Noch immer spekulieren einige auf ein Geschäft mit den Resten der einstigen Grenze / Handel auch mit Fälschungen

Das KaDeWe hat vier Größen Mauer im Angebot

Sabine Deckwerth
4 Min

Noch läuft es - das Geschäft mit den Mauersteinen. Während Touristen vor allem nach den kleinen Brocken greifen, sind die großen Segmente mittlerweile rar. So mancher legte sie für bessere Zeiten "auf Eis".Ein kleiner Brocken "Mauer pur" kostet fünf Mark. Einer mit Farbresten ist ab 20 Mark zu haben, ein größerer bunter für 400 Mark - am Stand im Haus am Checkpoint Charlie. "Das Geschäft läuft nicht schlecht", sagt Alwin Nachtweh, der laut Visitenkarte hier für das Unternehmen "Mauerspechts Staatsauflösung" steht. Schließlich könne sieben Jahre nach dem Fall der Mauer an kaum einer anderen Stelle in Berlin noch ein Stück Original-Betonwall erworben werden. Hammer und Meißel schwingt Nachtweh aber schon lange nicht mehr. Das wenige, was von dem 155 Kilometer langen Wall mit seinen 45 000 Segmenten übrig blieb, steht meist unter Denkmalschutz. Und was sich in Privatbesitz befindet, wird sorgfältig geschützt."Meine Stücke sind alle echt", schwört Nachtweh. Er ärgert sich maßlos darüber, daß der Handel mit falschen Betonteilen floriert, daß "Gangster" etwa am Potsdamer und Pariser Platz ihr Unwesen treiben. "Dort wird nur Luftschokolade verkauft", sagt der gelernte Schneider und holt zum Beweis ein buntbemaltes Betonstück samt Stempelaufdruck hervor. "Original Chekpoint Charli" ist da zu lesen. Es liegt nicht allein an der dilettantischen Schreibweise, an der Nachtweh nach eigenen Worten "jede Fälschung auf den ersten Blick erkennt". Ein echtes Stück des Eisernen Vorhangs habe eine extreme Betondichte und lasse sich nicht mit der Hand brechen, klärt er auf. Zudem wiesen die "Cold-war-Graffiti" zumeist mehrere Farbschichten und deutlich sichtbare Alterserscheinungen auf. Unbekannter Friedhof Nachtweh muß es wissen. Er hat ab dem Herbst 1989 ein halbes Jahr lang jeden Tag sechs Stunden "harte Steinbrucharbeit" geleistet, als er am Mariannenplatz in Kreuzberg den Meißel in den Stahlbeton schlug. Knapp die Hälfte seiner Ausbeute hat er in den letzten Jahren verkauft, das meiste an ausländische Touristen. "Die kaufen vor allem kleine Stücke." Dies bestätigt auch KaDeWe-Sprecherin Karin Tauer, wenngleich das Geschäft "nicht mehr so stark laufe wie unmittelbar nach der Wende". Das KaDeWe führt vier verschiedene Größen, die kleinsten ab fünf Mark. Geliefert werden die steinernen Souvenirs von einem Neuköllner Unternehmer, der noch immer vom Inhalt jener "paar Bananenkisten" lebt, die er 1991 von Mauerspechten erwarb. Echte von unechten Steinen zu unterscheiden sei nicht schwer, sagt er. "Der Beton war das beste Material, das die DDR je produzierte." Der Souvenirhändler berichtet aber auch davon, daß noch heute Mauerspechte ihre Ausbeute anböten. "Von einem angeblichen Mauerfriedhof, dessen Ort keiner verrät." Schwierig ist es hingegen, in der Stadt noch ganze Segmente aufzutreiben. Davon weiß Mark Münzing ein Lied zu singen. Der debis-Projektleiter war zu Jahresbeginn auf der Suche nach einem Geschenk für Bill Gates, den reichsten Firmenboß der Welt. Es sollte eine Mauer sein. Doch woher nehmen? Die beiden Firmen Limex und Le Le Wall, die nach der Wende die Mauer vermarkteten, sind längst Konkurs. Etwa 400 Teile wurden nach 1989 in alle Welt verschenkt oder verkauft. Dann ließ das Interesse auf dem Mauer-Markt nach. Der Rest wurde zermahlen und landete als Baustoff im Straßenbau. Bis auf wenige Ausnahmen. Traum vom Gold So stieß Münzing auf das Erd- und Tiefbauunternehmen Eckert, das einst 1 200 000 Tonnen Beton von der innerdeutschen Grenze zu Schotter verarbeitete. Bei Eckert fanden sich in der Tat noch sechs Mauerstücke an, die debis "für keine große Summe" erwarb. "Als Investition für zukünftige Verwendung", wie Münzing sagt. Eine Investition für die Zukunft tätigten bereits vor sechs Jahren zwei pfiffige Berliner Studenten. Für knapp 47 000 Mark erwarben sie von der Firma Limex vier bunte Segmente vom Potsdamer Platz, je zehn Quadratmeter groß und 2,7 Tonnen schwer. Damals priesen sie die Teile an wie Sauerbier. Aber keiner wollte sie haben. Heute träumen die zwei von goldenen Zeiten. "Vielleicht werden wir die zehn Tonnen Berliner Geschichte zum zehnjährigen Jubiläum des Mauerfalls los", sagt der 34jährige Christoph von Stein. Der heutige Immobilienexperte spekuliert bereits mit einem Erlös von einer Million Mark. Möglicherweise kommt dann auch die Abfallwirtschaft Berlin (AWU), ein Recycling-Zentrum am Hultschiner Damm in Hellersdorf, zu unerwartetem Reichtum. Auf dem dortigen Gelände reihen sich noch zahlreiche buntbemalte Mauerteile aneinander, die vom Entenschnabel in Reinickendorf stammen. Ganz zweckmäßig: "Sie eignen sich vorzüglich zum Trennen unterschiedlicher Altstoffe wie Papier und Glas", lobt AWU-Prokurist Tilman Schultze-Berndt die Relikte deutsch-deutscher Vergangenheit. Zwar seien der Firma schon diverse Angebote von Geschäftsleuten aus Japan, Dänemark oder Schweden unterbreitet worden. Doch die AWU blieb hart. Schultze-Berndt: "Für uns ist das keine Handelsware." +++

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