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NS-Verbrechen in Polen: Was mein Großvater im Krieg tat, verfolgt mich bis heute

Der Großvater unserer Autorin arbeitete im besetzten Polen für die Nazis. Sie begibt sich auf die Spurensuche – doch die Frage nach seiner Schuld bleibt.

Andrea-Yvonne Müller
9 Min
Soldaten der deutschen Wehrmacht bei einer Parade in Warschau, 1939

Soldaten der deutschen Wehrmacht bei einer Parade in Warschau, 1939

© Everett Collection/imago

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Mein Großvater – er hieß Otto Berger – heuerte gleich nach dem Zweiten Weltkrieg bei den Sowjets an, weil er perfekt Russisch sprach. Dann wurde er aber ziemlich schnell wieder entlassen. Er hatte sein Fähnchen schlicht nach dem Wind gedreht, nach denen, die den Krieg gewonnen hatten.

Es ist davon auszugehen, dass er zuvor mithalf, Polen aus ihren Häusern und Wohnungen zu vertreiben. Mein Großvater war im Auftrag der Nazis ins Katasteramt von Wągrowiec geschickt worden. Das ist eine Kleinstadt in der Nähe von Poznan. So landete seine ganze Familie während des Zweiten Weltkriegs im eroberten Polen. Sie zog von der deutschen Provinz Burg bei Magdeburg in die polnische, um Hitler in den Ostgebieten ergeben zu dienen.

„Der Opa, der war so ein Schürzenjäger“

Otto Berger hatte drei Kinder. Meine Mutter war eines davon. Über das, was in Polen geschah, bewahrte sie stets Stillschweigen. Wenn ich fragte, bekam ich stets die Antwort: „Ach, der Opa, der war so ein Schürzenjäger, deswegen wurde er zur Bewährung nach Polen geschickt.“ Und weil Oma so eifersüchtig gewesen sei und nicht geglaubt habe, dass es in Wągrowiec anders sein würde als daheim, sei sie mit den Kindern hinterhergegangen.

Das klingt harmlos; nach Ehekram eben. Doch ihre kleine Schwester, meine spätere Tante, hatte anderes zu erzählen. „Wir wohnten dort direkt am Bahnhof. Ich streunte viel herum, so auch an den Bahngleisen. Da standen die Züge, Viehwaggons, mit den Menschen. Ich hörte ihr Stöhnen, die Rufe nach Wasser.“ Meine Tante war Jahrgang 1933, war also um die zehn Jahre alt. Erst später habe sie erfahren, wohin diese Züge fuhren – nach Auschwitz. Die älteste Tochter meines Großvaters war zu dieser Zeit schon im heiratsfähigen Alter. Sie verliebte sich in Polen in einen deutschen Offizier und heiratete.

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Deportationen von Juden in den Niederlanden, 1943. Die Familie Otto Bergers wohnte am Bahnhof und hörte die Hilferufe der Deportierten.

Deportationen von Juden in den Niederlanden, 1943. Die Familie Otto Bergers wohnte am Bahnhof und hörte die Hilferufe der Deportierten.

© United Archives/imago

Beide sah ich in meinem Leben sehr selten; sie wohnten im Westen. Ich wuchs in der DDR auf. Kontakte waren unerwünscht; manchmal kamen Westpakete mit Kaffee, Orangen und Schokolade, mit Sammelbildchen. Dass die Familie in Ost und West zerteilt wurde, hatte mit der deutschen Teilung zu tun, vor allem aber mit der Nazi-Vergangenheit meines Großvaters.

Leider ist es unglaublich kompliziert, zu ergründen, wie schwer seine Schuld wiegt. Das Hochzeitsfoto seiner ältesten Tochter vom Februar 1944 zeigt neben meiner Großmutter einen Mann in SS-Uniform. Den Schulterstücken zufolge ist es ein hoher Offizier. Allerdings wird heute in der Familie behauptet, der Mann auf dem Foto sei nicht der Opa. Bedauerlicherweise tauchte das Foto erst auf, nachdem meine Mutter und meine beiden Tanten verstorben waren. Ich kann niemanden mehr fragen, der direkt dabei gewesen ist.

Aus den Unterlagen des Großvaters geht jedoch hervor, dass er genau das war – ein Offizier. Er war Mitglied der NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps), einer paramilitärischen Unterorganisation der NSDAP. Während des Zweiten Weltkrieges war diese Organisation – im Rahmen der Umsetzung und Legitimierung des „Generalplans Ost“ in großem Ausmaß an den Deportationen von Juden und dem Holocaust beteiligt.

