Analyse

Niedrige Gasreserven: So verwundbar ist Deutschlands Energieversorgung

Die Gasspeicher sind nur zu rund 57 Prozent gefüllt. Behörden und Energiekonzerne halten die Versorgung für beherrschbar – eine Garantie für mögliche Extremszenarien gibt jedoch keiner ab.

Ralf M. Ruthardt
Ralf M. Ruthardt
9 Min
Die Gasspeicher sind derzeit zu 57 Prozent gefüllt.

Die Gasspeicher sind derzeit zu 57 Prozent gefüllt.

© Jochen Tack/imago

57 Prozent. Diese Zahl ist keine Beruhigungspille. Denn, so niedrig waren Deutschlands Gasspeicher Ende September seit Beginn der vergleichbaren Aufzeichnungen nicht gefüllt. Für die meisten Speicher gilt zum 1. November eine Zielvorgabe von 80 Prozent; für sechs Anlagen liegt sie bei 45 Prozent. Trotzdem bewertet die Bundesnetzagentur die Gasversorgung derzeit als stabil und die Gefahr einer angespannten Versorgung im kommenden Winter als gering.

Das klingt widersprüchlich. Tatsächlich beschreibt es das neue deutsche Energiesystem ziemlich genau: Sicherheit hängt nicht mehr an einer Reserve, sondern zwischenzeitlich am gleichzeitigen Funktionieren vieler Reserven.

Mehrere ungünstige Bedingungen gleichzeitig

Pipelinegas aus Norwegen, LNG-Terminals, der europäische Gasmarkt, Speicher, Stromimporte, konventionelle Kraftwerke, Netzreserven und – man beachte – flexible Verbraucher sollen einander ergänzen. Fällt ein Baustein schwächer aus, müssen andere mehr leisten. Die entscheidende Frage für den Winter 2026/27 lautet: Was geschieht, wenn mehrere ungünstige Bedingungen gleichzeitig eintreten, wie außergewöhnliche Kälte, eine mehrtägige Dunkelflaute, hohe Gasnachfrage und eingeschränkte Importe.

Die Bundesnetzagentur hat solche Dunkelflauten-Szenarien gemeinsam mit den Übertragungsnetzbetreibern untersucht. Das Ergebnis der Behörde ist zunächst beruhigend: Auch in einem solchen Szenario stehe ausreichend Stromerzeugungsleistung aus Kraftwerken und Importen zur Verfügung. Zugleich formuliert die Behörde eine Grenze jeder Prognose. BNetzA-Sprecherin Judith Henke sagte gegenüber dieser Zeitung: „Es wird ein sehr hohes Maß an Vorsorge betrieben, gleichwohl ist eine umfassende Garantie, dass keine Störungen auftreten können, naturgemäß nicht angezeigt.“

Das ist mehr als eine juristische Vorsichtsformel. Denn die Stromversorgung hängt in Dunkelflauten gerade von den Kraftwerken ab, deren Brennstoffversorgung selbst wetter- und marktbedingt unter Druck geraten kann. Die Bundesnetzagentur nennt Kohle- und Gaskraftwerke ausdrücklich als Ersatz für fehlende Wind- und Solarstromerzeugung und bezeichnet Gaskraftwerke als essenziell für die Versorgungssicherheit. Für den Fall einer Gasmangellage verweist sie darauf, dass verfügbares Erdgas rechtlich vorrangig zur Stromerzeugung und zum Heizen eingesetzt würde.

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Nur: Ein Vertrag über Gas ist noch kein Molekül im Kraftwerk. Eine Uniper-Sprecherin erklärte gegenüber dieser Zeitung: „Die kommerzielle Beschaffung von Gas ist eine wichtige Voraussetzung für die Versorgung von Gaskraftwerken, sie allein garantiert jedoch nicht die physische Verfügbarkeit von Gasmengen zu jedem Zeitpunkt.“ Entscheidend seien Importinfrastruktur, Transportnetze und Gasspeicher. Gerade bei einer Dunkelflaute könnten Speicher kurzfristig große Mengen bereitstellen. Und die physikalische Reserve ist nicht allein eine Frage des Volumens: Je höher der Füllstand, desto länger lässt sich eine hohe Ausspeicherleistung aufrechterhalten.

