Norbert F. Pötzl beschreibt die Rolle des Anwalts Wolfgang Vogel beim Agentenaustausch

Lebhafter Handel mit Spionen

Peter Pragal
5 Min

Im Ostberliner Palast-Hotel sitzen der amerikanische Diplomat Richard Burt und DDR-Anwalt Wolfgang Vogel zusammen. Die Stimmung ist gelöst; es gilt, einen gemeinsamen Erfolg zu feiern. Vogel verschenkt an den designierten Bonn-Botschafter der Vereinigten Staaten und an seine Begleiter Souvenirs: metallene Modellnachbildungen des Brandenburger Tores, die auf kleinen Holzsockeln befestigt sind. Darauf ist das Datum des Treffens eingebrannt: 11. Juni 1985. Wenige Stunden zuvor sind an der Glienicker Brücke 25 im Ostblock aufgeflogene West-Spione gegen vier zuvor in den Vereinigten Staaten inhaftierte Ost-Agenten ausgetauscht worden. Eine KGB-Agentin, je ein Mitarbeiter des polnischen und des bulgarischen Geheimdienstes sowie ein DDR-Bürger. Es war der größte Agenten-Deal, der je stattgefunden hat.Die Aktion, der jahrelange Vorbereitungen vorausgegangen waren, sei "wie ein Uhrwerk" aufgelaufen, meldete Burt seinem Außenminister George Shultz. An der Planung und Umsetzung des Ringtausches waren viele Leute beteiligt. Aber ohne Wolfgang Vogel, so wurde dem Ostberliner Unterhändler von amerikanischer Seite schriftlich bestätigt, "wäre dieses ganze Projekt niemals verwirklicht worden".Aus den Akten geschöpft Über Vogels Wirken ist schon viel publiziert worden. Über seine Funktion als Makler beim Häftlings-Freikauf. Über seine Tätigkeit als Beauftragter der DDR bei deutsch-deutschen Familienzusammenführungen. Und über seine Missionen als politischer Kurier, der im Auftrag der SED-Führung zwischen Ostberlin und Bonn sondierte und vermittelte. Dagegen ist der Agenten-Austausch, bei dem Vogel ebenfalls die Fäden zog, bis auf einige spektakuläre Fälle der Öffentlichkeit verborgen geblieben.Diese Informationslücke wird zu einem guten Teil durch Norbert F. Pötzls Buch geschlossen. Dem "Spiegel"-Redakteur, der Vogels umfangreiche Aktenbestände einsehen und auswerten durfte, ist es gelungen, Hintergründe einer Menschenhandels-Praxis aufzuhellen, die ohne Diskretion nicht funktioniert hätte. Und bei der nicht selten gefeilscht und geschachert wurde wie auf einem Markt. "Wie Gewichte", schreibt der Autor, "wurden Namen mal in die eine, mal in die andere Waagschale gelegt." Wobei es um Menschenschicksale und manchmal auch um Leben und Tod ging.In seine Rolle als international geschätzter Agentenmakler, der bis 1989 an der Freilassung von rund 150 in Gefangenschaft geratenen Spionen aus 23 Ländern mitwirkte, ist Vogel nach Darstellung Pötzls "durch eine Verkettung von Zufällen und persönlichen Bekanntschaften" hineingewachsen. Zu letzteren zählten westliche Anwaltskollegen ebenso wie bundesdeutsche Beamte und amerikanische Diplomaten. Entscheidend war jedoch seine Anbindung an das MfS, dem er sich 1953 als junger Assessor verpflichtet hatte. Hauptgesprächspartner, mit dem der auch in Westberlin zugelassene Rechtsanwalt seine Aktionen abstimmte, war der Stasi-Offizier Heinz Volpert. Er nahm in Erich Mielkes Dienst eine Sonderstellung ein und war überdies mit DDR-Generalstaatsanwalt Josef Streit, einem weiteren Vogel-Förderer, eng befreundet.Im März 1957 hatte Volpert verfügt, die Akte des "Geheimen Mitarbeiters Georg" zu schließen und als gesperrte Ablage zu archivieren. Angeblich, weil