Bevor mein Großvater vor diesem Hintergrund nach Wągrowiec geschickt wurde, war er im Katasteramt in Burg beschäftigt. In einem Bewerbungsschreiben für eine Neuanstellung nach dem Krieg findet sich dieses Zitat von ihm: „Mit dem 1. April 1940 wurde ich durch die Regierung Magdeburg an die Regierung Hohensalza zwecks Aufbau der Katasterämter im Osten abgeordnet und dem Katasteramt Wongrowitz zugeteilt. Meine Arbeit bestand in der Überprüfung der poln. Mutterpausen-Neumessung-Fortschreibungen, Berichtigung Ergänzung der Flurbücher.“

„Lerne gehorchen, wenn du einmal befehlen willst“

1943 – auch das geht aus dem Schreiben meines Großvaters hervor – wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Hier soll er am Russland-Feldzug beteiligt gewesen sein. Üble Geschichten davon, wie Dörfer systematisch und ohne Rücksicht auf die Bevölkerung nach Lebensmitteln durchsucht wurden, werden auch heute, 80 Jahre nach Kriegsende, nur hinter vorgehaltener Hand in der Familie erzählt. Die Tagebücher meines Großvaters wurden vernichtet; es gibt nur noch einzelne Blätter aus früheren Jahren. Allerdings findet sich darauf ein bemerkenswerter Satz: „Lerne gehorchen, wenn du einmal befehlen willst.“

Soldaten der Wehrmacht pausieren vor den brennenden Häusern einer russischen Stadt, 1941.

Soldaten der Wehrmacht pausieren vor den brennenden Häusern einer russischen Stadt, 1941.

© GRANGER Historical Picture Archive/imago

Seine „Arbeit“ in Polen bekam mein Opa wohl aufgrund seiner brillanten Russischkenntnisse. Er hatte 1925 eine Prüfung in russischer Sprache an der Universität in Halle abgelegt. Der Mann, den ich in meinem Leben nie kennenlernte, muss sehr sprachbegabt gewesen sein – auch Polnisch habe er schon bald fließend gesprochen.

In Wągrowiec bewohnte er mit seiner Familie ein kleines Haus. Ich fragte mich bei meinen Recherchen, ob dort zuvor jemand anders gelebt hatte und ob mein Großvater die Bewohner damals selbst herausgeworfen hatte oder herauswerfen ließ, um darin zu wohnen. In der polnischen Kleinstadt wurde während des Krieges nach offiziellen Angaben ein Drittel der Bevölkerung – vor allem Juden – aus ihren Wohnhäusern verjagt und deportiert. Viele starben. In dieser Zeit war die Stadt von den Deutschen in Eichenbrück umbenannt worden.

Meine Cousinen sagen, unser Opa habe das Haus dort selbst errichtet. Im Katasteramt Wągrowiec konnte ich auf eine Nachfrage hin keine befriedigende Antwort erhalten. Man schrieb mir, dass es schwierig sei, alle historischen Dokumente zu durchsuchen. So wandte ich mich an das örtliche Heimatmuseum. Hier erhielt ich schnell Antwort: „Ich habe auch keine Grundlage, um Ihre Annahmen hinsichtlich der Beteiligung Otto Bergers an der Vertreibung der polnischen Bevölkerung zu bestätigen. Seine Kompetenzen und der von Ihnen angegebene Beschäftigungsort (Katasteramt) können darauf hinweisen, aber um dies zu bestätigen, wäre es notwendig, eine Bestätigung in Dokumenten aus polnischen oder deutschen Archiven zu finden“, so Marcin Moeglich.

Die deutschen Archive lassen auf sich warten

Also wandte ich mich an die deutschen Behörden. Das Bundesarchiv-Militärarchiv antwortete auf meine Anfrage hin, dass die verwahrten Unterlagen zur Verleihung von Kriegsauszeichnungen sowie die wehrmachtgerichtlichen Unterlagen für die Zeit des Zweiten Weltkrieges, die im Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv vorhanden sind, geprüft worden seien. Meinen Großvater betreffend haben keine Unterlagen ermittelt werden können. Es wurde aber eine Empfehlung gegeben, einen Rechercheauftrag für eine personenbezogene Recherche zu Unterlagen des Bundesarchivs über Militärangehörige mit Benutzerantrag zu stellen.

Der Antrag läuft nun seit Anfang Februar. Bisher wurde nur der Eingang bestätigt. Weitere Nachfragen zum Stand der Bearbeitung werden von vornherein ausgeschlossen. „Bitte sehen Sie von Nachfragen zum Stand der Bearbeitung ab. Sie erhalten nach Abschluss der Bearbeitung unmittelbar unsere Antwort“, heißt es in der betreffenden Mail.

