Nichts geht ohne Schmiergeld

Klaus Ehringfeld
2 Min

MEXIKO-STADT. Die Mexikaner haben 2007 umgerechnet 1,6 Milliarden Euro für Bestechung ausgegeben, wie Transparency Mexiko kürzlich mitgeteilt hat. Ein Anstieg von 42 Prozent seit 2005. Als ich die Nachricht hörte, musste ich grinsen. Denn beim Thema Korruption klaffen Anspruch und Wirklichkeit in Mexiko weit auseinander. Ich dachte ans Postamt, das Finanzamt und die Ausländerbehörde. Überall hängen Warnschilder, dass die Bestechung von Beamten verboten ist, dass die Behörde auch ohne "Mordidas" funktioniere. Mordidas, übersetzt "Bisse", so heißen in Mexiko Schmiergelder.Ich musste an den Polizisten denken, der das Auto auf dem Abschlepphaken hatte, auf den Besitzer wartete und dann unterwürfig fragte: "Kann ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen?" Oder an den Kollegen, der wochenlang keine Post bekam, weil er vergessen hatte, am "Tag des Briefträgers" den vorbereiteten Briefumschlag zu füllen. Oder an den Hausmeister, der auf die Frage, ob ich mein Fahrrad im Hausflur abstellen könne, antwortete: "Und was springt für mich dabei raus"?Transparency schreibt, die Zahl aller Bestechungsvorgänge sei in Mexiko auf 197 Millionen pro Jahr gestiegen. In zehn Prozent aller Behördenvorgänge bewegt sich nur gegen Geld etwas, von der Baugenehmigung bis zur Auto-Zulassung. Die meisten Schmiergelder streichen Polizisten ein: Gegen Verzicht auf Knöllchen oder Abschleppen. Oder von den "Franeleros", die öffentlichen (Park)-Raum reprivatisieren. Sie bieten sich an, beim Einparken zu helfen und auf das Auto aufzupassen. Das kostet natürlich. Wer nicht zahlt, findet den Wagen zerkratzt wieder oder ohne Stereoanlage. Die Franeleros wiederum zahlen an die Polizei, die sie gewähren lässt. Ein perfektes System.Das Problem scheint unausrottbar. Ich kenne kein Land, in dem der Begriff "jemand einen Gefallen tun" so mit Bezahlen verbunden ist. Will ich mir im Fahrradladen eine Pumpe borgen, weil der Reifen platt ist, kostet das. Manche städtische Müllleute nehmen Abfall nur mit, wenn man ein paar Pesos drauflegt. Und neulich hatte ich im Restaurant nicht genug Münzen, um die üblichen zehn Prozent Trinkgeld auf den Tisch zu legen. Der Kellner lief mir auf die Straße hinterher.

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