Neues Buch „Darm mit Charme“

„Giulia, wie geht kacken?“

Am Anfang stand eine einfache Frage: „Giulia, du studierst doch Medizin – wie geht kacken?“, fragte ein Mitbewohner. Auf der Suche nach einer Antwort hat sich Giulia Enders nach den Geheimnissen des schamhaft vernachlässigten menschlichen Organs gemacht und ein charmantes Buch geschrieben.

BLZ
9 Min
Giulia Enders. Eine unerwartete Frage in der WG-Küche ließ sie ihr Thema finden.

Giulia Enders. Eine unerwartete Frage in der WG-Küche ließ sie ihr Thema finden.

© Markus Wächte Lizenz

Alles begann mit einer deftigen Frage. „Giulia, du studierst doch Medizin – wie geht kacken?“, wollte der Mitbewohner in der gemeinsamen WG-Küche wissen. Giulia Enders, die angesprochene Medizinstudentin, wurde selbst neugierig. Sie ging in ihr Zimmer, wälzte medizinische Bücher und war hinterher völlig baff. Die Sache, die man doch jeden Tag mache, sei so viel beeindruckender, als sie jemals gedacht hätte, erzählt sie. Und sie schildert fasziniert, wie perfekt die Nervensysteme des inneren und äußeren Schließmuskels zusammenwirken, um das große Geschäft des Menschen so diskret und elegant wie nur möglich zu absolvieren. Eine Kulturleistung des Körpers.

Giulia Enders wollte ihr Wissen keinesfalls für sich behalten. Sie recherchierte weiter und meldete sich beim Science Slam an, einem wissenschaftlichen Kurzvortrags-Turnier, das vor Hunderten von Leuten ausgetragen wird. Natürlich war sie aufgeregt. Aber sie „wuppte“ das Ding, wie sie es mit einem ihrer Lieblingswörter sagen würde. Und gewann drei Wettbewerbe – in Freiburg, Karlsruhe und Berlin.

Der Vortrag wurde zum Youtube-Hit. Hunderttausende sahen im Internet den Auftritt der jungen Frau mit dem blonden Pferdeschwanz und dem Kapuzenshirt. Mit entwaffnendem Charme erzählte sie – von witzigen Illustrationen im Hintergrund begleitet –, wie gut durchdacht unser Inneres für uns sorgt. Sie gestand, dass sie sich in das wohl merkwürdigste und am wenigsten geschätzte Organ unseres Körpers verliebt habe: den Darm. Sie erzählte, dass dieser, bis ins Kleinste aufgefaltet, hundertmal größer sei als unsere Haut, dass er wichtige Botenstoffe und zwanzig verschiedene Hormone bilde. „Also Leute, die sich von ihren Sexualhormonen leiten lassen, sind Minimalisten.“ Giulia Enders besitzt die seltene Gabe, jedes Detail auf nie gehörte Weise, wie ein spannendes Abenteuer darzustellen. Ihre Hände schweben in der Luft, ihre Augenbrauen heben sich vor Staunen über das Wunder, und ihr Lachen steckt an.

Sitzt man Giulia Enders gegenüber, wirkt sie viel kleiner und zierlicher als auf dem Bildschirm. Sie trägt eine schwarze Bluse, ihre Haare sind zum Knoten gebunden. Am Abend wird sie wieder mal einen ihrer Fernsehauftritte haben. Noch kann sie nicht ganz begreifen, was mit ihr passiert. Denn ihr Buch „Darm mit Charme – Alles über ein unterschätztes Organ“, jüngst bei Ullstein erschienen, ist in wenigen Wochen zum Bestseller geworden. Die Auflage liegt bereits bei 100.000 Exemplaren. Das Buch entstand in Folge des Youtube-Hypes. Um es zu schreiben, stieg Giulia Enders für ein Semester aus dem Studium aus.

Ein Nerven-Netzwerk

Nun ist sie wieder voll drin. „Letzten Donnerstag habe ich noch meine Semesterabschluss-Klausuren geschrieben“, sagt sie und lächelt. Sie zieht die Füße auf den Stuhl hoch, um es sich bequemer zu machen. Dass sie so gelassen diesen ganzen Rummel packe, liege wohl auch daran, dass sie endlich ihr Thema gefunden habe, sagt sie.

