Seit der wirtschaftlichen Öffnung im Jahr 2017 verändert sich Usbekistan in hohem Tempo. Nach Angaben der Weltbank wuchs die Wirtschaft des rund 38 Millionen Einwohner zählenden Landes im Jahr 2025 real um 7,7 Prozent, für dieses Jahr prognostiziert die UN-Organisation ein Plus von 7,9 Prozent.
Städte wie Samarkand – mit rund 880.000 Einwohnern eine der größten des Landes – wirken aufgeräumt, eine Mittelschicht hat sich gebildet, und internationale Touristen prägen zunehmend das Stadtbild. Taschkent versteht sich als Brücke zwischen Ostasien und dem postsowjetischen Raum und tritt mit wachsendem geopolitischem Selbstbewusstsein auf.
Ein sichtbares Zeichen dieses Anspruchs war der Weltgipfel für Investitionen in das Wohlergehen von Kindern, der vom 21. bis 22. Oktober in Samarkand stattfand. Mehr als 600 Delegierte aus über 100 Ländern nahmen teil, darunter Regierungsvertreter, UN-Vertreter und Repräsentanten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Weltbank sowie der Zivilgesellschaft. Organisiert wurde das Treffen von der usbekischen Regierung gemeinsam mit der UN-Sonderbeauftragten für Gewalt gegen Kinder, Unicef, WHO und Weltbank. Die Schirmherrschaft übernahm die usbekische First Lady Ziroat Mirziyoyeva.
Durch den drastischen Rückgang internationaler humanitärer Hilfe könne die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren weltweit erstmals in diesem Jahrhundert wieder ansteigen. Mehr als eine Milliarde Kinder lebten zudem in Ländern, die stark vom Klimawandel bedroht sind. „Jede Investition in das Wohlergehen von Kindern ist eine Investition in die Zukunft der Gesellschaft und der Menschheit“, sagte die usbekische First Lady. Es reiche nicht, Kinder lediglich zu versorgen – „sie müssen auch die Chance haben, sich umfassend zu entwickeln“.
Mit dem Weltgipfel für Investitionen in das Wohlergehen von Kindern will das zentralasiatische Land seinen Anspruch untermauern, auch international Akzente zu setzen.
© Alexander Schumann für Ostdeutsche Allgemeine
Als Gastgeber präsentierte Usbekistan sein eigenes Sozialmodell. Nach Regierungsangaben konnte die nationale Armutsquote von 35 Prozent auf 6,6 Prozent gesenkt werden, häusliche Gewalt wurde unter Strafe gestellt. Shakhnoza Mirziyoyeva, Tochter des Präsidenten und zuständig für die Koordination des Kinderschutzes im Land, räumte während der zweitägigen Konferenz ein, die früheren großen Kinderheime hätten „mehr wie Gefängnisse als wie Einrichtungen für Kinder“ ausgesehen. Das letzte dieser Heime wurde geschlossen, stattdessen setzt das Land auf einen dezentralen Ansatz mit kleineren, regionalen Zentren.
Zum Abschluss verabschiedeten die Teilnehmer die „Erklärung von Samarkand über Investitionen in das Wohlergehen von Kindern“. Darin verpflichten sich die Staaten, grundlegende Dienste in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Sozialhilfe auch in Phasen fiskalischer Engpässe nicht zu kürzen. Sozialsysteme sollen bei klimabedingten Schocks, in humanitären Notlagen und in Konfliktgebieten so abgesichert werden, dass Hilfen die am stärksten gefährdeten Gruppen direkt erreichen.
Milliardeninvestitionen in Verkehr und Industrie
Parallel zur sozialpolitischen Agenda treibt die Regierung in Taschkent den wirtschaftlichen Umbau voran. Bis 2030 sollen rund 54 Milliarden Euro in den Verkehrssektor fließen, um die Transportkapazitäten deutlich zu erhöhen. In den großen Städten ist das schon sichtbar. Neue Straßen, Tunnel, Brücken und seit kurzem auch eine Straßenbahn prägen das Stadtbild. Zudem betreibt Usbekistan das fortschrittlichste Hochgeschwindigkeitsbahnnetz in Zentralasien, das sich über eine Strecke von mehr als 1100 Kilometern erstreckt und die Hauptstadt Taschkent mit den historischen Seidenstraßen-Metropolen Samarkand, Buchara und Chiwa verbindet.
Im Industriesektor hat der chinesische Automobilhersteller BYD in der Stadt Jizzakh, rund 200 Kilometer südwestlich von Taschkent, derweil das erste Fahrzeug vom Band laufen lassen. Zunächst werden dort Plug-in-Hybride produziert, reine Elektrofahrzeuge sollen folgen.
Auch der Tourismus wächst rasant. Samarkand mit historischen Stätten wie dem Registan-Platz, aber auch das Chimgan-Gebirge – „usbekische Schweiz“ genannt – ziehen zunehmend Besucher an. 2025 reisten 14 Millionen Touristen ins Land, für 2026 rechnet die Regierung mit 25 Millionen.
Als zentrale wirtschaftliche Herausforderung gilt, aus den Investitionen dauerhaft produktive, gut bezahlte Arbeitsplätze und ein breiter aufgestelltes Exportportfolio zu entwickeln. Engpässe bei staatlichen Unternehmen, Qualifikation, Energie, Wasser und Verkehrsinfrastruktur stehen diesem Ziel entgegen.
Deutsche Unternehmen bleiben zurückhaltend
Von Regierungsvertretern heißt es hinter vorgehaltener Hand, deutsche Investoren hielten sich auffällig bedeckt. Stärker vertreten seien neben der Türkei, China und Russland vor allem italienische und französische Unternehmen – obwohl deutsche Firmen in Usbekistan willkommen seien. Das Land verfügt über große Vorkommen an Kupfer, Gold, Uran, Zink und seltenen Erden. Deutschland sucht im Rahmen der Diversifizierung seiner Lieferketten den Zugang zu diesen Rohstoffen. Zudem investiert Usbekistan stark in erneuerbare Energien und Wasserstoff – Bereiche, in denen deutsche Technologie zum Einsatz kommt.
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Einen Meilenstein bildet das 2024 unterzeichnete Migrations- und Mobilitätsabkommen. Deutschland nutzt die sehr junge usbekische Bevölkerung – über 60 Prozent sind jünger als 30 Jahre – gezielt zur Gewinnung von Fachkräften, unter anderem für Pflege, Handwerk und IT.
Nach einer Auswertung des Ost-Ausschusses auf Grundlage von Destatis-Daten beliefen sich die deutschen Warenausfuhren nach Usbekistan 2025 auf rund 1,323 Milliarden Euro, die Wareneinfuhren auf etwa 137 Millionen Euro – zusammen rund 1,46 Milliarden Euro. Allein Maschinen machten mit rund 433 Millionen Euro einen wesentlichen Anteil der deutschen Exporte aus. Die zentrale wirtschaftspolitische Frage, so der Tenor vor Ort, lautet: Kann es sich Deutschland leisten, einen Markt von 38 Millionen Menschen zu ignorieren?
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