Nicht zu schnell Angst haben

Ulrike Putz
3 Min

Berlin, im November 1958: Die Sowjets fordern in einem Ultimatum den Rückzug der alliierten Truppen aus West-Berlin. In sechs Monaten soll die Hauptstadt der DDR zur "freien Stadt" erklärt werden. Die politische Lage ist angespannt, die Ostberliner befürchten, bald völlig vom Westen abgeschnitten zu sein. Viele setzen sich in den Westen ab.Vor der Entscheidung zu gehen oder zu bleiben stehen auch die Studenten Jenny und Robert, die Protagonisten in Irene Ruttmanns Roman "Das Ultimatum". Sie verbringen den Winter des Ultimatums in den Hörsälen der Humboldt-Universität, in dunklen Studentenbuden und im Café am Kurfürstendamm. Die Ich-Erzählerin Jenny schreibt in dieser Zeit Tagebuch, in eine im Westen versteckte Kladde. Sie notiert, wie sie sich in Robert verliebt und ihn heiratet, wie sich beide nach Frankreich träumen und sich gezwungen sehen, der sozialistischen Etikette der Humboldt-Universität zu entsprechen. Sie schreibt von ihrer Angst, wegen kritischer Fragen von der Uni geworfen und in die Produktion gesteckt oder wegen einiger Kilo West-Kaffee in der S-Bahn verhaftet zu werden. Jenny denkt, über ihr Notizheft gebeugt, auch darüber nach, was wird, wenn die Alliierten den Russen den Westteil Berlins überlassen: "Dann gibt es für uns keine Jean Gabin-Filme mehr am Steinplatz und keinen Jazz mehr mit einer Cola in der Eierschale."Jennys Misstrauen überdeckt immer öfter die Geborgenheit, die sie spürt, wenn sie abends durch die Trümmerfelder am Ostkreuz läuft, um sich in Roberts Zimmer mit grusinischem Tee aufzuwärmen. Bei viel Graubrot mit Rührei, begleitet von den Klängen des RIAS, reift in Jenny und Robert eine Entscheidung heran.Irene Ruttmann lässt ihre beiden Hauptfiguren zu dem Schluss kommen, dass Ost-Berlin "ein unschöner Ort zur Menschwerdung" ist. Selbst hat sie einst wohl ähnlich empfunden. Ruttmann, geboren 1933 in Dresden, hat die Erinnerungen an ihre Zeit als Studentin der Germanistik in Ost-Berlin und ihren Gang in den Westen in ihren ersten Roman einfließen lassen. Wenn sie in schlichten Sätzen erzählt, wie Jenny in einem Reisebüro am Hermannplatz ein Poster des Kölner Doms mitgehen lässt, um damit ihr Zimmer in Friedrichshain zu verschönern, glaubt man ihr: So muss es sich für einen Teil der Ostberliner damals angefühlt haben. Ruttmann reiht vergessene Details aneinander wie das von dem unscheinbaren Haus am verwaisten Potsdamer Platz, in dem es für DDR-Bürger West-Zeitschriften umsonst gab. In den Monaten des Ultimatums halten Jenny und Robert sich an einem Satz fest: "Man muss nicht zu früh Angst haben." Denn eigentlich wollen die beiden nicht weg: Robert hängt an seiner mecklenburgischen Heimat, Jennys Mutter versucht mit endlosen Liebesbeweisen, ihr Kind an sich und an die DDR zu binden. Beide sind verunsichert durch Nachrichten von Bekannten, die bereits "rübergemacht" haben und, obwohl Akademiker, in Frankfurt oder Göttingen am Fließband stehen oder Filzpantoffeln nähen. Als die besten Freunde wegen Boykott-Hetze angeklagt werden sollen, steigen Jenny und Robert in die S-Bahn nach West-Berlin, mit einigen Büchern, wenig Geld und ohne das Examen abgelegt zu haben.Die Bemühungen von Jennys Mutter, ihre Tochter zum Bleiben zu bewegen, sind im Roman doppelt zum Motiv geworden: Jenny liest mit Begeisterung in den sentimentalen Briefen einer französischen Marquise an ihre Tochter und erkennt darin ihre eigene Situation wieder. Das wirkt etwas konstruiert. Trotzdem: Die Autorin hat nach 20 Jahren Kinderbuch-Erfahrung den Sprung zum Roman gewagt und auch geschafft.Irene Ruttmann: Das Ultimatum. Verlag C. H. Beck, München 2001, 221 Seiten 38 Mark.

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