ler Pavillon gestern zum Glashaus der Hollywood-Society wurde, warf niemand einen Stein.Vielmehr feierte das Showbusiness, Amerikas Weltreligion Nummer eins, die Eintracht zwischen Staat und Hollywoodkirche. Erinnert wurde an die großen Leistungen der Filmmetropole in Sachen moralischer Erziehung und Erbauung. Der ehemalige Generalstabschef Collin Powell kündigt die Kriegsfilme an, mit denen Hollywood in diesem Kriegsjahr die Welt beglückte. Für den Oscar nominiert waren: Malicks "Der schmale Grat" und Spielbergs "Der Soldat James Ryan". Ungeeignet für die geschwellte Brust ist der Krieg in Malicks naturmystisch raunendem Werk, es ging leer aus. Dagegen erhielt der patriotische Kriegsschinken "Der Soldat James Ryan" fünf Oscars (Beste Regie Steven Spielberg, Beste Kamera Janusz Kaminski, Bester Schnitt Michael Kahn, Bester Ton und Beste Toneffekte).Wenn die Repräsentanten der Filmindustrie sich nicht am patriotischen Kriegsspiel erfreuen, dann genießen sie seichtes Entertainment. Die sieben Oscars (Bester Film, Beste Schauspielerin Gwyneth Paltrow, Beste Nebenrolle Judi Dench, Bestes Drehbuch Marc Norman und Tom Stoppard, Beste Musik "Komödie/Musical" Stephen Warbeck, Beste Kostüme Sandy Powell und Beste Ausstattung), mit denen "Shakespeare in Love", der Gewinner des Abends, überhäuft wurde, sind ebenfalls kaum der Qualität des Films geschuldet. In diesem Falle gelten sie eher den Star-Lobbyisten, Miramax-Chefs und Disney-Angestellten, den Brüdern Weinstein. Harvey Weinstein hat den Film mitproduziert, Miramax verleiht ihn in den USA. Wie übrigens auch Roberto Benignis "Das Leben ist schön", der mit drei Oscars an der dritten Stelle des Wettbewerbes landete (Bester fremdsprachiger Film, Bester Schauspieler Roberto Benigni, Beste Musik "Drama" Nicola Piovani). Schon in den letzten Jahren haben die Weinsteins die Wählenden mit soviel Material zu ihren Filmen versorgt und sie umsorgt und verwöhnt, daß viele Filmleute glauben, sie haben durch ihren quantitativen Overkill eine neue Qualität der Werbetätigkeit erfunden.Die Oscar-Verleihungen sind ohnehin eine seltsame Veranstaltung, werden doch in der Regel nur die "Besten" aus einem Ensemble der Erfolgreichsten optiert. Die Gilde der Fachleute sucht unter den Kassenschlagern nach Qualität. Alle Academy Mitglieder wählen unter diesen ihre Lieblingsleistung aus. So übertragen die Oscars die Mentalität einer ganzen Gesellschaft ins Reich des Glamours, sie sind der Zuckerguß auf der Wettbewerbshaltung: Niemand ist so erfolgreich wie der Erfolgreiche. Die Oscars feiern dieses Prinzip der modernen, westlichen Gesellschaften. Der Gewinner ist allen der Größte. So kommt es, daß mittelmäßige Filme wie "Shakespeare in Love" und mittelmäßige Regisseure wie Steven Spielberg prämiert und gekrönt werden.Aus diesem Grund darf man auch beruhigt Elia Kazan applaudieren: Er hat seine Filme gedreht, sie waren gut, er hat gewonnen. Man wird seinen Namen deshalb nicht vergessen anders als die, die er vor dem Ausschuß genannt hat. Diese sind nur Verlierer.Fortsetzung von Seite 09
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