Afghanistan

UN kritisiert: Neues Taliban-Dekret legitimiert faktisch Kinderehen

Vor Gericht wird es für Frauen in Afghanistan schwerer, eine Trennung durchzusetzen. Schweigen kann nach Eintritt der Pubertät als Zustimmung zur Ehe gelten.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
3 Min
Das neue Dekret verschärft die rechtliche Benachteiligung von Frauen und Mädchen in Afghanistan.

Das neue Dekret verschärft die rechtliche Benachteiligung von Frauen und Mädchen in Afghanistan.

© Ebrahim Noroozi/AP

Die UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) hat ein neues Familienrechtsdekret der Taliban scharf kritisiert. Das vom Justizministerium in Kabul vergangene Woche veröffentlichte Dekret Nummer 18 regelt die gerichtliche Trennung von Eheleuten und stellt Frauen und Mädchen schlechter. Das berichten die Nachrichtenagentur AP und der Guardian.

Schweigen als Zustimmung

Laut AP kann das Schweigen eines Mädchens nach Eintritt der Pubertät künftig als Zustimmung zur Heirat gewertet werden. Ein eigener Abschnitt regelt die Trennung pubertierender, bereits verheirateter Mädchen. Damit lasse das Dekret Kinderehen faktisch zu, erklärte die UNAMA laut AP.

Eine Ehe kann nach dem Dekret für ungültig erklärt werden, wenn ein Vater oder Großvater ein minderjähriges Kind ohne ausreichende Brautgabe verheiratet hat. Ein Mädchen, das mit einem Mann von schlechtem Ruf verheiratet wurde, kann nach Erreichen der Pubertät vor Gericht die Auflösung des Ehevertrags verlangen.

Ungleiche Wege zur Scheidung

Bei Scheidungswünschen werden Frauen klar benachteiligt. Verweigert der Ehemann die Trennung, gilt laut AP sein Wort, wenn die Frau ihre Scheidungsgründe nicht mit Zeugen stützen kann. Nur vor einem Richter entfällt die Zeugenpflicht.

Männer können sich einseitig scheiden lassen, Frauen müssen langwierige Gerichtsverfahren durchlaufen. Eine Scheidung allein wegen Abwesenheit des Ehemannes oder fehlender Unterhaltszahlungen ist nach dem neuen Recht offenbar nicht mehr möglich, wie der Guardian berichtet.

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Georgette Gagnon, die derzeit die UNAMA leitet, sagte gegenüber AP, dies sei ein weiterer Schritt, mit dem afghanischen Frauen und Mädchen Rechte entzogen würden.

Taliban weisen Kritik zurück

Die Taliban-Regierung wies die Kritik zurück. Regierungssprecher Sabihullah Mudschahid sagte dem Staatssender RTA, das Dekret folge islamischem Recht. Der oberste Taliban-Führer Hibatullah Achundsada habe Zwangsehen von Mädchen bereits zuvor per Dekret verboten. Allein im vergangenen Jahr seien Tausende solcher Fälle untersucht worden.

In Kabul protestierten laut Guardian mehrere Frauenrechtsgruppen gegen das Dekret. Die Aktivistin Fatima sagte der Zeitung, die Taliban versuchten, Kinderehen rechtlich zu verankern. Abdul Ahad Farzam von der Afghanischen Unabhängigen Menschenrechtskommission erklärte dem Guardian, das neue Regelwerk schränke die freie Zustimmung zur Ehe ein und festige patriarchale Strukturen.

Offizielle Zahlen zu Zwangs- und Kinderehen in Afghanistan gibt es laut Guardian nicht. Frauen und Mädchen sind im Land bereits von weiterführenden Schulen, Universitäten und den meisten Berufen ausgeschlossen.

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