Not und Chaos im Irak

Martina Doering
3 Min

Das Kampfgeschehen im globalen Anti-Terror-Feldzug hatte sich in den letzten Monaten nach Afghanistan verlagert, im Irak war es ruhiger geworden. Die Amerikaner sahen das als Erfolg ihrer Surge-Strategie: Erst wurden mehr Soldaten entsandt, Aufständische als Partner verpflichtet und große Energien in die Ausbildung der Sicherheitskräfte investiert, dann übertrug man die Verantwortung an die Iraker und zog die eigenen Soldaten aus den Innenstädten ab. Und weil diese im Irak erprobte Strategie von Erfolg gekrönt schien, sollte sie in Afghanistan wiederholt werden. Doch dann kam es am Wochenende zu diesen verheerenden Attentaten in Bagdad. Sie kosteten nicht nur über 150 Menschen das Leben. Sie haben auch in Washington einen Schock ausgelöst. Wenn nämlich die Stabilität im Irak nur eine Illusion war - mit welcher Strategie lässt sich dann das westliche Stabilisierungsprojekt Afghanistan retten?Premierminister Nuri al Maliki, dessen Regierung auf Erfolgsmeldungen genauso angewiesen ist wie die US-Führung, beeilte sich, Schuldige auszumachen. El Kaida und Anhänger der Baath-Partei stecken dahinter, sagte er. Solche Erklärungen sollen suggerieren, dass es sich nur um kleine, isolierte Gruppen handelt, die Attentate verüben. Doch das ist wenig wahrscheinlich. El Kaida hat im Irak nie eine große Rolle gespielt, auch wenn die Tötung ihrer Chefs jedes Mal international für großes Aufsehen sorgte. Außerdem sollen ihre Mitglieder laut Darstellung der US-Militärs das Land in Richtung Afghanistan oder Pakistan, Sudan oder Jemen verlassen haben. Die Baathisten wiederum sind längst in einer breiten, nationalen Aufstandsbewegung aufgegangen. Und in dieser Front kämpfen Sunniten und Schiiten, Nationalisten neben Separatisten.Dass sich die Angehörigen dieser Front schon seit Beginn des Jahres offenbar neu formieren und mit einer Serie von Anschlägen ihre Stärke demonstrieren, hat wenig mit Afghanistan, doch viel mit internen Problemen, Verhältnissen und Ereignissen im Irak zu tun.Im Irak sollen im Januar Parlamentswahlen stattfinden, obwohl sich die Parlamentarier noch immer über ein Wahlgesetz streiten. Die Aufständischen wollen diese Wahlen verhindern oder zumindest behindern. Auch der Verkauf der ersten Öllizenzen heizt die Stimmung an. Die ersten Zuschläge bekamen chinesische und britische Firmen, die nur wenige irakische Arbeiter anzuheuern gedenken. Bewohner der Ölgebiete fühlen sich betrogen und haben Widerstand und Sabotageakte angekündigt.Doch nicht nur sie fühlen sich als Verlierer der Normalisierung im Irak. Für die Regierungselite und die US-Besatzer, die weniger Opfer zu beklagen haben, mag sich die Lage tatsächlich verbessert haben. Für den irakischen Normalbürger hat sich wenig geändert: Es gibt kaum Strom und kein sauberes Trinkwasser; die Arbeitslosenrate liegt bei 50 Prozent; das Gesundheits- und Bildungswesen ist marode; täglich werden Dutzende Kinder von Kriminellen entführt.Zu allem kommt die ausufernde Korruption - angefangen bei Spitzenpolitikern in den Ministerien, die Millionen stehlen bis hin zum kleinen Beamten oder Arzt, der Bestechungen einsackt. Soziale Missstände und Not, andauernde Fremdbesatzung und einheimische Politiker, die nur für sich sorgen: Das sind die Gründe dafür, dass die Lage instabil und alles beim Alten bleibt - im Irak wie in Afghanistan.

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