New Music Friday

Neue Platten fürs Wochenende: Taylor Swift, a-ha, Loyle Carner

Loyle Carner ist der junge britische Kendrick Lamar. a-ha profitieren, wie immer, von der Wahnsinnsstimme ihres Sängers. Und Taylor Swift gelingt ein 1A-Spagat.

Stefan Hochgesand
4 Min
Loyle Carner

Loyle Carner

© Jesse Crankson

Loyle Carner: „Hugo“ (Universal)

Dass Loyle Carner die Lyrik lieben lernen würde, stand nicht unbedingt in den Sternen: Schon als Kind wurde er verhaltensauffällig wegen seiner Leserechtschreibschwäche, kombiniert mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Andererseits war das auf dem Pausenhof seine Waffe: den anderen Jungs mit seinen Rap-Flows etwas entgegenzuhalten. Später hat er dann auf Spotify vertonte, ja, verjazzte Lyrik des US-amerikanischen Dichters Langston Hughes für sich entdeckt, einer Ikone der Harlem Renaissance. All dies hört man seinen Tracks auf dem nunmehr dritten Album „Hugo“ an.

Schon im Upbeat-Rap-Track „No CD“ auf Loyle Carners erstem Album „Yesterday’s Gone“ 2017 konnte man spüren, dass er sich kritisch mit überkommenen Vorstellungen von Männlichkeit auseinandersetzt, etwa als er dazu aufrief, mehr Rückgrat zu zeigen als die Homophoben: „Keep your spine straighter than a blind homophobic“. Und auch auf „Hugo“ arbeitet sich Loyle Carner (der im sogenannten echten Leben übrigens Benjamin Coyle-Larner heißt und seine Initialen als Verweis aufs ADHS vertauscht hat) an Männlichkeiten ab – zumal er selbst zwei Väter verloren hat (der leibliche verließ die Familie, der Stiefvater starb) und er nun selbst ein junger Vater ist.

In seinen Tracks zwischen Grime und Gospel, die auch den Sound des frischen, jungen Londoner Jazz ein- und ausatmen, geht es Loyle Carner darum, Gewaltkreisläufe zu durchbrechen („Hate“) und Frieden mit einer eigenen (in seinem Falle: mixed-race) Identität zu finden. Ein fantastisches Album, das auch Fans von Kendrick Lamar lieben dürften, denn Loyle Carner ist quasi der jüngere britische Kendrick, Gratulation!


a-ha: „True North“ (Sony)

Sehr beruhigend, dass sich auch in unseren Zeiten, die einem ja ansonsten wenig Ruhe gönnen, verlässlich der a-ha-Effekt einstellt, egal ob Morten Harket einem verklickert, dass die Sonne im Fernsehen immer scheine („The Sun Always Shines On TV“), was ziemlich sicher nicht stimmt, oder ob er uns mortenmarkant-jauchzend anfleht, mit ihm durchzubrennen („Take On Me“), was viele ziemlich sicher gern täten. Und so stellt sich dieser Effekt auch auf der neuen elften (!) Platte „True North“ der Norweger ein.

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Wobei auch Überraschungen winken, etwa „Hunter In The Hills“, der etwas von einem James-Bond-Big-Band-Spannungssong hat. „Between the Halo and the Horn“ ist indes eine balladeske Streicher-und-Trompeten-Hüpfburg mit schön aus der Mode gekommenen Tonartwechseln.

Während sich deutlich jüngere Bands (Paradebeispiel: Coldplay) mit ihrer Langeweile längst selbst an die Wand fahren, zeigen a-ha (wie zuletzt auch die schwedischen Nachbarn ABBA), dass man durchaus frisch bleiben kann, ohne sich dem Zeitgeist-Sound anzubiedern. Vielleicht liegt das aber auch an dieser Wahnsinnsstimme von Morten Harket, denn einige der Kuschelwatte-Hall-Instrumentierungen sind, ehrlich gesagt, doch etwas betulich geraten.


Taylor Swift: „Midnights“ (Universal)

Taylor Swift hat sich viele Freundinnen und Freunde gemacht im Indie-Game mit ihren 2020er-Alben „Folklore“ und „Evermore“, samt The National und Bon Iver. Kann sie die mit ihren (nach eigener Aussage) mitternächtlichen Kompositionen auf ihrer zehnten Platte „Midnights“ nun bei der Stange halten? Andererseits: Vielleicht will sie das auch gar nicht, sondern stilisiert sich lieber als die Anti-Heroine, wie der dritte Track („Anti-Hero“) verheißen könnte, übrigens direkt gefolgt von „Snow on the Beach“, einem Duett mit Lana Del Rey (sic!), die sich ja auch gern als die große Missverstandene in Schale wirft und in Szene setzt.

„Lavender Haze“ jedenfalls, der opening track, ballert erst mal technoid oder zumindest housy los. Mehr Panorama-Bar als einsame „Folklore“-Blockhütte. Trotzdem stellt sich auf „Midnights“ rasch der Eindruck ein, dass Taylor Swift diesmal mit der Co-Produktion von Jack Antonoff (der auch schon auf dem 2019er „Lover“ mitmachte, aber als einer von mehreren) weniger nach Plastikpop klingt, als sie es früher mal tat nach ihrer Country-Lehrzeit. Da darf auch mal statt steriler Synthetik die Orgel schön organisch knarzen. Interessanterweise packt Taylor Swift sogar ihre am Country geschulte Intonation immer wieder auch besonders deutlich aus, etwa bei „You’re on Your Own, Kid“.

Der Spagat dürfte Taylor Swift tatsächlich gelungen sein: Sowohl die neu gewonnenen Indie-Fans mitzunehmen als auch ihre treue Party-Pop-Crowd nicht zu vergraulen. Und: Ja, so ein verschneites Weihnachtsfest am Strand mit Lana und Taylor, das wäre schon was. So lässt es sich verhuscht wegträumen von frühreifen Spekulatius und Horrorheizungskosten hierzulande.

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