Kunst

„Nicht im Besitz, sondern im Geben liegt das Geheimnis des Glücks“: Kunstwerke, die verschenkt werden

Von wegen schwäbischer Geiz: Der Kunstsammler Christoph Müller bleibt auch nach seinem Tod einer von Deutschlands großzügigsten Kunst-Verschenkern.

5 Min
Christoph Müller (1938-2024) in seiner Sammlung in Berlin-Mitte

Christoph Müller (1938-2024) in seiner Sammlung in Berlin-Mitte

© Manuel Schubbe

Diese Nachricht von seltener Güte und Großzügigkeit in diesen Zeiten schien beinahe unterzugehen in der Wahlschlacht am Wochenende, da, wo der Kunstsammler Christoph Müller (1938–2024) im Alter gelebt und Gutes getan hat: in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern, seinem Freizeit-Refugium, Sassnitz auf Rügen. Der Kunstliebhaber verschenkt nun postum auch noch den letzten großen Rest seiner passioniert zusammengetragen Sammlung.

Ein Schwabe, der das Geiz-Klischee Lügen strafte

Die Schätze des Feingeistes stammen aus Deutschland, Italien, den Niederlanden und Frankreich. Müller sammelte alte Italiener und preußische Größen wie Adolph von Menzel, deutsche Romantiker wie Carl Gustav Carus.

In seinem Nachlass finden sich Max Liebermann, Théodore Rousseau, Carl Spitzweg, Lovis Corinth, Camille Corot, Franz Skarbina, Lesser Ury, Abraham Bloemaert, Daniel Chodowiecki, Caroline Friederike Friedrich und ebenso Nachkriegsavantgarde wie die Dadaistin Hannah Höch, Konrad Klapheck, Johannes Grützke. Selbst große Namen der DDR-Kunst wie Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer und der Zeichner-Philosoph Carlfriedrich Claus.

Zu verschenken: Romantiker Carl Blechen: „Unter sommerlichem Himmel“

Zu verschenken: Romantiker Carl Blechen: „Unter sommerlichem Himmel“

© Sammlung Christoph Müller

Der gebürtige Schwabe, als junger Mann Theaterkritiker in West-Berlin, später Verleger und Chefredakteur des Schwäbischen Tagblattes in Tübingen, wo er Texte von Ernst Bloch, Walter Jens und anderen großen Tübinger Professoren veröffentlichte, war nicht nur ein Protagonist der längst vergangenen „goldenen Zeiten“ des deutschen Regionaljournalismus'. Der langjährige Freund des DDR-Dramatikers und Namensvetters Heiner Müller war zugleich auch ein passionierter Kunstsammler. Nach dem Aids-Tod seines Lebenspartners Axel Manthey  verkaufte er den Verlag und zog 2004 nach Berlin.

Ein immer gutgelaunter Altruist

Von wegen, Schwaben seien geizig, Christoph Müller strafte dieses Klischee Lügen: Der immer gutgelaunte Altruist ohne familiäre Erben beschenkte schon zu Lebzeiten großzügig  das Staatliche Museum Schwerin mit Konvoluten niederländischer Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts, mit kostbaren, das irdische Werden und Vergehen darstellenden Stillleben, „Nature morte“- und Vanitas-Motiven , humorigen Genre-Szenen und Bildnissen des damals aufstrebenden Bürgertums des „Goldenen Zeitalters“.

Es war die größte Altmeisterschenkung der deutschen Nachkriegszeit. Er stand 2013 bei der Übergabe mit leuchtenden Augen vor den 155 Gemälden und sagte dem staunenden Schweriner und angereisten Publikum, es genüge nicht, dass nur einer sich an diesen Schätzen erfreuen könne, der es sich privat leisten kann. Die Kunst erfülle ihren Sinn erst dann, wenn ihre Schönheit, ihre Weisheit, ihre Botschaften vielen Leute zugänglich sei.

