In Berlin kostet jedes zweite WG-Zimmer inzwischen mehr als 650 Euro im Monat. Louna Guivarch zahlt für ihre 45 Quadratmeter samt Schwimmbad keinen Cent.
Die 18-Jährige wohnt seit Juli in der Seniorenresidenz La Calypso im französischen Brest. Wasser und Strom sind inklusive, den Fitnessraum darf sie mitbenutzen. Das zeigte ein Beitrag der TF1-Abendnachrichten vom 16. September.
Die Gegenleistung: 15 Stunden pro Woche.
Einkaufen mit Yvonne, Quiz am Nachmittag
In dieser Zeit ist Guivarch für die anderen Bewohner da. Sie begleitet Senioren zum Supermarkt, darunter die 86-jährige Yvonne, und stellt Nachmittagsprogramme wie ein Quiz auf die Beine.
Parallel beginnt sie in Brest eine zweijährige Fachausbildung, das französische BTS. Zahlen müsse sie nur noch ihr Essen, sagte sie dem Sender. Für sie sei das Angebot eine Chance.
Hinter dem Modell steht der Residenzbetreiber Domitys. Sein Programm „Générations Part’Âges“ bringt seit 2017 Studierende mietfrei in Seniorenresidenzen unter.
Mietfrei gegen Hilfe: Lohnt sich der Deal?
15 Wochenstunden ergeben rund 65 Stunden im Monat. Zum deutschen Mindestlohn von 13,90 Euro wären das gut 900 Euro. Für eine Zweizimmerwohnung mit Pool klingt das fair, zumal in Berlin kaum eine WG-Anzeige mit Schwimmbad wirbt.
Streng nach deutscher Faustregel legt Guivarch sogar drauf. Hierzulande gilt meist eine Stunde Hilfe pro Quadratmeter und Monat. Für ihre Wohnung wären das 45 Stunden.
Einen Mietvertrag hat sie übrigens nicht. Der Pariser Anwalt Reda Kohen ordnet das Modell als Gebrauchsleihe ein: Die Wohnung wird überlassen, nicht vermietet.
Wohnen für Hilfe in Berlin: Neue Anlaufstelle seit Juni
Seit Juni hat auch Berlin eine eigene Koordinierungsstelle „Wohnen für Hilfe“, beauftragt von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Betrieben wird sie vom gemeinnützigen Verein Sonay soziales Leben.
Das Angebot richtet sich laut Senat an alle Berlinerinnen und Berliner, eine feste Altersgruppe gibt es nicht. Die Stelle berät beide Seiten, vermittelt Wohnpartnerschaften und bleibt auch danach ansprechbar.
Erreichbar ist sie per Mail an [email protected] oder telefonisch unter 030 47906585.
Wie viel Hilfe pro Quadratmeter?
Laut Deutschem Studierendenwerk zahlen Wohnpartner meist nur die Nebenkosten. Pflegerische und medizinische Aufgaben sind tabu. Wer beim Einkaufen hilft, wird dadurch nicht zum Pflegedienst.
Wie das konkret aussieht, zeigt die Börse des Studierendenwerks West:Brandenburg. Ab Oktober ist dort eine möblierte 40-Quadratmeter-Souterrainwohnung in Zehlendorf ausgeschrieben. Gesucht werden 30 Stunden Hilfe im Monat, etwa beim Einkaufen und bei Arztterminen.
Studentisches Wohnen in Berlin: Warum der Druck steigt
Studierende mit eigenem Haushalt geben laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 54 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aus. Die Hälfte hat weniger als 963 Euro im Monat.
In den vier Millionenstädten ist ein WG-Zimmer laut Moses Mendelssohn Institut zuletzt um 23 Euro auf durchschnittlich 692 Euro teurer geworden.
Der Dachverband der Studierendenwerke bremst die Euphorie trotzdem. Wohnen für Hilfe sei nur eine Ergänzung, gebraucht würden vor allem mehr Wohnheimplätze.
Guivarch jedenfalls hat ihren Platz gefunden. Nach der Ausbildung will sie weiter mit älteren Menschen arbeiten, erzählte sie in dem Beitrag. Die Quizfragen dürften ihr so schnell nicht ausgehen.
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