TURIN. Am späten Dienstagabend wurde eine Maschine aus Dresden auf dem Turiner Flughafen Caselle erwartet, mit dem Trainer Ingo Steuer und dem Eiskunstlaufpaar Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy an Bord. Die Trainingseinheit im Eispalast Palavela fiel für das Chemnitzer Trio noch aus, statt dessen konnte es sich häuslich einrichten im Olympischen Dorf.Geht es nach dem Nationalen Olympischen Komitee für Deutschland (NOK), ist es mit der Gemütlichkeit aber bald wieder vorbei. Zumindest für Ingo Steuer, der zwischen 1985 und 1989 als Inoffizieller Mitarbeiter (IM Torsten) für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet hat und der sich seine Reise zu den Winterspielen vor dem Berliner Landgericht erstritt. Den Urteilsspruch, wonach Steuer (39) aufzunehmen sei ins deutsche Olympiateam, gedenkt das NOK nicht zu akzeptieren. "Wir prüfen alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, in Berufung zu gehen", erklärte NOK-Präsident Klaus Steinbach am Dienstag.Nachdem das NOK am Montag mit seinem Widerspruch vor dem Landgericht Berlin gescheitert war, sah es sich zunächst in der Bredouille, auf zwei völlig unterschiedliche Arten mit dem Fall umgehen zu müssen: Einerseits war dem Urteil Folge zu leisten und eine Akkreditierung für den Trainer beim Organisationskomitee Toroc zu bewirken. Andererseits wurden Schritte gegen das Urteil eingeleitet. Nach Steinbachs Willen soll sich entweder das Kammergericht in Berlin noch einmal mit der Causa befassen. Oder gleich die höchste Instanz der Sportgerichtsbarkeit, die Ad-hoc-Kammer des Sportgerichtshofs Cas, über Steuers Verbleib in Turin entscheiden - bevor er am Sonnabend beim Kurzprogramm an der Bande steht."Es ist unverantwortlich"Um ihre Entschlossenheit zu demonstrieren, erläuterten Klaus Steinbach und NOK-Generalsekretär Bernhard Schwank ihr Vorgehen am Dienstag bei einer Pressekonferenz im Olympischen Dorf - an jenem Ort also, zu dem Trainer Steuer ihrer Meinung nach nie Zutritt haben dürfte. "Es ist unverantwortlich, mit einer Vergangenheit, wie sie Steuer hat, so umzugehen", sagte Steinbach: "Er weiß seit 1994, dass es eine Akte gibt. Er zeigte keine Reue. Er hat seinem Arbeitgeber, der Bundeswehr, ganz offensichtlich die Unwahrheit gesagt. Er sprach kein Wort der Entschuldigung, auch gegenüber seinen Sportlern nicht." In diesem Fall sei es das unverbrüchliche Recht des NOK, der Empfehlung der Stasi-Kommission von DSB und NOK zu folgen und eine Aufnahme ins Olympiateam zu verweigern: "Das Urteil des Landgerichts", so Steinbach, "stellt unsere Nominierungshoheit in Frage."Es geht also vor allem darum, einen Präzedenzfall zu vermeiden. Umso unverständlicher erscheint angesichts dieser Brisanz der Umstand, dass das Landgericht, das über den Widerspruch des NOK gegen die von Steuer erwirkte Einstweilige Verfügung zu befinden hatte, ausgerechnet Verfahrensfehler monierte. "Nichts Schriftliches gibt es nicht", durfte Richter Wolfgang Krause süffisant vermelden und dem NOK die Belehrung zuteil werden lassen, dass "jeder Beschluss zu den Akten genommen werden" müsse. Offenbar hatte das NOK es versäumt, Protokolle vorzulegen, die das Vorgehen dokumentieren. Das Protokoll von Steuers Anhörung vor der Stasi-Kommission wurde erst am Verhandlungstag eingereicht. Anders ausgedrückt: Das NOK und seine Anwälte müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, es dem Gericht nicht sonderlich erschwert zu haben, den Widerspruch abzubügeln. Steinbach wollte das nicht gelten lassen und hielt dem Berliner Landgericht vor, der richterlichen Hinweispflicht nach Paragraf 139 der Zivilprozessordnung nicht genügt zu haben. Demnach habe der Richter es unterlassen, beim NOK fehlende Papiere anzufordern. Mehr als zehn Anhänge habe man eingereicht, war vom NOK zu hören - es waren wohl nicht die richtigen. Anders sind die Worte des Generalsekretärs Schwank kaum zu interpretieren, der sagte: "Das Gericht hat das NOK und seine Vertreter auflaufen lassen."Bis es zur nächsten Entscheidung kommt, muss sich das deutsche NOK mit Ingo Steuer arrangieren. Man erwarte von ihm, "dass er mit dem Thema so umgeht, dass er den Rest der Olympiamannschaft nicht belastet", hieß es. Ohnehin hat NOK-Chef Steinbach am Dienstag die Losung ausgegeben, dass die Angelegenheit von nun an nicht mehr das gesamte Team, sondern nur noch das NOK zu beschäftigen habe: "Wir haben schließlich eine Fürsorgepflicht gegenüber 161 Athleten, und nicht nur gegenüber einem Eislaufpaar." Trotzdem steht fest: Bis Montag, 23.10 Uhr, werden Aljona Sawtschenko/Robin Szolkowy und Trainer Steuer ein Thema sein: Dann erst ist der Paarlauf-Wettbewerb mit der Kür beendet.------------------------------Foto: Nominierungshoheit? NOK-Chef Steinbach bangt um die Macht des Sports.
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