Nowosibirsk erhält ein deutsches Kulturinstitut

So ein Goethe-Geist

Christian Esch
7 Min

In der Mitte von Nowosibirsk, in der Mitte von ganz Russland also, ist ein sozialistischer Traum zu Stein geworden. Eine gigantische graue Masse steht da, eine Kreuzung von Pantheon und Reichskanzlei, vor der auch die klobige schwarze Lenin-Statue mit ihren Schnee-Epauletten bloß wie ein Passant wirkt.Es war ein Traum aus dem Geist der Zwanzigerjahre: Ein Kunst- und Wissenschaftspalast samt Schwimmbecken, Planetarium und Aufmarschrampen für glückliche sibirische Arbeitermassen. Dann kam die Stalin-Renaissance, aus dem geplanten Kulturpalast wurde ein klassisches Operngebäude, das größte Eurasiens. Und dann kam der lange Niedergang des Sozialismus, aus den Arbeitermassen wurden Einzelne, die sich ihr Glück selbst suchen. Und dann kam das Goethe-Institut.Deutschlands Auslandskulturinstitut eröffnet seine erste Filiale in Sibirien, die dritte in Russland. Das wird im monumentalen Großen Saal der Oper gefeiert: Grußwort reiht sich an Grußwort, dann teilt sich der Vorhang, und über die Leinwand fliegen Juri Schdanow und Galina Ulanowa - als Romeo und Julia, im Ballettfilm Lew Arnschtams von 1954. Unten dirigiert der Deutsche Frank Strobel, der die Musik von Sergej Prokofjew für diesen Film rekonstruiert hat, das Sinfonieorchester der Nowosibirsker Oper. Man sieht die Ulanowa, schon vorgerückten Alters, präzise zu einer Musik tanzen, die in Wirklichkeit aus dem Orchestergraben zu ihrem Tanz erst hinzugefügt wird. Entzückt schaut das sibirische Publikum auf das frühlingshafte Verona, wo ein gütiger Himmel südliche Früchte reifen lässt. Dann holt es sich an der Garderobe seine Pelzmäntel und geht durch den Schnee nach Hause.So wie die Errichtung der Nowosibirsker Oper 1931 bis 1945 ein kühner Akt war, so ist auch die Einrichtung des noch winzigen Goethe-Büros gegenüber der Oper keine Selbstverständlichkeit. Es ist ja noch nicht so lange her, da gab es bloß Kürzungen und Filialschließungen zu berichten. Warum braucht die Kulturorganisation, die ihr Geld vom Auswärtigen Amt bekommt und schon 134 Institute betreibt, ausgerechnet in Sibirien eines? Deutsch wird in Russland doch sowieso fleißig gelernt: Zwei Millionen Schüler lernen es als ihre erste Fremdsprache, schätzt das Goethe-Institut, mehr als in jedem anderen Land der Welt. Und das Deutschlandbild der Russen ist, wenn man den Umfragen glaubt, ohnehin seltsam positiv: Im letzten Sommer, als das Lewada-Meinungsforschungszentrum nach Wunschverbündeten fragte, kam Deutschland an die Spitze, gleichauf mit Weißrussland.Aber dieser Wert ist wohl nur die Kehrseite einer Enttäuschung mit dem Westen insgesamt, die von Kaukasuskrieg und Gaskonflikt neu genährt wurde. Deutschland gilt da noch als am freundlichsten gesonnen. Solange das so ist, kann es Mittler sein in einer Zeit, in der Russland sich eher auf sich selbst zurückzieht.Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, ist zur Eröffnung angereist und nennt Nowosibirsk einen "Wunschort": So jung die Stadt ist - es gibt sie nur, weil die Transsibirische Eisenbahn hier den Ob überquert -, so ist sie doch das kulturelle Zentrum Sibiriens und mit 1,4 Millionen sogar die drittgrößte Stadt Russlands. Die Erwartungen der Menschen an ein deutsches Kulturinstitut seien hier zweifellos hoch.In Zweifel stand aber offenbar die Einwilligung der russischen Seite: "Wir hatten die Hoffnung schon ziemlich aufgegeben", sagt Lehmann. Allen ausländischen Kulturinstituten steht das Schicksal des British Council vor Augen, das zum Opfer des diplomatischen Konflikts um den Giftmord an Alexander Litwinenko in London wurde und seine Filialen in Petersburg und Jekaterinburg vorläufig schließen musste.Erst Anfang Oktober überraschte Außenminister Sergej Lawrow seinen deutschen Kollegen Steinmeier mit der Zustimmung, das Institut könne eröffnet werden. Nur ein halbes Jahr später hat das Goethe-Institut ein 75-Quadratmeter-Büro bezogen; bis Ende des Jahres soll ein vollgültiges Institut entstehen, geleitet von der Sinologin Julia Hanske. Es tritt neben die Einrichtungen, die in Nowosibirsk ohnehin schon bestehen: ein deutscher Lesesaal sowie zwei deutsche Sprachlernzentren. Sie bereiten auf Sprachtests vor, die das Siegel des Goethe-Instituts tragen und oft die Hürde sind, die auswanderungswillige Russlanddeutsche zu nehmen haben.Deutsch unterrichtet wird auch am Gymnasium