BERLIN. Im zwanzigsten Jahr nach der friedlichen Revolution herrscht Ordnung auf dem Areal des früheren Staatssicherheitministeriums in der Lichtenberger Normannenstraße. Auf den Tag genau vor 19 Jahren, am 15. Januar 1990, stürmten an dieser Stelle Tausende DDR-Bürger das Hauptquartier des verhassten Stasi-Ministers Erich Mielke, um die Vernichtung der Akten durch die noch immer arbeitenden Mitarbeiter zu stoppen und das Gelände zu übernehmen. Auf dieses historische Datum also hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Besuch des Stasi-Archivs gelegt, das heute zur Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen gehört.Unheimliche AtmosphäreDer Besuch ist generalstabsmäßig vorbereitet. Journalisten, die über das Ereignis berichten wollen, haben sich Tage vor dem Termin angemeldet. Sie sind für den Vormittag bestellt, erhalten ihre Registrierung - und warten. Auf dem Rundgang durch das Archiv mit seiner zentrale Namenskartei, die 5,4 Millionen Einträge umfasst, und auf den weiteren Stationen im Archivgebäude, dem Haus 7, dürfen sie die Kanzlerin und ihre Gastgeberin, Behördenchefin Marianne Birthler, nicht begleiten. Nur an zwei Stellen können einige vorab bestimmte Fotografen und Kamera-Teams Aufnahmen machen.Beim Besuch von Bundespräsident Horst Köhler und seiner Frau im Archiv vor knapp zwei Jahren war das anders. Da konnte man beobachten, was das Präsidentenpaar besonders beeindruckte, welche Fragen es hatte, wie es die bis heute unheimliche Atmosphäre des Ortes empfand. Auch Gerhard Schröder, der das Archiv als Kanzler einmal besuchte, nutzte den Rundgang gerne als PR-Bühne.Bei der Kanzlerin ist es anders. Schon bei der Ankunft ihrer Limousine auf dem Gelände heißt es: keine Fragen bitte. Den Wunsch der Fotografen, Merkel möge sich doch mit Frau Birthler für ein paar Aufnahmen aufstellen, quittiert die Kanzlerin flapsig: "Wir stellen uns hier mal schön auf, bis wir eine Lungenentzündung kriegen ." Dann entschwindet sie.Wieder warten. Die Behörden-Mitarbeiter des Archivs bemühen sich, die Pressevertreter zu unterhalten. Sie erzählen, welche Besichtigungspunkte bei dem Rundgang geplant sind. Zum Beispiel die Zentralkartei mit den Millionen Namen; der sogenannte Kupferkessel , ein abhörsicherer Saal, in dem die Stasi ihr Rechenzentrum unterbringen wollte; das Videostudio, wo der Kanzlerin ein Ausschnitt aus einer Mielke-Rede zum Schießbefehl gezeigt werden soll. Auch die siebzig Bände mit je etwa dreihundert Seiten Spitzelberichten über den Liedermacher Wolf Biermann stehen auf dem Programm.Eine junge Medienvertreterin fragt einen etwa gleichaltrigen Kollegen Mitte zwanzig, warum der Besuch der Kanzlerin denn ausgerechnet an diesem Tag stattfinde. Sie habe da gerade von Kollegen gehört, dass hier früher mal DDR-Bürger vor der Tür protestiert haben sollen. Das sei doch irgendwie ganz spannend, findet sie. So kommt die Birthler-Behörde an diesem Tag auch gleich noch indirekt ihrem Bildungsauftrag nach, die junge Generation für die Geschichte der DDR-Diktatur zu interessieren.Dann kommen die Behördenchefin und die Kanzlerin von ihrem Rundgang. Für Fragen sei keine Zeit, heißt es. Angela Merkel erinnert kurz an den 15. Januar 1990, an dem ein beherztes Bürgerkomitee die Kontrolle über die Stasi-Hinterlassenschaft übernahm und so die Grundlage für die heutige Birthler-Behörde schuf. Und sie spricht sich klar gegen eine Schließung der Behörde in den nächsten Jahren aus. Eine Expertenkommission solle in der nächsten Legislaturperiode ein Konzept für die langfristige Übernahme der Stasi-Akten ins Bundesarchiv vorlegen. Dabei müsse aber dafür gesorgt werden, dass die Akten offen bleiben, betont die Kanzlerin, denn "die Öffnung der Akten hat zur Versöhnung beigetragen, nicht zur Spaltung".Nur zwei Prozent SpitzelBei dem Rundgang sei ihr auch bewusst geworden, dass sich nur etwa zwei Prozent der DDR-Bürger als Spitzel "für dieses schreckliche Ministerium" anwerben ließen, sagt Angela Merkel. Die Akten zeigten, dass sich die große Mehrheit der Stasi verweigert habe. Marianne Birthler scheint erleichtert zu sein über Merkels Haltung zur Zukunft ihrer Behörde. "Das gibt unseren Mitarbeitern Motivation", sagt sie.Die hätte sich auch Jörg Drieselmann, der Leiter des Stasi-Museums, gewünscht. Der Bürgerrechtler sitzt im sanierungsbedürftigen Haus 1 nebenan, in dem sich das Mielke-Büro befindet. Für ihn hätte es nahe gelegen, dass die Kanzlerin bei der Gelegenheit auch sein Museum besucht hätte. Doch dies war im Protokoll nicht vorgesehen. Statt Bürgerprotesten nach neunzehn Jahren "nun Hofzeremoniell", stellt er nüchtern fest.------------------------------Foto: Marianne Birthler führt Angela Merkel durch das Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde in Lichtenberg.
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