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Ihr Erfolg ist ein Phänomen. Sie kommt mit ihrem Buch offenbar genau zur rechten Zeit. Denn seit einigen Jahren zeigen immer mehr Studien, was die alten Chinesen schon wussten: Im Darm liegt die Gesundheit. Er macht viel mehr, als die meisten bisher dachten. Er zerteilt nicht nur die Nahrung, zieht Stoffe heraus und scheidet den Rest wieder aus. Nein, er scheint ein zentrales Organ zu sein, ähnlich dem Gehirn. Man spricht sogar vom Darmhirn, einem Nerven-Netzwerk, das entscheidend auf die Psyche wirkt.

Ein Team um den irischen Wissenschaftler John Cryan behandelte depressive Mäuse mit einem Bakterium, das dafür bekannt ist, den Darm zu pflegen. „Die Mäuse mit dem so aufgepimpten Darm schwammen nicht nur länger und hoffnungsvoller“, erzählt Giulia Enders, „in ihrem Blut ließen sich auch weniger Stresshormone nachweisen.“ Und erst jüngst weilte der US-amerikanische Biologe Jeffrey Gordon zu Gast in Berlin, um einen Preis entgegenzunehmen. Er hatte festgestellt, dass sich im Dickdarm übergewichtiger Menschen andere Arten von Mikroben finden lassen als im Darm von schlanken. Als er Bakterien fetter Mäuse in den Darm dünner Artgenossen übertrug, wurden auch diese fett, obwohl sie genauso wenig fraßen wie vorher. Inzwischen gibt es Überlegungen, hartnäckig Übergewichtige von „Moppelbakterien“ zu befreien und ihnen Bakterien zu transplantieren, die das Dickwerden verhindern.

Giulia Enders ist begeistert von solchen Studien. Ein großer Teil ihres 286-seitigen Buchs gibt einen Überblick über den Stand der Forschung. Sie schreibt vom „bakteriellen Woodstock in unseren Eingeweiden“. Die Darmflora bestehe aus etwa 100 Billionen Bakterien, ungefähr zwei Kilo. Welche Familien in dem bunten Volk vorherrschten, könne mitentscheiden, ob man dick oder dünn, fröhlich, traurig, mutig oder niedergeschlagen sei.

Die Autorin hat das am eigenen Leibe erfahren. 1990 in Mannheim geboren, aufgewachsen mit ihrer Schwester Jill und ihrer alleinerziehenden Mutter, machte sie schon als Kind seltsame Leiden durch. „Hätte ich schon damals mehr über den Darm gewusst, hätte ich Wetten abschließen können, welche Krankheiten ich einmal bekommen würde.“ Als sie siebzehn war, überzogen plötzlich nässende Wunden ihren Körper. Salben halfen nicht. Ein Leben lang Cortison nehmen, wollte sie nicht. Also suchte sie selbst eine Lösung.

Sie hatte bereits davon gehört, dass der Darm das Immunsystem und vielleicht sogar die Stimmung beeinflussen soll. Und sie kam darauf, dass möglicherweise die Antibiotika, die sie jüngst hatte nehmen müssen, ihre Darmflora durcheinandergebracht hatten. „Es war ein wildes Rumprobieren“, sagt sie. Sie testete verschiedene Nahrungsmittel und experimentierte mit probiotischen Bakterienstämmen. „Man kann die als Kapseln bestellen und einfach runterschlucken.“ Und eines Tages bemerkte sie einen Effekt. „Nicht nur meine Haut wurde besser, sondern auch meine Stimmung. Ich bin seitdem fitter, habe mehr Energie. Ich kann vieles wuppen.“

Im Wintersemester 2009 begann sie, in Frankfurt am Main Medizin zu studieren. Mittlerweile ist sie im zehnten Semester, muss noch eins absolvieren und geht dann ins Praktische Jahr. Zugleich forscht sie für ihre Doktorarbeit an einem gefährlichen Krankenhauskeim und wie er sich an uns festhält. Dabei testete sie auch neuartige Substanzen, um diesen Erreger unschädlicher zu machen. „Bis meine Ergebnisse für Patienten benutzt werden können, sind es noch einige Jahre“, sagt sie.