Sowjetischer Soldat in Magdeburg. In der Provinz Burg bei Magdeburg hatte Otto Berger mit seiner Vergangenheit wenig Aussicht auf eine Karriere in der sowjetischen Besatzungszone.

Sowjetischer Soldat in Magdeburg. In der Provinz Burg bei Magdeburg hatte Otto Berger mit seiner Vergangenheit wenig Aussicht auf eine Karriere in der sowjetischen Besatzungszone.

© Knorring/imago

Es ist jedoch aufgrund der Nachkriegs-Geschichte meines Opas davon auszugehen, dass er nicht nur ein „einfacher Mitläufer“ war. Die Rote Armee, in die er nach dem Krieg und Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft als Dolmetscher vermittelt worden war, entließ ihn bald wieder. Darauf hin bewarb er sich, inzwischen im Alter von 53 Jahren, im Jahr 1947 bei der Verwaltung in Burg, die ihn jedoch mit Hinweis auf die gesetzlichen Bestimmungen – dem Verbot der Beschäftigung von Alt-Nazis im Zuge der Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone – abwies.

Meinem Opa muss in diesem Moment klar geworden sein, dass er im Osten keine Karrieremöglichkeiten mehr hatte, verließ daraufhin Familie und Burg, um in den Westen Deutschlands zu gehen, der es mit der Entnazifizierung nicht so genau nahm. Hier landete er in Karlsruhe.

Die Familie im Osten der heutigen Bundesrepublik sagt, er habe dort beim Bundesnachrichtendienst gearbeitet. Die Familie im Westen verneint das. Eine Anfrage beim BND half auch nicht weiter. Man habe keine „Fundstellen“ zu Otto Berger ausmachen können. „Leider war in der Frühzeit der BND Geschichte die Aktenführung noch nicht sehr organisiert, was insbesondere für Außenstellen (hier Gehlen, d.A.) galt. Falls es Aktenunterlagen dann zu Otto Berger gab, ist es leider auch wahrscheinlich, dass diese dann nicht geregelt aufgehoben worden waren.“

Seine Aktivität während des Krieges, so wird eingeräumt, mache es durchaus wahrscheinlich, dass der Nachrichtendienst sich für seine Kenntnisse und Sprachfähigkeiten interessiert haben könnte. „Leider lässt sich eine Zusammenarbeit oder Beschäftigung nicht mehr verifizieren oder mit Sicherheit ausschließen“, lautet abschließend die Einschätzung vom Bundesnachrichtendienst.

Gedenken zum Ende des Zweiten Weltkrieg vor 80 Jahren am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow

Gedenken zum Ende des Zweiten Weltkrieg vor 80 Jahren am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow

© Thomas Meyer/Ostkreuz

Für seine Enkel in der DDR interessierte er sich nicht

Otto Berger starb 1980 in einem Karlsruher Altersheim. Er hat sich nie für seine Kinder und Enkel in der DDR interessiert. Er kam nicht einmal zu Besuch, um uns kennenzulernen. Wahrscheinlich konnte er das aufgrund seiner Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg nicht; vielleicht hätte er hier im Osten zu DDR-Zeiten Schlimmes für sich befürchten müssen. Nur er selbst wusste genau, was er damals getan hatte. Im Westen blieb er ungeschoren.

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All das ist lange her. Und doch sind die Wunden nicht geschlossen; im Gegenteil. Aus meiner Sicht klaffen sie weit auf. Die Ereignisse jetzt zum 80. Jahrestag des Kriegsendes und der Zerschlagung Nazi-Deutschlands, der unterschiedliche Umgang heute mit den westlichen Alliierten auf der einen Seite und der Roten Armee auf der anderen Seite ist zutiefst erschütternd. Deren Opfer und Verdienste sind genauso zu würdigen wie die der Amerikaner, der Engländer und der Franzosen.

Rund 27 Millionen Sowjetbürger mussten im Zweiten Weltkrieg sterben. Viele von den Menschen starben als Soldaten, damit das Sterben endlich aufhört. Ich muss leider davon ausgehen, dass auch mein Großvater in diesem Krieg schwere Schuld auf sich geladen hat – vor allem in Polen und auf dem Territorium der früheren Sowjetunion.

Andrea-Yvonne Müller wuchs im thüringischen Gotha auf, machte ihr Abitur an der Kinder- und Jugendsportschule in Zella-Mehlis und studierte nach der Schule in Leipzig Journalistik. Sie arbeitete 34 Jahre bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Darüber hinaus ist sie Buchautorin und Übersetzerin aus dem Polnischen.

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