Nr. 3 von Akademgorodok, der Wissenschaftsstadt vor den Toren Nowosibirsks. Man fährt eine Weile dorthin, vorbei am "Ob-Meer", dem großen Stausee; aus der Ferne wirken Hunderte von Eisfischern wie Pinguin-Schwärme. Die Stadt wurde in den 1950ern gegründet als eine Art sowjetisches Harvard. Es war eine geschlossene Stadt und zugleich eine Oase der Freiheit: Hier konnte offiziell über den Prager Frühling diskutiert werden, hier konnte man Mandelstams Gedichte auf Wandzeitungen lesen, bevor es sie in Buchform gab. Nach dem Ende der Sowjetunion gingen viele Wissenschaftler nach Amerika. Nun kämpft man darum, die Forschung in wirtschaftliche Anwendungen umzusetzen. Softwarefirmen haben sich angesiedelt, westliche Kunden lassen sich ihre Webauftritte gestalten.Vor dem Gymnasium, in den verschneiten Ästen der Waldstadt, zwitschern die Vögel den Frühling herbei, drinnen herrscht die Ödnis einer offiziellen Feierstunde. Den braven Schülern hat man weiße T-Shirts übergestreift, darauf sind Deutschlandfahnen und die schönen Worte Partnerschaft und Zukunft zu sehen. Ihr Gymnasium ist in ein Förderprogramm des Auswärtigen Amtes aufgenommen worden, die Freude darüber sollen sie in rhythmischem Sprechgesang äußern. Plötzlich löst sich alle Steifheit, die leeren Worte des Rituals werden mit Sinn gefüllt. Große und kleine Schüler rappen mit echter Hingebung und großem Charme Verse über sich selbst, die sie in holprigem Deutsch gereimt haben. Den Auftritt haben sie am Vortag geübt, mit einem deutschen Rapperduo. Sänger The Big LeBasti, der die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen hat, ist sichtlich gerührt. Er kann gar kein Russisch, aber er hat sich selbst den Schülern genauso vorgestellt, in auswendig gelernten russischen Reimen. Seither war das Eis gebrochen.Während er das noch erzählt, bricht hinter ihm eine musikalische Blechlawine los. Die bayrische Gruppe LaBrassBanda tutet durch den Saal, die Schüler tanzen wieder, ganz spontan. Man wagt nicht, sich auszumalen, welches Deutschlandbild gerade in diesen Schülerköpfen geformt wird; Deutschland, die Spaßwalze Europas, ein zweites Jamaika.Das Goethe-Institut Nowosibirsk soll selbst keine Sprachschüler unterrichten, sondern die Sprachvermittlung indirekt fördern, über die Ausbildung von Lehrern. Und über den Kulturaustausch: Ausstellungen, Filmreihen, besonders aber von Künstleraufenthalten verspricht man sich offenbar viel. Warum, das wurde auf der Ausstellung des Fotografen Andreas Herzau und der Künstlerin Jovana Popovic - beide waren ein paar Wochen da - allerdings nicht richtig klar. Überfüllt war die Ausstellung trotzdem, vor allem mit Studentinnen und Studenten der Architektur-Hochschule. Wahrscheinlich hat sie Konstantin Skotnikow mobilisiert: Der Künstler, der an der Hochschule lehrt, ist mit seinen Rundmails gewissermaßen ein Institut für sich, eine Figur, die die gesamte örtliche junge Szene zusammenhält.Im Hof seines Hauses, nicht weit vom Leninplatz und der Oper entfernt, hat er eine eigene Galerie eröffnet. Eigentlich ist es bloß eine Blech-Autogarage, wie es sie in russischen Innenhöfen früher zu Dutzenden gab. Zusammen mit dem Wiener Künstler Lukas Pusch hat er sie gereinigt und aufgebockt, so dass sie wie ein kleiner Tempel dasteht. Was man wegen des hohen Schnees allerdings schlecht sehen kann. Obendrauf ein Holzschild mit dem Schriftzug "White Cube Gallery", die Glühbirnen darum herum sind geklaut. Neulich, sagt Skotnikow, haben sie in der Galerie 24 Ausstellungen in 24 Stunden gezeigt. Der Name - "unsere sibirische Antwort auf Saatchi" - und die Idee stammten von Lukas Pusch."Ein absolut bourgeoiser Name", kritisiert Wjatscheslaw Misin, der neben Skotnikow steht und wie er zur Künstlergruppe Blue Noses gehört. "Schreibt lieber 'White Shit' drüber!" Und dann witzelt er giftig über den mutlosen Liberalismus in der Kunst, "so'n Goethe-Geist, mit Ausstellungen, die keine Fragen stellen und keine Fragen lösen". Kein Zweifel, diese Stadt hat genug kritische Masse, dass sie ein Goethe-Institut verdient hat.------------------------------Was wird an diesem Tag vermittelt? Deutschland - die Spaßwalze Europas, ein zweites Jamaika?------------------------------Foto: Das im Mai 1945 eröffnete Opernhaus von Nowosibirsk. Hier wurde am Wochenende die Eröffnung der dritten russischen Filiale des Goethe-Instituts gefeiert.

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