„Zentraler Bestandteil der Versorgungssicherheit“

Damit bekommt der ungewöhnlich niedrige Speicherstand eine zweite Bedeutung. Es geht nicht nur darum, wie viele Terawattstunden Gas über den Winter insgesamt vorhanden sind. Es geht auch darum, ob an einzelnen sehr kalten Tagen genügend Gas schnell genug dorthin gelangt, wo es gebraucht wird, nämlich zu Haushalten, Industrie und Kraftwerken. Die Bundesnetzagentur hält dieses Risiko aktuell für gering. Uniper formuliert es vorsichtiger: Gut gefüllte Speicher seien „ein zentraler Bestandteil der Versorgungssicherheit, insbesondere in Kälteperioden und bei längeren Dunkelflauten“.

Auf der Stromseite beschreibt Amprion dasselbe Problem aus Sicht des Netzes. Wenn Wind und Sonne wenig liefern, müssen konventionelle Kraftwerke, Importe, Speicher und flexible Verbraucher einspringen. Batteriespeicher helfen bei kurzfristigen Schwankungen und Spitzenlasten, ersetzen aber keine über Tage verfügbare Erzeugung. Amprion-Sprecher Stefan Deffner sagte gegenüber dieser Zeitung: „Bei länger anhaltenden Dunkelflauten stößt ihre Kapazität jedoch an Grenzen, da diese mitunter mehrere Tage anhalten können.“ Die von der Bundesregierung angekündigten neuen Gaskraftwerke seien deshalb ein wichtiger Schritt. Die Formulierung „ein wichtiger Schritt“ bedeutet faktisch: Es sind angekündigte Gaskraftwerke und damit für eine Betrachtung des kommenden Winters nicht relevant.

Kohle, Windkraft, Gas: Im Winter 2022 stand die Energieversorgung auf der Kippe.

Kohle, Windkraft, Gas: Im Winter 2022 stand die Energieversorgung auf der Kippe.

© Florian Gaertner/photothek.net, via www.imago-images.de

Zwar ist das europäische Verbundnetz Teil des Sicherheitsversprechens. Deutschland war 2025 im kommerziellen Außenhandel Nettoimporteur von Strom; der Nettoimport lag nach Angaben der Bundesnetzagentur bei 21,9 Terawattstunden. Amprion betont, dass hohe Importe nicht automatisch technische Abhängigkeit bedeuten. Häufig sei der ausländische Strom schlicht günstiger. Aber der Netzbetreiber räumt ebenso ein, dass ein Teil der Importe in Dunkelflauten je nach Situation technisch notwendig sein kann. Genau deshalb werden europaweit konsistente Wetterszenarien in die Versorgungssicherheitsanalysen einbezogen.

Hinzu kommt eine Reserve, die leicht missverstanden wird: Für den Winter 2026/27 hat die Bundesnetzagentur 7407 Megawatt Netzreserve bestätigt, 914 Megawatt mehr als im Vorwinter. 2665 Megawatt davon sollen aus Kraftwerken im benachbarten Ausland kommen, dieweil deutsche Kernkraftwerke abgeschaltet wurden. Diese Netzreserve ist keine Notstromreserve für eine nationale Stromknappheit; sie dient vor allem dazu, Netzengpässe mit Redispatch-Maßnahmen zu beherrschen. Dennoch zeigt ihr wachsender Umfang, wie viel zusätzliche Absicherung der laufende Umbau des Systems benötigt.

Mehr gesicherte Leistung stillgelegt als neu aufgebaut

RWE verweist zugleich darauf, dass Deutschland heute breiter mit Gas versorgt wird als noch in der Krise 2022. Ein RWE-Sprecher sagte gegenüber dieser Zeitung: „Da Energieversorgungssysteme über ausreichende Reserven verfügen sollten, ist es richtig, weiterhin in die entsprechende Infrastruktur – beispielsweise in landbasierte LNG-Terminals – zu investieren.“ RWE-Chef Markus Krebber kritisiert öffentlich seit längerem die Reihenfolge des deutschen Kraftwerksumbaus: Es sei deutlich mehr gesicherte Leistung stillgelegt als neu aufgebaut worden; die dadurch entstandene Knappheit zeige sich in hohen Preisen. Seine Schlussfolgerung ist nicht die Rückkehr zum alten System, sondern der schnelle und koordinierte Ausbau von Netzen und gesicherter Erzeugungsleistung. Dass dabei LNG eine relevante Rolle spielt, wirft Fragen nach dem ökologischen, klimaschonenden Erfolg der deutschen Energiewende auf.

