezeptorbindenden Domäne (RBD) des Spike-Proteins – also dort, wo das Virus an die Zelle andockt. Mutationen können hier dazu führen, dass das Virus mehr oder weniger gut an die ACE2-Rezeptoren der Zellen bindet. Was vor allem zur Folge haben kann, dass es ansteckender wird oder weniger ansteckend.
Wie der Wiener Genetiker Ulrich Elling mitgeteilt hat, fänden sich bei B.1.1.529 mehr als 30 Mutationen im Spike-Protein. Darunter seien leider viele als bedenklich geltende Mutationen, erklärte Elling in den Salzburger Nachrichten. „Das wird neben der potenziellen Immunschutz-Umgehung wohl maßgeblichen Einfluss auf die Infektiosität und Symptomatik haben.“
„Besorgniserregendste“ Variante bisher
Obwohl die Daten noch mit Unsicherheiten behaftet sind, findet es Elling erstaunlich, dass eine Variante derart viele Mutationen anhäufen konnte – bis hin zu neu eingesetzten Bausteinen im Spike-Protein, was „normalerweise nie“ vorkomme. „Die unvorstellbar vielen Mutationen verändern Spike komplett“, schreibt Elling. Es handle sich „um die aktuell besorgniserregendste Mutationsanhäufung“. Auch die Wissenschaftlerin Susan Hopkins vom Imperial College in London bezeichnet die neue Variante als „die besorgniserregendste, die wir je gesehen haben“.
Das Problem: Die Mutationen könnten Folgen für die Wirkung der Impfstoffe haben. Denn die Impfstoffe tragen eine Bauanleitung für das Spike-Protein des Coronavirus in sich, das die Oberfläche des Virus wie Stacheln bedeckt. Das Immunsystem erkennt das Spike-Protein und verhindert, dass es an die Zellen anbinden kann – unter anderem durch die Bildung von Antikörpern und eine Erinnerung im Immungedächtnis.
Allerdings verweist der Berliner Molekularbiologe Emanuel Wyler vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) darauf, dass trotz der Mutationen wichtige Stellen des Spike-Proteins, an die Antikörper binden können, weiter unverändert sind. „Viele der interagierenden Aminosäuren sind auch in der neuen Variante noch da“, sagt er.
Impfstoffe sollen grundsätzlich weiter schützen
Gleichwohl habe die Omikron-Variante durchaus das Potenzial, die derzeit vorherrschende Delta-Variante zu verdrängen, sagt Emanuel Wyler. „Die Frage ist, wann sie hier auftaucht, ob vor dem Ende des Winters oder nicht.“ Sie könnte auch spürbar resistenter gegen die Impfung sein. Das bedeute allerdings nicht, dass die Impfung nicht mehr wirke. „Es bedeutet, dass man sich eher nach der Impfung wieder ansteckt – also dasselbe, was man mit der mit der Zeit abnehmenden Effizienz der Impfung gegen eine Ansteckung sieht.“ Auch mit der neuen Variante sei „erstmals eher zu erwarten, dass die Impfung gut gegen schwere Krankheitsverläufe schützt“.
Auch der Virologe Christian Drosten sagte: „Nach derzeitigem Ermessen sollte man davon ausgehen, dass die verfügbaren Impfstoffe grundsätzlich weiterhin schützen.“ Und nach Aussagen der EU-Arzneimittelbehörde EMA vom Freitag lasse sich noch nicht abschätzen, ob die Omikron-Variante eine Anpassung der Impfstoffe erforderlich mache. Biontech teilte mit, die Wirkung seines Impfstoffs gegen B.1.1.529 zu prüfen. Es gebe Vorbereitungen, den mRNA-Impfstoff nötigenfalls innerhalb von sechs Wochen anzupassen.
Die Situation in Südafrika sei insofern eine andere, als dass dort die Impfquote viel niedriger sei und aktuell auch die Zahl der Fälle, sagt Emanuel Wyler. Das mache es für eine neue Variante einfacher, sich zu etablieren. Trotzdem sei es erst einmal besser, vorsichtig zu sein, denn je später die Variante hier ankomme, desto einfacher.
Evolution im Zeitraffer
Generell entstehen Mutationen durch Kopierfehler bei der Verbreitung von Sars-CoV-2. Einige dieser Veränderungen erhöhen die „Fitness“ des Virus, also die Fähigkeit, sich möglichst weit zu verbreiten – das Ziel der Evolution, die bei Viren im Zeitraffer abläuft. Je mehr Menschen auf der Welt infiziert sind, desto größer die Möglichkeit, bei der Viren-Vermehrung Veränderungen auszubilden, die einer neuen Virus-Variante größere Vorteile verschaffen als seinen Vorgängern.
Ob Omikron in Deutschland die Delta-Variante – den gegenwärtigen Platzhirsch von Sars-CoV-2 – verdrängt, ist noch ungewiss. Delta selbst hatte im Jahr 2021 Monate gebraucht, um sich in Deutschland durchzusetzen. Inzwischen waren Frühling und Sommer herangekommen. Auch zu möglicherweise schwereren Verläufen und einer veränderten Infektions-Sterblichkeit gibt es noch keine Aussagen. Bei den bisherigen neuen Varianten gab es hier keine wirklich grundlegenden Veränderungen. Auch der Virologe Christian Drosten sah am Freitag keine Hinweise „für eine veränderte Krankheitsschwere“.
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