Doch egal, ihr Buch trägt bereits entscheidend dazu bei, ein wissenschaftliches Kernthema der Zeit in die Öffentlichkeit zu katapultieren. Es ist eine faszinierende Mischung aus originellen Vergleichen, einfachen Erklärungen, kleinen Geschichten mit viel Humor – zugleich seriös und voller „harter Fakten“. Bildreich schickt die Autorin zum Beispiel ein Stückchen Torte auf die Reise durch den Dünndarm, der drei bis sechs Meter lang ist – „samt glänzend, nass und rosa und irgendwie zart“. Man beobachtet, wie er die Torte beherzt packt, wie er an ihr herumknetet, den Nahrungsbrei in alle Richtungen hackt, vermischt und immer weiter vorwärtsschiebt. „Unter dem Mikroskop sieht man: Selbst die winzigen Darmzotten helfen mit! Sie bewegen sich hoch und runter wie kleine Trampelfüßchen. Alles ist in Bewegung.“ Giulia Enders’ fünfeinhalb Jahre ältere Schwester Jill, eine Designstudentin, illustrierte das Ganze. Ohne sie und ihre kreative Partnerschaft hätte sie es nie geschafft, sagt die Autorin.

Plötzlich interessieren sich unzählige Menschen für den Darm und seine Funktion, reden über Dinge, die man früher verschämt verschwiegen hat. Diesen Effekt erlebte Giulia Enders zuerst unter Kommilitonen in ihrer WG-Küche, als es um das „Kacken“ ging. Da komme auch heraus, welche seltsamen Vorstellungen noch immer herrschten. Manche glaubten wirklich, dass es normal sei, jeden dritten Tag Bauchweh oder Durchfall zu haben, sagt sie. „Und dann denkt man: Wow. Weil wir nicht darüber reden, passieren solche Dinge!“

Die 24-Jährige sieht sich auch als Aufklärerin. Manche ihrer Sätze könnte man feierlich in Toilettenpapier prägen: „Wer nie pupsen muss, lässt seine Darmbakterien verhungern und ist kein guter Mikrobengastgeber“ – „Die ,Hocke‘ ist schon seit Urzeiten unsere natürlich Kloposition“ – „Sauberkeit heißt nicht, alle Bakterien mit Desinfektionsmitteln abzutöten, sondern für das richtige Gleichgewicht zwischen guten und schlechten zu sorgen.“

Ein Bakterien-Mix

Sie selbst wundert sich ein bisschen über ihren Drang nach innen. „Vielleicht liegt es auch daran, dass ich ein 90er-Jahre-Kind bin“, sagt sie. „Was wir im Fernsehen sahen, waren schöne Hüllen, schöne Menschen mit Autos. Es ging um Party und viel Geld. Das Außen war alles. Und vielleicht ist die einzige Rebellion der relativ ruhigen Neunzigerjahre-Kinder, dass wir sagen: Ah, das mit dem Außen, cool und so, aber wie war das mit dem Innen?“

Giulia Enders erhofft sich viele neue Erkenntnisse von der Darmforschung: zur Behandlung von psychischen Problemen oder von Stoffwechselkrankheiten. „Wir können jetzt schon bei kleineren Angelegenheiten, wie Durchfall, in der Apotheke Probiotika holen, also gute Bakterien – das ist gerade für Kinder oder ältere Menschen sicherer als deftige Chemiekeulen.“ Überhaupt will sie, dass Betroffenen möglichst schnell geholfen wird. Man könnte bestimmten Patienten vielleicht eine Zeit lang einen Mix aus vielen verschiedenen Bakterien geben. Nur ein Stamm würde vielleicht zur Heilung beitragen. „Aber auf diesem Weg kämen wir vielleicht schneller voran.“

Ob die große Forschung auf sie hört, weiß man nicht. Für viele Menschen jedenfalls ist die Autorin, die sich in der Felix- Burda-Stiftung für die Darmkrebsvorsorge engagiert, schon jetzt eine Ansprechpartnerin. „Ich finde es schön, dass mir die Leute schreiben, und ich will ihnen auch zurückschreiben, wenn der Trubel etwas abebbt.“ Jemand erzählte ihr zum Beispiel, dass er eines Tages ein schlechter Schüler geworden sei. Er habe das aber nie mit seiner zur gleichen Zeit aufgetretenen chronischen Darmentzündung in Verbindung gebracht. Nachdem er die Autorin über die Darm-Hirn-Achse reden hörte, kam er zu ihr und bedankte sich, weil er nun seinen Leistungsabfall ganz anders sehen könne. „Solche Erlebnisse sind sehr rührend“, findet die 24-Jährige. „Und genau darum geht’s mir. Um jeden Einzelnen. Wenn der was davon hat, ist es wirklich gut.“

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