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Zu verschenken: Manfred Butzmanns „Kinderschätze“(Streichholzschachteln), in der Kunst der DDR war der Berliner Grafiker ein witziger „Störenfried“ im Beuys

Zu verschenken: Manfred Butzmanns „Kinderschätze“(Streichholzschachteln), in der Kunst der DDR war der Berliner Grafiker ein witziger „Störenfried“ im Beuys'schen Sinne.

© Sammlung Christoph Müller

In genau diesem Sinne hatte er schon 2007 dem Berliner Kupferstichkabinett 375 Altmeisterzeichnungen und Grafiken geschenkt. Und im Gedenken an den jüdischen Kunsthistoriker Max J. Friedländer, der vor den Nazis nach Holland fliehen musste, stiftete der Mäzen 2014 einen nach Friedländer benannten Preis für Kunsthistoriker.

Weitere größere Sammlungsteile übereignete der Sammler dem Museum der Bildenden Künste Leipzig, dem Wallraf-Richartz-Museum Köln und erneut den Staatlichen Museen Berlin. Das Kupferstichkabinett dankte dies letztes Jahr im Kabinett der Gemäldegalerie mit der von den Kuratorinnen des Hauses liebevoll gestalteten Schau „Das alles bin ich.“

Christoph Müller bedachte zudem das Pommersche Landesmuseum Greifswald mit einem großen Konvolut dänischer Kunst. Als man ihm 2010 in der Akademie der Künstler am Pariser Platz für sein Mäzenatentum den Maecenas-Preis überreichte, erwiderte der Geehrte mit der humorigen Anspielung auf den Apostel Paulus: „Seht ihr, Geben ist seliger denn Nehmen.“ Denn Müller sah sich stets nur als „Übergangsbesitzer“.

Quer durch Europas Kunstgeschichte

Soeben wird Christoph Müllers letzter Wille bekannt: „Nicht im Besitz, sondern im Geben liegt das Geheimnis des Glücks“. Nunmehr ist der gesamte Nachlass des Kunstsammlers, vor allem Gemälde und Zeichnungen des 19. Jahrhunderts, digitalisiert – dank der Arbeit der Christoph-Müller-Stiftung und ihres Vorstands Joachim Zepelin.

Die rund 1500 noch nicht an Museen verschenkten Bilder, Blätter und Werkzyklen, quer durch die europäische Kunstgeschichte, werden nunmehr online verschenkt. Zum Beispiel Holzschnitte von Hans Baldung Grien aus dem 16. Jahrhundert, Gemälde von Malern wie Charles-François Daubigny, der deutschen Romantiker Carl Blechen und Andreas Achenbach, eine Kreidezeichnung von Heinrich Zille oder auch abstrakte Werke des Dresdner Konstruktivisten Hermann Glöckner und des in der DDR-Kunstpolitik zu Unrecht ignorierten Nachkriegsabstrakten Edmund Kesting. Und Grafik des subversiven Ostberliners Manfred Butzmann.

Zu verschenken: Hans Baldung Griens „Die sechs Pferde“, ein  graphischer Schatz aus der Renaissance

Zu verschenken: Hans Baldung Griens „Die sechs Pferde“, ein  graphischer Schatz aus der Renaissance

© Sammlung Christoph Müller

Anhand der Website können Museen bis Jahresende digital eine Wunschliste erstellen und begründen, warum diese Werke für ihr Haus wichtig sind. Etwa, um Sammlungslücken zu schließen. Eine Jury entscheidet dann über die Vergabe.

Was für eine Wohltat in dieser Zeit der Sparzwänge, in der auch staatliche und städtische Museen sich Ankäufe nicht mehr leisten können, weil selbst in großen deutschen Städten wie Dresden oder Düsseldorf die Ankaufsbudgets komplett gestrichen worden sind. Und welch ein Signal in die Gesellschaft über die Fairness, freilich mitunter auch den Fluch und Segen des Erbens!

Zu verschenken: Charles-François Daubignys Flusslandschaft (Schule von Barbizon,  19. Jahrhundert)

Zu verschenken: Charles-François Daubignys Flusslandschaft (Schule von Barbizon,  19. Jahrhundert)

© Sammlung Christoph Müller

Bewerbungen für öffentliche Museen: christophmueller.museum/schenkung

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