Eurovision

„Nicht mehr neutral“: Warum die Niederlande dem ESC 2027 fernbleiben

ESC 2027 ohne die Niederlande: AVROTROS sagt ab, weil Israel beim Eurovision Song Contest startet. Die Quoten brachen 2026 um 35 Millionen ein.

5 Min
Dara feiert ihren ESC-Sieg für Bulgarien im Mai 2026 in Wien.

Dara feiert ihren ESC-Sieg für Bulgarien im Mai 2026 in Wien.

© IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Froehlich

Es fing mit einem Lied über Vögel an.

Am 24. Mai 1956 stand die Amsterdamerin Jetty Paerl im Teatro Kursaal von Lugano auf der Bühne und sang „De vogels van Holland“, eine Nummer über Amseln, Drosseln und Nachtigallen. Es war der allererste Beitrag des allerersten Eurovision Song Contests.

Siebzig Jahre später verabschieden sich die Niederlande von genau diesem Wettbewerb.

ESC 2027: Warum AVROTROS die Teilnahme absagt

Der Sender AVROTROS, jahrzehntelang zuständig für die niederländische Teilnahme, hat am 24. August seinen Verzicht erklärt. Nach Wien 2026 nun also auch Burgas 2027, das zweite Jahr in Folge ohne die Niederlande.

Die Begründung ist für ein öffentlich-rechtliches Haus bemerkenswert unverblümt: Der Song Contest sei nicht mehr neutral, solange eines der teilnehmenden Länder in einen groß angelegten militärischen Konflikt verwickelt sei. Die Spannungen im Nahen Osten wirkten zu stark in den Wettbewerb hinein, gemeint ist Israel.

Generaldirektor Taco Zimmerman fasste es in einen Satz, der sich gut auf ein Plakat malen ließe: „Kultur verbindet, aber nicht um jeden Preis.“

Die Europäische Rundfunkunion hatte im August nachgebessert. Eine Voting-Reform soll organisiertes Massenabstimmen für ein einzelnes Land unterbinden, und ein Siegerland darf den ESC künftig nicht mehr automatisch ausrichten, wenn ein bewaffneter Konflikt oder eine heikle geopolitische Lage die Sicherheit gefährdet.

Gedacht war das als ausgestreckte Hand an die Boykottländer. An der Teilnahme selbst ändert es nichts, und genau da winkt AVROTROS ab.

Eurovision Song Contest: Der Bruch begann schon 2024

Wer den Streit auf Gaza verkürzt, unterschlägt die Vorgeschichte.

Am 11. Mai 2024 wurde der niederländische Favorit Joost Klein wenige Stunden vor dem Finale in Malmö disqualifiziert, nachdem eine Kamerafrau aus dem Produktionsteam Anzeige erstattet hatte. „Europapa“ wurde nie im Finale gesungen.

Im August 2024 stellte der schwedische Oberstaatsanwalt Fredrik Jönsson das Verfahren ein. Er könne nicht beweisen, dass die Tat geeignet gewesen sei, ernsthafte Angst auszulösen, hieß es zur Begründung.

AVROTROS nannte die Disqualifikation schon damals unnötig und unverhältnismäßig. Seitdem hat der Sender die EBU nicht mehr für einen verlässlichen Partner gehalten. Der Streit um Israel ist der zweite Bruch, nicht der erste.

Niederlande beim ESC: Jetzt entscheidet die NPO

Hier liegen einige Schlagzeilen der vergangenen Tage schief, auch die von Euronews. „Die Niederlande sagen ab“ trifft es noch nicht.

AVROTROS hat die Verantwortung an die Dachorganisation NPO zurückgegeben. Formal steht die Tür damit offen, acht weitere Sender könnten übernehmen: BNNVARA, EO, HUMAN, KRO-NCRV, Omroep MAX, PowNed, VPRO oder WNL.

Praktisch will nur niemand. Omroep MAX hatte sich angeboten, allerdings nur gegen Geld aus dem NPO-Topf, und zog das Angebot vergangene Woche zurück. Die eigene Zielgruppe passe nicht zur Musik, die beim ESC heute gespielt werde.

