Interview

Warum ein 19-jähriger Brasilianer die größte Union-Berlin-Fanpage betreibt

João Vitor hat Union nie live gesehen – nur im brasilianischen Pay-TV. Heute leitet er die größte Union-Berlin-Fanseite der Welt.

8 Min
Der Traum von Vitor: einmal mit den Fans vom 1. FC Union Berlin auf der Tribüne stehen.

Der Traum von Vitor: einmal mit den Fans vom 1. FC Union Berlin auf der Tribüne stehen.

© Swen Pförtner/dpa

João Vitor ist 19 Jahre alt und betreibt die wohl größte Fan-Page über den 1. FC Union Berlin. Fast 4000 Menschen folgen seinem Kanal auf der Social-Media-Plattform X (ehemals Twitter), wo er über Transfernews berichtet, selbst neue Spieler für Union vorschlägt oder  von der Geschichte des Vereins erzählt. Seit kurzer Zeit hat er dafür sogar eine eigene Website. Das Ungewöhnliche an der Sache? Vitor ist Brasilianer, war noch nie in Deutschland, geschweige denn im Stadion An der Alten Försterei. Warum er trotzdem ein riesiger Union-Fan ist, erzählt er im Interview.

Zur Person
Joso Ferreira

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João Vitor betreibt den X-Account „@fcunion_brasil“ aus seinem Wohnort in Ponta Grossa, einer Stadt im Bundesstaat Paraná im Süden Brasiliens mit fast 400.000 Einwohnern. Während er seinen X-Account betreibt, besucht er einen Vorbereitungskurs für die brasilianischen Universitätsaufnahmeprüfungen mit dem Ziel, Medizin zu studieren.

João Vitor, wie sind Sie in Brasilien auf den 1. FC Union Berlin gestoßen?

Zu Union bin ich durch die Fußballleidenschaft meines Großvaters gekommen. Als ich etwa neun oder zehn Jahre alt war, schaute er sich hier in Brasilien über einen Bezahlsender oft Spiele der Bundesliga und der 2. Bundesliga an. Ich habe den Fußball damals auch schon geliebt, deswegen haben wir uns die Partien oft gemeinsam angesehen.

Wie sind Sie zum Fan geworden?

In der Zeit damals begann Union, meine Aufmerksamkeit zu wecken. Auch wenn ich nur vor dem Fernseher saß, haben mich die Leidenschaft der Fans und die Atmosphäre An der Alten Försterei fasziniert. Mit der Zeit wurde aus der Neugier eine echte Verbindung zum Verein – und irgendwann habe ich mich in Union verliebt.

Wann war das?

Richtig zum Fan wurde ich, als ich anfing, mich intensiver mit dem Verein und seiner Geschichte zu beschäftigen. Was mich wirklich beeindruckt hat, war, wie viel die Fans für Union zu geben bereit waren – manchmal sogar buchstäblich ihr Blut für den Verein.

Ich habe außerdem mehr über die sozialen Initiativen des Vereins, seine Weihnachtstraditionen und das starke Gemeinschaftsgefühl rund um Union erfahren. All das hat meine Verbindung zum Verein noch vertieft, und genau da habe ich mich wirklich in Union Berlin verliebt und begonnen, mich als echten Anhänger zu sehen.

Waren Sie schon einmal im Stadion An der Alten Försterei?

Leider noch nicht. Ich war tatsächlich noch nie in Europa, plane aber, Deutschland in naher Zukunft zu besuchen, und ein Besuch An der Alten Försterei gehört definitiv zu dem, was ich am meisten machen möchte.

Wenn möglich, würde ich gerne ein Spiel von einer der Stehplatztribünen aus verfolgen. Ich denke, das wäre die beste Art, das Stadion richtig zu erleben – ich könnte mitten unter den Fans sein, mitsingen und die Atmosphäre spüren, die mich vor all den Jahren zuerst fasziniert hat.

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Sind die Menschen in Brasilien verwundert, wenn Sie erzählen, dass Sie Union-Fan sind?