Es wird aus einer technischen Debatte eine wirtschaftspolitische. Die Bundesregierung hat inzwischen einen Kapazitätsmechanismus geschaffen. In diesem Jahr werden zweimal 4,5 Gigawatt Langzeitkapazität ausgeschrieben, die auch längere Phasen mit wenig Wind- und Solarstrom absichern sollen. Die Zuschläge der ersten Runde werden erst Anfang November bekannt gegeben. Der Staat baut also heute jene zusätzliche Sicherheitsarchitektur auf, die in den kommenden Jahren gesicherte Leistung bereitstellen soll. Für den bevorstehenden Winter steht diese neue Kapazität naturgemäß noch nicht zur Verfügung.

Der Krisenvorsorgeexperte Herbert Saurugg bewertet das Restrisiko deutlich kritischer als die Bundesnetzagentur. „Eine Kombination aus außergewöhnlicher Kälte, mehrtägiger Dunkelflaute und niedrigen Gasspeichern ist für das heutige deutsche System ein Hochrisiko-Stressszenario, das – je nach europäischer Lage – bis in eine Strom- und Gasmangellage reichen kann, da solche mehrtägigen Dunkelflauten real und wiederkehrend sind“, erläutert Saurugg gegenüber dieser Zeitung. Seine Einschätzung ist eine Expertenbewertung, keine Prognose der Bundesnetzagentur. Gerade der Unterschied ist aufschlussreich: Die Behörde sieht das System nach ihren Szenarien als ausreichend abgesichert. Sie formuliert eine Prognose. Es ist nichts anderes, als eine begründete Aussage über eine zukünftige Entwicklung, die sich auf vorhandene Daten, bekannte Zusammenhänge und bestimmte Annahmen stützt. Welche Annahmen das sind, bestimmt schlussendlich die Bundesnetzagentur.

Eine weitere Baustelle liegt tiefer im System. In einem Fachbeitrag der Initiative Zukunft Wirtschaft Deutschland (IZW) schätzen Saurugg und der Energieberater Frank Oesterwind, dass rund 50 Gigawatt dezentrale Erzeugungs- und Verbrauchsleistung bislang nicht in der erforderlichen Breite zentral sichtbar, erreichbar und regelbar seien. Die 50 Gigawatt sind eine fachliche Abschätzung der Autoren. Ihr Punkt ist dennoch relevant: Ein Stromsystem mit Millionen Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Wallboxen und Heimspeichern braucht nicht nur Leistung, sondern auch Steuerbarkeit. Messen allein bedeutet noch nicht steuern.

Eine Kette von Ergänzungen

Damit wird sichtbar, warum die Energiewende inzwischen aus einer Kette von Ergänzungen besteht: mehr erneuerbare Erzeugung, mehr Netze, mehr Speicher, mehr Flexibilität, neue Gaskraftwerke, mehr Importkapazität, Netzreserve, Kapazitätsmarkt und im äußersten Krisenfall eine Sicherheitsplattform Strom. Die Bundesnetzagentur betont, dass diese Plattform nur nach Ausrufung einer Versorgungskrise nach dem Energiesicherungsgesetz eingesetzt werden könnte. Erst dann wären verpflichtende Lastreduzierungen größerer Verbraucher möglich. Was so scheinbar daherkommt, kann aus Sicht betroffener Unternehmen fatal sein: Die Pflicht zur Lastreduzierung, durch beispielsweise das Abschalten der Fertigung.

Ein neuralgischer Punkt liegt damit schon vor einem Blackout. Eine Versorgungskrise muss nicht bedeuten, dass Deutschland flächendeckend dunkel wird. Es kann eben auch bedeuten, dass einzelne Großverbraucher ihren Strombezug reduzieren müssen. Im Extremfall: Fertigungsanlagen abschalten. Was aus Sicht des Stromsystems eine erfolgreiche Stabilisierung sein kann, bedeutet aus Sicht eines Unternehmens möglicherweise Produktionsstillstand. Die Sicherheitsplattform der Bundesnetzagentur wird für genau einen solchen EnSiG-Krisenfall aufgebaut.