sich der GM als "unehrlich" erwiesen habe. Pötzl hält diese Begründung für "absurd", zumal "Georg" weiter Informationen lieferte. Nach Meinung des Autors hat Volpert die Archivierung nur vorgetäuscht, um sicherzustellen, "daß die Existenz eines GM Georg alias Wolfgang Vogel anderen Stasi-Abteilungen verborgen blieb und nur noch er selbst Zugang zu den Vogel-Materialien hatte".Seit der in den Vereinigten Staaten verurteilte Sowjetagent Rudolf Abel und der über Sibirien angeschossene amerikanische Spionageflieger Gary Powers unter Vogels Mitwirkung im Februar 1962 durch Austausch freigelassen wurden, sah sich der DDR-Anwalt immer häufiger von ausländischen Interessenten um Vermittlung angegangen. Manche Regierungen kamen erst durch ihn darauf, daß Begnadigungen von Spionen an Gegenleistungen gekoppelt werden konnten.Offenbar fand Vogel an seinem mit vielen Fernreisen verbundenen Job so viel Gefallen, daß er ­ um einen bestimmten Agenten aus dem Gefängnis zu befreien ­ mitunter von sich aus personelle Angebote unterbreitete. Fast beiläufig, schreibt Pötzl, ließ er dann in sein Anschreiben einfließen, daß die DDR gerade diesen oder jenen Staatsbürger des betreffenden Landes in Gewahrsam habe und die Regierung diesen armen Menschen doch sicher bald wieder zu Hause haben wolle. Ein amerikanischer Verhandlungspartner gewann den Eindruck, "daß ihm seine Auftraggeber genügend Spielraum lassen, um auf Fischfang zu gehen".Während etliche im Buch geschilderte Austausch-Fälle mit bisher unbekannten Details gespickt sind und ein plastisches Bild von den Schwierigkeiten des zähen Ringens hinter den Kulissen bieten, langweilt der Autor den kundigen Leser an anderer Stelle mit hinlänglich bekannten Fakten. Wie Herbert Wehner mit Erich Honecker die "Koffer-Fälle" gelöst hat, wie der Häftlingsfreikauf eingefädelt wurde und wie man mit den Besetzern westlicher Botschaften im Ostblock umging, ist schon vorher ausführlich beschrieben worden.Gesamturteil freundlich Gar nicht gut kommt der Bundesnachrichtendienst in der Darstellung weg. Pötzl hält den Pullachern nicht nur Untätigkeit angesichts des Schicksals des 1980 in Leipzig hingerichteten "roten Admirals" Winfried Baumann vor. Er bescheinigt dem BND auch Dilettantismus, weil der einen "seit acht Jahren außer Dienst gestellten Alkoholiker" und kranken Hochstapler für einen Top-Agenten aus der Aufklärungsabteilung des DDR-Verteidigungsministeriums gehalten habe.Er habe in seinem Buch nicht versucht, "aus einem Menschen mit Schwächen und Fehlern einen Heiligen zu machen", schreibt Pötzl in seiner Einleitung. Deshalb habe er auch den Teil der Vogel-Biographie mit dem dunklen Fleck Stasi-Verstrickung aufgedeckt, den Vogel "gern verdrängen würde". Am Ende aber nimmt der Autor den "Grenzgänger und Gratwanderer" vor den Nachstellungen "eifernder Juristen" in Schutz. So habe sich der Oberstaatsanwalt im zweiten Prozeß zu der Schmähung verstiegen, Vogel sei der "größte Menschenhändler des Jahrhunderts" gewesen. "Käme das Wort nicht aus dem Munde dieses Juristen", befindet Pötzl, "es wäre eine zutreffende, respektvolle Kennzeichnung der Lebensleistung Wolfgang Vogels."Norbert F. Pötzl: "Basar der Spione". Die geheimen Missionen des DDR-Unterhändlers Wolfgang Vogel. Spiegel Buchverlag, Hamburg 1997. 544 S., 49,80 Mark.

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