Normalerweise erkläre ich meine Leidenschaft für den Verein und warum ich Union so besonders und faszinierend finde. Die Leute sind zunächst oft überrascht, vor allem weil man nicht unbedingt erwarten würde, dass jemand aus Brasilien den Verein unterstützt.

Aber diese Überraschung schlägt meist schnell in Neugier um. Sie fragen mich dann oft mehr über Union, die Geschichte hinter meiner Verbindung zum Verein und auch über die Seite, die ich betreibe.

Seit 2021 betreiben Sie den Account „@fcunion_brasil“. Wie würden Sie Ihre Seite beschreiben?

Ich würde sie als eine Seite beschreiben, auf der man fast alles rund um Union Berlin findet. Ich habe Beiträge über die Geschichte und Ursprünge des Vereins veröffentlicht, Spielanalysen, Spielerbewertungen, die Taktik des Trainers, Transfergerüchte, und in letzter Zeit habe ich auch begonnen, Analysen möglicher Neuzugänge zu machen und meine eigenen Ideen zu teilen, wie ich den Kader aufbauen würde.

Warum haben Sie den Account gestartet?

Ich habe den Account gestartet, weil ich das Gefühl hatte, dass es an Seiten mangelte, die sich wirklich auf Union Berlin konzentrieren – egal ob auf Portugiesisch, Englisch oder Deutsch. Es war auch eine Möglichkeit für mich, meine Liebe zum Verein auszudrücken und meine Freizeit mit etwas zu verbringen, das mir wirklich Spaß macht.

Es hat dann ganz einfach angefangen. Erst mal habe ich den Account hauptsächlich genutzt, um Spiele zu kommentieren, ohne etwas besonders Ausgefeiltes oder einen klar definierten Stil.

Und dann?

Als die Seite anfing, natürlich zu wachsen, spürte ich das Bedürfnis, die Inhalte organisierter und konsistenter zu gestalten. Mit der Zeit habe ich eine klarere visuelle Identität entwickelt, die Art, wie ich bestimmte Beitragstypen produziere, standardisiert und die Bandbreite der Inhalte nach und nach erweitert. Dieser Prozess hat die Seite letztlich zu dem gemacht, was sie heute ist.

Heute bin ich sehr stolz darauf, was daraus geworden ist. Ich kann inzwischen sagen, dass Union Berlin Brasil die größte Union-Berlin-Fanseite der Welt ist – etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es erreichen würde, als ich damit angefangen habe.

Was ist Ihr Ziel für den Account?

Mein Hauptziel ist es, zum Wachstum der Community von Union-Berlin-Fans und -Anhängern beizutragen, besonders in Brasilien, und Neuigkeiten, Analysen, Meinungen und andere Inhalte über den Verein zugänglicher zu machen.

Ich sehe die Seite nicht wirklich als etwas, womit ich Geld verdienen möchte. Für mich ist es vor allem ein Hobby und ein Herzensprojekt, aber auch etwas, das mir erlaubt, dem Fußball nahe zu bleiben und gleichzeitig mehr über die journalistische Seite des Sports zu lernen.

Streben Sie eine Rolle im Fußballjournalismus an?

Ich sehe die Seite nicht als professionelles Karriereprojekt. Natürlich würde ich mich freuen, wenn sie gelegentlich Türen öffnet oder zu Möglichkeiten führt, aber mein Hauptziel bleibt, sie als Hobby zu behalten und weiter zu ihrem Wachstum beizutragen.

Persönlich ist mein eigentliches Karriereziel, ein sehr guter Arzt zu werden. Das ist es, was ich in meinem Leben wirklich verfolgen möchte, während ich Union Berlin Brasil als etwas behalte, das ich aus Leidenschaft mache.

Sie posten auf Portugiesisch. Aus welchen Ländern kommt Ihr Publikum?

