Russisches Gas findet weiterhin einen Weg nach Deutschland – als Dünger für die Landwirtschaft. Trotz EU-Zöllen kaufen deutsche Abnehmer Stickstoffdünger, der mit günstigem Erdgas aus Russland hergestellt wird. Neue Zahlen des Industrieverbands Agrar (IVA) auf Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamts, die der Berliner Zeitung vorliegen, zeigen nun: Die Einfuhren sind stark eingebrochen, liegen aber weiterhin über dem Vorkriegsniveau.
Im Düngejahr 2025/26 hat Deutschland mit russischen Düngemitteln insgesamt 48.800 Tonnen Stickstoff importiert. Das sind rund 66 Prozent weniger als im Vorjahr, aber noch immer rund 53 Prozent mehr als im letzten vollständig vor dem Ukraine-Krieg liegenden Düngejahr 2020/21. Bei Harnstoffdünger ist die enthaltene Stickstoffmenge sogar fast dreimal so hoch wie damals. Warum bleiben russische Lieferungen trotz der Zölle attraktiv?
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Düngerimporte fast dreimal so hoch wie vor dem Krieg
Die Berliner Zeitung hatte bereits in den vergangenen beiden Jahren über die russischen Düngerlieferungen berichtet. Die nun vom IVA auf Anfrage bereitgestellte vergleichbare Datenreihe zeigt die Entwicklung: Im Düngejahr 2020/21 lag die mit russischen Düngemitteln importierte Stickstoffmenge bei 31.800 Tonnen. Im Düngejahr 2021/22, in dessen zweite Hälfte der Kriegsbeginn fiel, stieg sie auf 56.800 Tonnen.
Danach erreichten die Einfuhren 2022/23 mit 185.100 Tonnen ihren höchsten Stand innerhalb der Datenreihe. Es folgten 140.200 Tonnen 2023/24 und 143.800 Tonnen 2024/25. Erst das jüngste Düngejahr zeigt einen starken Einbruch. Die Zeiträume reichen jeweils von Juli bis Juni; die Mengen bezeichnen den enthaltenen Stickstoff, nicht das Gesamtgewicht des Düngers.
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MehrEine Teilmenge davon entfällt auf Harnstoffdünger, der in der Landwirtschaft eingesetzt wird, um das Pflanzenwachstum zu fördern. Die damit importierte Stickstoffmenge sank zuletzt von 71.600 auf 27.600 Tonnen – um gut 61 Prozent. Gegenüber den 9900 Tonnen im Düngejahr 2020/21 bleibt sie jedoch deutlich erhöht.
Erdgas dient bei der Herstellung von Stickstoffdüngern als Rohstoff und Energieträger. Über die Düngerexporte verkauft Russland damit Produkte seines günstigen Gases nach Deutschland. Wie viel Erdgas für die Herstellung eingesetzt wurde, lässt sich aus den vorliegenden Importzahlen allerdings nicht ablesen.
Hohe Energiekosten: Russischer Dünger bleibt attraktiv
Der IVA führt den jüngsten Rückgang der deutschen Importe auf die seit Juli 2025 geltenden EU-Zölle zurück. „Die Zölle haben ihre Wirkung entfaltet und die Importe russischer Düngemittel massiv eingeschränkt, wenn auch nicht unter Vorkriegsniveau“, erklärt ein Sprecher des Verbands auf Anfrage der Berliner Zeitung. Auch die Einfuhren in die EU seien stark zurückgegangen.
Ein entscheidender Wettbewerbsnachteil der heimischen Hersteller bleibt nach Einschätzung des Verbands jedoch bestehen: „Die hohen Energiekosten in Europa, insbesondere in Deutschland, verhindern einen noch höheren Selbstversorgungsgrad und machen russische Importe trotz Zoll weiterhin attraktiv.“
Die Handelsbarrieren verteuern somit den Zugang zum europäischen Markt. Nach Darstellung des IVA reichen sie aber nicht aus, um den Kostenvorteil russischer Lieferungen vollständig auszugleichen.
Hinzu kommen möglicherweise Einfuhren über andere EU-Länder. Es sei wahrscheinlich, dass russische Ware auf diesem Weg nach Deutschland gelange, erklärt der IVA. Beziffern ließen sich diese Sekundärimporte jedoch nicht. Ihr Umfang bleibt damit offen.
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IVA sieht keinen Preiseffekt durch die EU-Zölle
Für Landwirte ist entscheidend, ob der Rückgang russischer Lieferungen ihre Beschaffungskosten erhöht. Der IVA, der auch die Interessen der Düngemittelindustrie vertritt, sieht keinen erkennbaren Preiseffekt infolge der Zölle.
Die heimische Produktionskapazität sei gut und das Angebot für Landwirte ausreichend. Zudem werde weiterhin Dünger aus anderen Drittstaaten eingeführt, beispielsweise aus Ägypten. Nach Einschätzung des Verbands bestätigt die Entwicklung damit seine Position bei Einführung der Zölle: Die Versorgung lasse sich auch mit deutlich weniger russischen Lieferungen gewährleisten.
Die hohen Düngemittelpreise im Jahr 2026 führt der IVA hingegen auf den Iran-Krieg, die Blockade der Straße von Hormus und die damit verbundenen weltweiten Preissteigerungen für Dünger und Energie zurück. „In den Wochen nach Ausbruch des Kriegs hatten wir in Europa weltweit die niedrigsten Düngemittelpreise“, erklärt der Verband.
Aus Sicht des IVA hat die Einschränkung russischer Einfuhren die Versorgung somit nicht gefährdet. Die hohen Energiekosten verhindern allerdings, dass heimische Hersteller einen noch größeren Teil des Bedarfs decken können.
Düngerausbringung auf einem Acker: Die hohen Düngerpreise führt der IVA auf den Hormus-Krieg zurück, nicht auf die EU-Zölle. (Symbolbild)
© Countrypixel/imago
Verband fordert weitere Zölle auf russischen Kalidünger
Der IVA nimmt die Entwicklung zum Anlass, zusätzliche Zölle auf russische und belarussische Kaliimporte zu fordern. Die heimische Industrie könne die europäische Landwirtschaft ausreichend versorgen; Preissteigerungen seien nach Einschätzung des Verbands nicht zu erwarten.
Kali ist neben Stickstoff ein wichtiger Pflanzennährstoff. Die Forderung betrifft damit einen weiteren Düngemittelmarkt, den die vorgelegte Datenreihe nicht erfasst. Der IVA argumentiert, Einnahmen aus russischen Kalidüngerexporten trügen zur Finanzierung der russischen Kriegsführung bei. Eine entsprechende Importabhängigkeit sei aus Sicht der Versorgungssicherheit nicht erforderlich.
Bei Stickstoffdüngern haben die Zölle nach Einschätzung des Verbands bereits einen deutlichen Einschnitt bewirkt. Doch solange die hohen Energiekosten die heimische Produktion bremsen, bleibt der deutsche Markt für Produkte aus russischem Gas attraktiv.
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