Noch nie haben die Verbraucher so viel gezahlt wie dieses Jahr - und 2010 wird es noch teurer

Rekordpreise für Strom

Jakob Schlandt
5 Min

BERLIN. Die Strompreise für Haushalte sind in Deutschland so hoch wie noch nie zuvor. Nach einer Auswertung des Verbraucherportals Toptarif zahlen Privatkunden im Jahresdurchschnitt 6,8 Prozent mehr als noch 2008. Die Stromrechnung ist dadurch deutlich in die Höhe geschnellt: Ein Haushalt mit 3 500 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr muss 804 Euro statt 753 Euro an den Versorger überweisen. Das belastet auch die Kaufkraft der Bevölkerung erheblich. Die Belastung für alle Haushalte beläuft sich auf rund 2,1 Milliarden Euro in diesem Jahr.Auch 2010 werden die Preise kräftig steigen. Allein für Januar und Februar haben 160 Versorger Preiserhöhungen angekündigt, nur weniger als 50 planen Preissenkungen. Auch in Berlin hatte der Grundversorger Vattenfall zuletzt angekündigt, zum Jahreswechsel seine Preise im Schnitt um 5,9 Prozent anzuheben. Die beiden größten deutschen Energieversorger, Eon aus Düsseldorf und RWE aus Essen, haben zwar für ihre Regionalgesellschaften (unter anderem Eon Edis in Brandenburg) stabile Preise bis Ende März beziehungsweise die erste Jahreshälfte angekündigt. Doch dann dürften die Preise dort ebenfalls steigen.Strom teurer als Öl und GasAllerdings trifft Kunden in Großstädten wie Berlin die Preissteigerung generell weniger hart. In Berlin kämpfen inzwischen mehr als 60 Wettbewerber um Kunden, ebenso in Hamburg. In vielen ländlichen Regionen dagegen gibt es sehr viel weniger Anbieter. Insbesondere Versorger in diesen Regionen können deutlich höhere Tarife durchsetzen.Die Strompreise haben sich damit völlig von anderen Energieformen abgekoppelt. Öl erreichte 2008 einen Preisrekord, ist nun nur noch halb so teuer. Das spiegelt sich in leicht gesunkenen Preisen an den Tankstellen wider. Bei Gas ist der Preisverfall sogar noch drastischer. Versorger senkten ihre Endkundenpreise, in denen auch die Kosten des Leitungsnetzes berücksichtigt sind, um bis zu 30 Prozent in diesem Jahr.Doch bei Strom macht sich bemerkbar, dass Elektrizität stets für die Zukunft eingekauft wird. Die Stromvertriebe erwerben das Anrecht auf eine kontinuierliche Lieferung für ihre Kunden also weit im Voraus. Die Verbraucher zahlen also die Rohstoffpreisrekorde der vergangenen Jahre. Nach Schätzungen der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) verkaufte der größte deutsche Energiekonzern Eon den Strom seiner Kraftwerke zum größten Teil Jahre bevor er tatsächlich für Kunden wie örtliche Stadtwerke produziert wird, die damit wiederum die Verbraucher beliefern.LBBW-Energie-Analyst Bernhard Jeggle sagte der Berliner Zeitung, Eon habe bereits ein Zehntel des Stroms zur Lieferung im Jahr 2009 drei Jahre vorher, also im Jahr 2006 abgesetzt. Mehr als die Hälfte des Stroms aus Eon-Kraftwerken sei 2007 verkauft worden. Weitere 25 Prozent folgten im Jahr 2008. Nur ein kleiner Rest wird kurz vor der tatsächlichen Produktion verkauft oder gar tagesaktuell am Spotmarkt abgesetzt.So sei auch zu erklären, dass Eon für seinen Strom trotz stark gesunkener Rohstoffpreise mehr Geld erhalte. Eine Megawattstunde zur Lieferung im Jahr 2008 sei von Eon für im Schnitt rund 54 Euro abgesetzt worden. 2009 seien es rund 60 Euro und 2010 etwa 68 Euro.Auf breiter Front sinkende Strompreise, die den Preisverfall bei Öl, Gas und Kohle widerspiegeln, sind also erst 2011 zu erwarten, denn für dieses Jahr wird von den Stromanbietern derzeit im großen Stil zu deutlich gesunkenen Preisen eingekauft. Kostete Strom zur Lieferung 2011 im Sommer vorigen Jahres noch rund 90 Euro pro Megawattstunde an der Strombörse EEX, sind es jetzt nur noch gut 50 Euro. Verbraucher dürfen also eine Verschnaufpause erwarten.Doch langfristig rechnen fast alle Experten mit dauerhaft steigenden Strompreisen. "Der ökologisch und ökonomisch sinnvolle Umbau des Energiesektors kostet erst einmal viel Geld", heißt es bei der LBBW. Die Vergütungen für Ökostrom über das Erneuerbare-Energie-Gesetz steigen von rund zehn Milliarden Euro 2009 auf mehr als zwölf Milliarden im kommenden Jahr. Würden die Umweltkosten fossiler Brennstoffe berücksichtigt, lägen die Kosten aber deutlich niedriger. Auch die Rohstoffpreise werden - angesichts eines höheren Energiebedarfs in aufstrebenden Schwellenländern wie China und Indien - nicht lange so weit unten bleiben wie derzeit.------------------------------Stromtarife in BerlinAngebote* und jährliche Einsparungen im Vergleich zum Vattenfall-Grundversorgungstarif. Dieser Tarif steigt im Januar aber noch einmal um im Durchschnitt 5,9 Prozent, sodass die Ersparnis dann noch höher ausfallen könnte. Grundlage ist ein vierköpfiger Haushalt mit 4 000 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr.Anbieter Tarif Preis ErsparnisFlexstrom Berlins Best 706,40 173,60Stromio Stromio Basic 745,76 134,24Hitstrom Tarifhit 12 746,52 133,48Envacom Energy Natur II 755,80 124,20Stromio Stromio Green 757,76 122,24Vattenfall Berlin Easy 758,20 121,80Stattwerke Flensburg Flensburg Extra 763,92 116,08Eprimo Eprimo Berlin 767,24 112,76Nuon Deutschland Lekker Strom direkt 769,20 110,80AWS Wärmeservice AWS Ökostrom 777,60 102,40Secura Energie Secura Ökostrom 779,86 100,14Teldafax Teldafax 1569 780,00 100,00------------------------------Grafik: Besteuerung: Während Öl und auch andere fossile Energieträger weit von ihren Höchstpreisen entfernt sind, zahlen die Verbraucher mehr denn je für Strom. Das liegt vor allem an der verzögerten Weitergabe der Rohstoffkosten. Hinzu kommt aber auch, dass die Steuern für Elektrizität und die Abgaben für Öko-Strom-Quellen wie Photovoltaik und Windkraft immer weiter gestiegen sind."Die Strompreisspirale dürfte sich auch 2010 weiter nach oben drehen." Toptarif-Experte Thorsten BohgFoto: Für 2010 sind bereits weitere Preiserhöhungen angekündigt.

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