PEKING, 10. Februar. Nordkorea erklärt offiziell, Kernwaffen zu besitzen und nimmt seine Ankündigung zurück, über sein Atomprogramm verhandeln zu wollen. Eine solche Nachricht erschreckt nicht nur die Nachbarn. "Das ist wirklich ernst, Nordkorea überschreitet die rote Linie", sagte gestern Kim Tae-woo, Nuklearexperte am Koreanischen Institut für Verteidigungsanalysen in Seoul.Doch vor allem auf die USA zielt die Führung in Pjöngjang. Die neue Kehrtwende des schwer berechenbaren Regimes kommt wenige Tage nach der programmatischen Rede des US-Präsidenten George W. Bush zu Beginn der zweiten Amtsperiode. Washington betreibe "eine unverhohlene Politik der Isolierung und Erstickung Nordkoreas", heißt es in der Erklärung des dortigen Außenministeriums. Die multinationalen Verhandlungen zielten ohnehin nur darauf ab, das Land von seinem Atomprogramm abzubringen, doch benötige man die Waffen zur Selbstverteidigung. Experten hatten für Ende Februar oder Anfang März mit einer Wiederaufnahme der Gespräche in Peking gerechnet. Der südkoreanische Außenminister Ban Ki-moon war gestern nach Washington aufgebrochen, um mit seiner Amtskollegin Condoleezza Rice den Umgang mit den kommunistischen Nachbarn abzusprechen. Bush war in seiner Rede vergleichsweise schonend mit Nordkorea umgegangen, und Michael Green, Asiendirektor im Nationalen Sicherheitsrat der USA, hatte letzte Woche sogar von einem "ernsten Vorschlag" für das Kim-Regime gesprochen. Anders als gegenüber Iran, setzte Washington im Fall Nordkorea früh auf eine diplomatische Lösung und hatte Wirtschaftshilfe sowie indirekt auch Sicherheitsgarantien für Pjöngjang in Aussicht gestellt. Erst in der vergangenen Woche hatte das Weiße Haus einen Sonderbotschafter in die Region entsandt, der mit den Staats- und Regierungschefs von China, Südkorea und Japan in Vorbereitung neuer Verhandlungen das Thema Nordkorea erörterte.Vor allem China als Gastgeber der Sechsergespräche droht Gesichtsverlust, wenn die einstigen Verbündeten auf Provokation setzen - die Pekinger Führung hat wiederholt erklärt, dass die koreanische Halbinsel atomwaffenfrei bleiben müsse. Im Gegenzug war sie bereit, das Regime wirtschaftlich zu unterstützen und bei den Amerikanern die geforderten Sicherheitsgarantien einzuklagen. Sollte das nordkoreanische Atomproblem vor den UN-Sicherheitsrat kommen, müsste Peking bei einer Abstimmung Farbe bekennen. Was dann? Hält es zu dem Bankrottregime, auch auf Kosten der eigenen Sicherheit, oder schlägt es sich auf die Seite der Kim-Kritiker? Wie so oft nach ominösen Verlautbarungen wird auch jetzt gerätselt, ob das Regime mit seiner Bombe blufft und nur den Preis für ein mögliches Entgegenkommen hoch treiben will, oder ob es Konfrontation beabsichtigt. Hinter dem Eisernen Vorhang lässt sich nur schwer ausmachen, was die dortige Führung treibt. Augenzeugen hatten in jüngster Zeit von sichtbaren inneren Reformen gesprochen. Versorgungsengpässe sind zwar längst nicht überwunden, aber die Hungersnot scheint abgeklungen. In Pjöngjang und anderen Städten entstanden Märkte mit deutlich verbessertem Warenangebot; das meiste kommt aus Südkorea und China. Der Autoverkehr nimmt zu. In Kaesong unweit der Grenze zu Südkorea wächst eine Wirtschaftssonderzone, in der südkoreanische Unternehmer mit nordkoreanischen Arbeitern Waren für beide Landeshälften produzieren. Tausende südkoreanische Touristen bringen Devisen ins Land. Glaubt sich das Regime in der Lage, es mit der Welt aufnehmen zu können, oder haben eher innere Machtkämpfe die Wende ausgelöst? Anzeichen dafür, dass es gärt, gab es spätestens Ende 2004, als widersprüchliche Angaben über den möglichen Abbau des grotesken Personenkultes um Kim Jong Il ins Ausland drangen. Beobachter wollen ausgemacht haben, dass der Widerstand gegen den Kim-Clan weiter verbreitet ist, als angenommen. Sie führen Berichte von Flüchtlingen an, aber auch regimekritische Flugblätter, die nachts auf den Straßen gefunden wurden. Die Unruhe könnte wachsen, wenn sich bestätigt, dass Kim Jong Il bereits einen seiner Söhne dazu bestimmt hat, die Clan-Diktatur in der dritten Generation fortzusetzen. Vielleicht aber setzt Pjöngjang auch nur auf die militärische Handlungsunfähigkeit der USA, wenn die sich im Iran festbeißen.------------------------------REAKTIONEN // "Ich hoffe, das ist keine endgültige Position. Ich gehe davon aus, dass Nordkorea mit der Hilfe der anderen beteiligten Nationen an den Verhandlungstisch zurückgebracht werden kann". UN-Generalsekretär Kofi Annan"Wir appellieren an Nordkorea, seine Entscheidung zu überdenken und zu den Gesprächen zurückzukehren."EU-Außenbeauftragter Javier Solana"Es ist die selbe Rhetorik wie immer. Wir bleiben den Sechs-Parteien-Gesprächen verpflichtet. Wir bleiben einer friedlichen diplomatischen Lösung verpflichtet." Scott McClellan, Sprecher von US-Präsident George W. Bush"Es gibt keine Absicht der USA, Nordkorea zu besetzen oder anzugreifen. Mit der Entwicklung der Atomwaffen isoliert sich Pjöngjang weiter von der internationalen Staatengemeinschaft."US-Außenministerin Condoleezza Rice"Unter dem Gesichtspunkt der Weiterverbreitung von Atomwaffen muss man besorgt sein, wenn man glaubt, dass sie wirklich Atomwaffen haben. Ich weiß es nicht."US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld"Die Erklärung Nordkoreas ist außerordentlich belastend. Ich hoffe aber, dass dies nicht das letzte Wort ist. Der Westen muss daraufhin wirken, dass die Gespräche weitergehen."Bundeskanzler Gerhard Schröder"Deutschland wird weiter alle Bemühungen unterstützen, die zu einer friedlichen Lösung der angespannten Situation beitrügen. Ziel bleibt eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel." Bundesaußenminister Joschka Fischer"Wir respektieren Nordkoreas Sorgen um eine Garantie für seine Sicherheit, aber wir glauben zugleich, dass dieses Problem durch Gespräche gelöst werden muss, nicht durch einen Wettstreit in der atomaren Aufrüstung." Russischer Außenamtssprecher Alexander Jakowenko------------------------------Karte: Atomanlagen in Nordkorea------------------------------Foto: Die nordkoreanische Armee paradiert. Sie ist mutmaßlich technisch schlecht ausgerüstet, setzt vor allem auf die Vielzahl von Soldaten.
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