Neue Runde im Poker um alte Bücher

Johannes Sabinski
2 Min

Mit Verschiebung der polnischen Grenzen nach dem Krieg geriet auch ein Teil der ausgelagerten Bestände der Preußischen Staatsbibliothek unter polnische Hoheit. So gelangten etwa 170 000 Bände an die Biblioteka Jagiellonska nach Krakau. Unter dem Titel "Verlagert, verschollen, vernichtet " unterstreicht die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz mit einer aufwendig gestalteten Broschüre ihren Anspruch auf Restitution - auf Rückgabe dieser bibliothekarischen Schätze aus dem Erbe ihrer Rechtsvorgängerin. Sammlerisches Ethos Die Verhandlungen hierzu sind problematisch: Auf der einen Seite steht das deutsche Interesse an wissenschaftlich optimalen Bedingungen, die dann nicht bestehen, wenn Nachlässe auseinandergerissen oder Sammlungen nur noch teilweise auffindbar sind. Die Broschüre dokumentiert systematisch eine Fülle von Beispielen hierfür. Das reicht bis hin zu Musikhandschriften berühmter Komponisten, die sich auf Berlin und Krakau verteilen. Hinzu komme ein sammlerisches wie staatsbürgerliches Ethos, die alten Bestände, soweit möglich, wieder aufzufüllen. Das bekräftigt der Generaldirektor der Staatsbibliothek, Antonius Jammers, zum Anliegen der Broschüre befragt.Andererseits hat die deutsche Besatzung den Polen im Zweiten Weltkrieg einen gewaltigen, oft bewußt herbeigeführten Kulturverlust zugefügt. Dabei wurden auch zwei Drittel der Bibliotheksbestände vernichtet oder blieben verschollen. Die Krakauer "Erbmasse", erst zu Beginn der Solidarnosc-Ära offiziell bestätigt, wird in Polen als Kompensation für solche eigenen Verluste angesehen.Daß diese Rechnung nicht aufgehen kann, will die Broschüre darlegen. Kulturwerte ließen sich nicht gegeneinander aufwiegen. Überdies sei der wissenschaftliche Wert solcher fragmentarischer Sammlungen auch für die polnische Seite "begrenzt, wie ein unvollständiges Kartenspiel", glaubt Jammers. Denkbar sei vielmehr eine Ablichtung auf Mikrofilmen, die dann ersatzhalber der Krakauer Bibliothek überlassen werden könnten. Das schließe aber weitergehende Reparationen nicht aus. Besuch angekündigt Antonius Jammers rechnet bei seinem Anliegen nicht mit raschen Erfolgen. Auch ist die Haltung des neuen polnischen Staatsoberhauptes in dieser Frage noch unbekannt. Immerhin haben Jammers' Kollegen von der Krakauer und der Nationalbibliothek in Warschau für den Februar ihren Besuch angekündigt, um in eine weitere Verhandlungsrunde zu treten. Davon nicht betroffen ist der Status der sogenannten "Beutekunst" aus Jammers' Haus im Besitz der Russischen Föderation. Das sind geschätzte 300 000 Bände, die in der Broschüre nur am Rande berücksichtigt werden. Der darin formulierte Restitutionsanspruch der Staatsbibliothek aber gilt auch hierfür, er gilt für alle verlorengegangenen Bestände. Die Broschüre ist in der Staatsbibliothek Unter den Linden erhältlich, demnächst auch über den Buchhandel. Preis: 5 Mark. +++

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