Die Bundesnetzagentur nennt Kohle- und Gaskraftwerke ausdrücklich als Ersatz für fehlende Wind- und Solarstromerzeugung.

Die Bundesnetzagentur nennt Kohle- und Gaskraftwerke ausdrücklich als Ersatz für fehlende Wind- und Solarstromerzeugung.

© CHROMORANGE/Sandra Finger via www.imago-images.de

Aber für die betroffenen Unternehmen endet die Rechnung nicht bei den Kilowattstunden, die sie nicht verbrauchen. Müssen Produktionslinien heruntergefahren werden, können Schichten ausfallen, Chargen oder Vorprodukte unbrauchbar werden, Liefertermine reißen und Anlagen später mit zusätzlichem Aufwand wieder hochgefahren werden. Löhne, Finanzierungskosten, Abschreibungen, Wartung und viele vertragliche Verpflichtungen laufen weiter, obwohl zeitweise kein verkaufsfähiges Produkt entsteht. Besonders bei kontinuierlichen oder temperaturempfindlichen Prozessen in Chemie, Glas, Metall oder Papier lässt sich die Fertigung nicht wie eine Bürobeleuchtung beliebig aus- und wieder einschalten. Das Energiesicherungsgesetz kennt zwar Entschädigungs- und Härteausgleichsregelungen; eine pauschale Erstattung jedes Produktionsausfalls folgt daraus jedoch nicht.

Damit wird aus der Frage der Versorgungssicherheit unmittelbar eine Standortfrage. Ein Unternehmen entscheidet über eine neue Anlage nicht nur nach dem durchschnittlichen Strompreis, sondern danach, ob Energie über Jahre verlässlich verfügbar, kalkulierbar und zu wettbewerbsfähigen Kosten beschaffbar ist. Es gehört zu den elementaren Voraussetzungen für einen erfolgreichen Industriestandort: günstige und verlässlich verfügbare Energie. Muss es zusätzlich das Risiko behördlich angeordneter Lastreduzierungen, stark schwankender Preise und teurer Eigenabsicherung einkalkulieren, steigt die Risikoprämie des Standorts. Dass dieser Zusammenhang bereits in Investitionsentscheidungen hineinwirkt, zeigt die Chemieindustrie: In einer VCI-Mitgliederbefragung vom Sommer 2026 rechneten 45 Prozent der Unternehmen mit sinkenden Investitionen in Deutschland, nur jedes fünfte mit einer Ausweitung; mehr als 80 Prozent nannten hohe Kosten sowie die Energie- und Klimapolitik als größte Belastungen für Investitionsentscheidungen. Hans-Werner Sinn warnt seit Jahren: Eine Energiepolitik, die Energie verteuert und zugleich industrielle Alternativen beschneidet, werde die Industrie „dezimieren“ und zu „massiven Wohlstandseinbußen“ führen.

Ob Deutschland vor einem Blackout steht, hängt von vielem und zuletzt auch vom Wetter ab. So sehr hat man sich von Energieträgern abhängig gemacht, die ans Wetter gebunden sind, dass wohl keine Institution einen Blackout ausschließen kann. Es wird lediglich auf Prognosen und Wahrscheinlichkeiten verwiesen, während Experten, wie Oesterwind und Saurugg, warnen. Die Versorgungssicherheit scheint heute in Zeiten der Energiewende nicht vergleichbar hoch, wie sie zuvor gewesen ist. Das kann zum Problem für den Industriestandort Deutschland werden.

Der kommende Winter hat damit etwas von einer Glückssache: Bleibt der Winter mild, funktionieren die Importe und liefern Wind und Sonne ausreichend, dürfte das System wenig Anlass für Schlagzeilen geben. Kommen Kälte und Dunkelflaute zusammen, werden Gasreserven, Gaskraftwerke, Stromimporte und Netzführung gleichzeitig gefordert – und die Prognosen der Bundesnetzagentur womöglich durch die Realität widerlegt.

Wie ist das üblicherweise: Zieht man in ein Haus ein, bevor die Wände stehen und das Dach gedeckt ist? Die Energiewende hat das Potenzial, zu einer misslungenen Geschichte zu werden, bei der sinnvolles Vorgehen einer ideologischen Erzählung geopfert wurde.

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