Meine Zielgruppe sind hauptsächlich Union-Berlin-Fans, sowohl in Brasilien als auch im Ausland. Obwohl ich auf Portugiesisch poste, habe ich auch ziemlich viele deutsche Follower, die die Seite regelmäßig verfolgen.

Das Publikum ist eine Mischung aus sehr leidenschaftlichen Union-Anhängern, die fast alles verfolgen, was ich poste, und eher gelegentlichen Sympathisanten, die den Verein verfolgen und die Seite nutzen, um sich von Zeit zu Zeit zu informieren.

Gibt es viele andere Union-Berlin-Fans in Brasilien?

Die Gemeinschaft der Union-Berlin-Fans und -Sympathisanten in Brasilien ist tatsächlich größer, als man erwarten würde. Einer der Hauptgründe dafür ist ein brasilianischer Fifa-YouTuber namens BitFut, der auch eine Instagram-Seite zum europäischen Fußball betreibt.

Er hat eine Serie über Union während der ersten Bundesliga-Saison des Vereins gemacht, die unter brasilianischen Zuschauern ziemlich populär wurde. Das hat dazu beigetragen, Union einem viel breiteren Publikum hier vorzustellen, und definitiv zum Wachstum der Fanbasis des Vereins in Brasilien beigetragen.

Können Sie trotz der unterschiedlichen Zeitzonen viele Union-Spiele sehen?

Die meisten Union-Spiele finden am Wochenende statt, also plane ich meist im Voraus und stelle sicher, dass ich samstags oder sonntags früh aufstehe, um sie zu sehen, da die Spiele hier in Brasilien normalerweise vormittags laufen.

Wenn Union freitags spielt, ist es für mich meistens sogar einfacher, weil das Spiel dann nachmittags in Brasilien stattfindet. Der Zeitunterschied erfordert also manchmal etwas Planung, hat mich aber nie wirklich davon abgehalten, das Team zu verfolgen.

Haben Sie eigentlich noch einen anderen Lieblingsverein zu Hause?

Ja, habe ich. Ich bin außerdem ein sehr leidenschaftlicher Anhänger von Santos Futebol Clube sowie von Operário Ferroviário, dem Verein aus meiner Heimatstadt.

Ich fühle mich wirklich privilegiert, Santos zu unterstützen, den Verein von Pelé, den ich für den größten Spieler aller Zeiten halte, während ich gleichzeitig mit Union Berlin so einen besonderen und faszinierenden Verein in meinem Leben habe.

Sie beschäftigen sich viel mit Transfers. Wie bewerten Sie die bisherigen Transfers von Union

Ich bin mit dem bisherigen Transfergeschäft von Union recht zufrieden, besonders mit der Verpflichtung von Zeno Van den Bosch, den ich persönlich für eine ausgezeichnete Ergänzung halte.

Ein Spieler, bei dem ich mir wirklich gewünscht habe, dass Union ihn verpflichtet, ist Michel Aebischer. Ich denke, er kann viel zum Team beitragen, vor allem weil wir neben Kemlein oder Schäfer noch einen Mittelfeldspieler mit mehr Qualität und Erfahrung gebraucht haben.

Was fehlt Ihnen noch im Kader?

Meiner Meinung nach braucht der Kader noch einen Rechtsverteidiger und mindestens einen weiteren Mittelfeldspieler. Thérence Koudou und Ermin Mahmic gefallen mir als mögliche Optionen für diese Positionen. Je nachdem, wie sich der Rest des Transferfensters entwickelt, könnte auch ein weiterer offensiver Neuzugang wie Philip Otele sehr interessant sein, vor allem weil er dem Team mehr Variabilität und unterschiedliche Optionen im Angriff geben würde.

Gleichzeitig denke ich, dass einige Abgänge notwendig sind, da der Kader aktuell recht groß ist. Trotzdem gibt es bereits einige sehr gute Bausteine im Team, und ich glaube, wir haben jetzt einen Trainer, der weiß, wie man eine starke taktische Struktur aufbaut und gute Gewohnheiten im Kader schafft.

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