Wir wollen nicht, dass unser Kirchturm zum Werbeturm verkommt, aber wir brauchen das Geld", sagt Joachim Koppehl. Er ist Superintendent im Ruhestand der Marienkirche an der Karl-Liebknecht-Straße. Und es stört ihn nicht, dass seit einigen Tagen an dem eingerüsteten Kirchturm ein Riesenposter hängt, auf dem Mercedes-Benz für seine neue E-Klasse wirbt. "Das machen wir ja nicht aus Jux und Dollerei. 20 000 Euro aus den Werbeeinnahmen erhalten wir für die Sanierung", sagt Koppehl.Mit dem Poster verärgert die Kirche zum zweiten Mal den Bezirk. Vor eineinhalb Jahren warb dort am Baugerüst ein Riesenplakat für eine Mineralwasserfirma. Wie damals Baustadtrat Thomas Flierl (PDS) lehnt auch seine Nachfolgerin Dorothee Dubrau (Grüne) Werbeposter an Baudenkmalen ab. Es sei denn, sie sind entsprechend einer Grundsatzempfehlung des Senats künstlerisch gestaltet: Wie die wechselnden Werbemotive am Brandenburger Tor. Dann könnten Sponsoren auch ihr Firmenlogo zeigen. Und mit dem Wohlwollen und der Genehmigung von Dubrau und ihren Denkmalpflegern rechnen."Das Plakat an der Marienkirche entspricht nicht dieser Empfehlung", sagt Dubrau. Außerdem beeinträchtige die Werbung das Baudenkmal, weil das darauf abgebildete Auto zu dominant sei. Die Baustadträtin hat deshalb das Poster abgelehnt. Ihre Bedenken teilt Frank Keidel von der Obersten Denkmalschutzbehörde des Senats jedoch nicht. "Angesichts der vielfältigen Bemühungen der Kirche und des Werbeunternehmens habe ich das Plakat genehmigt", sagt er.Tobias Assies, Geschäftsführer der Werbefirma Fubac, hätte auch lieber ein künstlerisch gestaltetes Plakat an der Kirche angebracht. "Zwar hatten wir mehr als 30 Bewerber, aber keiner wollte etwas Künstlerisches machen", sagt Assies. Übrig blieb nur das Auto-Poster. Es soll nun einen Monat hängen bleiben. Ob und wofür danach am Kirchturm geworben wird, steht noch nicht fest.Senat und Bezirk hatten schon mehrmals einen Disput zur Baugerüstwerbung. Nicht nur bei der Marienkirche, sondern auch am Alten Stadthaus. Auch dort hatte Dubrau ein Plakat abgelehnt, Keidel hatte es genehmigt. Seit September wirbt das britische Mobilfunkunternehmen Vodafone am Stadthaus-Turm. Auch am Forum-Hotel zog Dubrau den Kürzeren, als im Herbst Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) ihr das Verfahren aus der Hand nahm und das riesige Harry-Potter-Plakat genehmigte. Um weiteren Plakat-Streit zu verhindern, spricht sie schon jetzt mit der Humboldt-Universität, die ihr Gebäude Unter den Linden schon zum Teil eingerüstet hat. Auch mit dem Berliner Congress Center (dem Haus des Lehrers) ist sie im Gespräch über eventuelle Werbewünsche am Baugerüst.Joachim Koppehl hofft auf das Geld für die Sanierung: "30 000 Euro fehlen noch. Und trotz der Werbung ist der Turm doch gut zu sehen. "Orgel kommt im Mai // Die Kirche: Die Marienkirche wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gebaut. Urkundlich erstmals erwähnt wurde sie 1292. Die Kirche wurde in den vergangenen Jahrhunderten mehrfach erweitert und restauriert. Der 72 Meter lange Backsteinbau ruht auf einem Sockel aus Feldsteinen, der Turm stammt aus dem 15 Jahrhundert.Die Orgel: Die 1720/21 von Joachim Wagner in die Kirche eingebaute Orgel war im vergangenen Jahr in einer Spezialwerkstatt: Dort wurde sie originalgetreu nachgebaut. Die Wagner-Orgel wird seit wenigen Tagen in der Marienkirche aufgebaut. Sie soll mit einem festlichen Gottesdienst am 12. Mai eingeweiht werden.Der Kirchturm: 1995 begann die Restaurierung des 91 Meter hohen Kirchturms. Damals wurde unter anderem die Aufhängung der Glocken erneuert. Der Kirchturm ist seit zwei Jahren eingerüstet. Vor allem müssen lose Steine ausgetauscht und die Fugen im Mauerwerk erneuert werden. Außerdem wird die Fassade mit einem Schutzanstrich versehen. Zeitgleich wird die Baugeschichte des sakralen Gebäudes untersucht.Die Baukosten: Für die Restaurierung des Kirchturms wurden im vergangenen Jahr umgerechnet 150 000 Euro ausgegeben. Für dieses Jahr gibt es 200 000 Euro Fördermittel. Die Marienkirche muss selbst 50 000 Euro beisteuern. Das Werbeplakat am Turm, das einen Monat lang hängen soll, bringt der Kirche 20 000 Euro. Bereits restauriert wurde für rund 35 000 Euro eine Wandmalerei auf der Orgel-Empore, die Schutzmantelmadonna heißt.BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF Werbung am Kirchturm - zum zweiten Mal war der Bezirk dagegen. Die Senatsbehörde sah das pragmatischer und genehmigte das Riesenposter.
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