MOSKAU, 8. September. Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko hat am Donnerstag die Regierung von Premierministerin Julia Timoschenko entlassen. Mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragte er den bisherigen Gouverneur der Region Dnjepropetrowsk, Juri Jechanurow.Die Regierungskrise hatte sich seit Tagen abgezeichnet. Hochrangige Regierungsbeamte und Minister beschuldigten sich gegenseitig der Korruption, binnen sechs Tagen traten drei von ihren Posten zurück, darunter am Donnerstagmorgen Vizepremier Mikola Tomenko. Präsident Juschtschenko sagte, er erwarte von der neuen Regierung, dass sie sich der Herausforderung stelle, als Team zu arbeiten.An dieser Aufgabe war die Regierung Timoschenko gescheitert. Die alte Regierung habe den Mannschaftsgeist verloren, so Juschtschenko während einer Pressekonferenz. "Wir müssen die Enttäuschung in der Gesellschaft stoppen und sicherstellen, dass die Ideale der orangenen Revolution nicht in Zweifel gezogen werden", sagte er. Einen vorläufigen Höhepunkt hatte die Krise am Montag erreicht, als der Stabschef des Präsidenten, Oleksander Sintschenko, seinen Rücktritt bekannt gab und Mitglieder der ukrainischen Präsidialverwaltung der Korruption beschuldigte: den Chef des Nationalen Sicherheitsrates, Petro Poroschenko, und den Berater des Präsidenten, Alexander Tretjakow. Sintschenko, der als einer der Organisatoren der "Orangenen Revolution" im Dezember 2004 gilt, erklärte, er trete zurück, weil die Korruption innerhalb der Regierung schlimmere Ausmaße angenommen habe als unter dem früheren ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma.Hintergrund des Zerwürfnisses soll die von der Regierung geplante Reprivatisierung einer Stahlhütte im südukrainischen Nikopol sein. Sie war in Kutschmas Regierungszeit zu einem Spottpreis an dessen Schwiegersohn Viktor Pintschuk verkauft worden. Julia Timoschenko hatte angekündigt, Pintschuk zu enteignen und das Unternehmen zu versteigern. Ihr wird nun vorgeworfen, sie habe einen mit ihr befreundeten Unternehmer bei der geplanten Auktion einen Vorteil verschaffen wollen. Timoschenkos Gegner innerhalb der Regierung dagegen werden beschuldigt, sie beabsichtigten, eine Provision von 50 Millionen Dollar von Pintschuk zu kassieren. Als Juschtschenko schließlich in den Konflikt eingriff und Timoschenkos Verhalten kritisierte, verteidigte diese ihr Vorgehen als "rechtlich korrekt". Auch Juschtschenko steht inzwischen in der Kritik - wegen des angeblich verschwenderischen Lebensstils von Familienmitgliedern.Missfallen an der Regierung Timoschenko äußerte im Juli bereits auch das US-Außenamt. Die sechsmonatige Regierungszeit lasse grundlegende marktwirtschaftliche Reformen vermissen, monierte ein Sprecher. Auch damals wehrte sich Timoschenko und erklärte, die Statistiken zeigten ein dynamische Wirtschaftsentwicklung. An den von der Regierung vorgelegten Statistiken zweifelte indes das ukrainische Parlament. Zur Eröffnung der neuen Sitzungsperiode der Werchownaja Rada erklärte Parlamentssprecher Lytwyn, die Regierung manipuliere Wirtschaftsdaten.------------------------------Ein alter VertrauterJuri Jechanurow, der in der Ukraine kommissarisch die Regierungsgeschäfte übernommen hat, ist ein langjähriger Vertrauter von Präsident Viktor Juschtschenko.Politische Erfahrung hat der 57-jährige Wirtschaftswissenschaftler seit den 90er-Jahren: Er war Vorsitzender des Fonds für Staatseigentum, dann Wirtschaftsminister. Von 1999 bis 2001 war er Stellvertreter Juschtschenkos, als dieser die ukrainische Regierung führte.------------------------------Foto: Juri Jechanurow, der Neue------------------------------Foto: Als Duo gescheitert: Julia Timoschenko, die wohl reichste Frau der Ukraine, und Präsident Juschtschenko.
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