Peter Kuipers von KRO-NCRV wurde noch deutlicher. Es passe nicht zum Sender, unabhängig davon, wie man zu Israel stehe, sagte er dem Fachblog ESC kompakt.

ESC-Direktor Martin Green bedauert und respektiert die Entscheidung, wie er laut dem Portal t-online mitteilte. Er hoffe, dass niederländische Zuschauer und Künstler weiter vertreten sein könnten. Die Organisatoren telefonieren derzeit Hilversum durch.

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ESC-Quoten 2026: 131 Millionen, 35 Millionen weniger

Was der Streit kostet, lässt sich beziffern.

Das Finale in der Wiener Stadthalle sahen 131 Millionen Menschen in 35 TV-Märkten. Ein Jahr zuvor, beim ESC in Basel, waren es 166 Millionen. Macht ein Minus von 35 Millionen und einen Rückgang des Marktanteils um fünf Punkte auf 47,7 Prozent.

Fünf Länder fehlten 2026 aus Protest gegen Israels Start: Spanien, die Niederlande, Island, Irland und Slowenien. In Spanien, Irland und Slowenien lief der Wettbewerb nicht einmal im Fernsehen.

Zusammen hatten diese fünf Märkte 2025 noch über 28 Millionen Menschen erreicht. Die Rechnung geht trotzdem nicht auf.

Denn auch dort, wo alles beim Alten blieb, schalteten Millionen ab: minus 3,8 Millionen in Polen, minus 3,7 Millionen in Großbritannien, minus 3,3 Millionen in Frankreich.

Gastgeber Österreich dagegen feierte mit 4,4 Millionen einen Rekord. Beim Publikum zwischen 15 und 24 lag der Marktanteil bei 54,8 Prozent, und auf den ESC-Social-Kanälen kamen die Inhalte der Saison auf 2,75 Milliarden Views. Der Wettbewerb verliert also nicht sein Publikum, sondern seine Fernseher.

ESC 2027 in Burgas: Wer fehlt, wer zurückkommen könnte

Der 71. Song Contest steigt vom 11. bis 15. Mai 2027 in Burgas am Schwarzen Meer. Bulgarien richtet den Wettbewerb zum ersten Mal aus, nachdem Dara mit „Bangaranga“ in Wien den ersten Sieg für das Land geholt hatte.

Der Bürgermeister von Burgas schwärmte zuletzt von über 40 Teilnehmerländern und einer Rekordbeteiligung. Die Realität sortiert das gerade nach unten.

Irlands RTÉ-Generaldirektor Kevin Bakhurst sieht derzeit keinen Grund für eine Rückkehr. Spanien, als einziges Big-Five-Land ausgestiegen, wartet ab. Island entscheidet nach eigenen Angaben im Herbst, Slowenien hat sich nicht festgelegt.

Immerhin: Ungarn, seit 2019 nicht mehr dabei, könnte zurückkehren. Der neue Ministerpräsident Péter Magyar hat sich dafür ausgesprochen.

Deutschland beim ESC: Platz 23 für Sarah Engels

Und Deutschland? Sarah Engels landete in Wien mit „Fire“ auf Platz 23 von 25, drittletzter Rang. Gastgeber Österreich kam mit Cosmó auf den vorletzten Platz, was für die Stadthalle ein bemerkenswert stiller Moment gewesen sein muss.

Gewonnen hat Dara mit 516 Punkten. Zweiter wurde Noam Bettan für Israel mit 343.

Der Abstand ist die eigentliche Nachricht. In Basel hatten Israel 2025 nur 79 Punkte zum Sieg gefehlt, in Wien waren es 173. Die verschärften Voting-Regeln, um die so heftig gestritten wird, haben also durchaus gewirkt – nur reicht das den Niederländern nicht.

Jetty Paerl sang 1956 davon, dass die Vögel nirgends so glücklich zwitschern wie in Holland im Frühling. In Burgas werden sie im Mai 2027 ohne sie auskommen müssen.

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