KAIRO. Ägyptens Hauptstadt war noch nie so schön wie gestern. Frisch gestrichene Häuser und Bänke, neu bepflanzte Blumenbeete und vor allem kein Müll. Zumindest nicht in der Nähe der Kairoer Universität, in deren Kuppelsaal US-Präsident Barack Obama gestern seine Rede an die Muslime hielt. "Ich habe die Uni kaum wiedererkannt", sagt etwas spöttelnd Ahmed, der dort Politologie studiert. Ahmed gehört zu den wenigen hundert ausgewählten Studenten, die sich Obamas Rede in der großen Halle der Universität live anhören dürfen. "Wir haben im Studium gerade die Politikstrategien des US-Präsidenten behandelt", sagt seine Kommilitonin Sina. Jetzt ist sie gespannt, wie der Präsident es anstellen wird. "Er will uns ja schließlich überzeugen! Uns auf seine Seite ziehen!" Dann verschwinden sie in den oberen Rängen der prachtvollen vergoldeten Kuppelhalle.Das Weiße Haus twittert die Rede in alle WeltBarack Obama betritt die Bühne und winkt dem Publikum lässig zu. Im Parkett sitzt alles, was in Ägypten Rang und Namen hat: Schauspielerin Youssra neben den Gelehrten der Al Azhar-Universität und allen Ministern des Kabinetts. Präsident Husni Mubarak selbst ist nicht gekommen, dafür aber sein Sohn und potenzieller Nachfolger Gamal Mubarak. Einen speziellen Gruß schickt Obama in die oberen Ränge und die Studierenden winken begeistert zurück. Sie sind seine Zielgruppe. Die Jugend der islamischen Welt will er für einen Neuanfang gewinnen. Deshalb wird die Rede auch nicht nur von allen großen Fernsehstationen live in die arabischen Wohnzimmer gesendet, das Weiße Haus verschickt die Rede auch per Twitter.Schon mit seinen ersten Worten gewinnt Obama die Herzen seiner Zuhörer: Denn er begrüßt sie mit dem islamischen Gruß Assalamu Aleikum, also "Friede sei mit euch". Noch mehrmals flicht der US-Präsident, dessen Vater und Stiefvater muslimisch erzogen wurden und der mit zweitem Vornahmen Hussein heißt, Koranzitate in seine Rede. Als Obama auf den muslimischen Propheten Mohammed zu sprechen kommt, schickt er ein "Friede sei mit ihm" hinterher. Diese Segensformel, die Salawa, sprechen Muslime immer dann aus, wenn sie den Namen Mohammeds nennen. Sein Anliegen, den Neubeginn des Verhältnisses zwischen den Muslimen und den USA, verpackt Obama also in feine Gesten der Hochachtung."Natürlich, das hätte ich auch gemacht, wenn ich diese Rede geschrieben hätte", kommentiert die Politikstudentin Sina: "Aber er hat die Zitate so ehrlich herübergebracht. Das hat mich überzeugt". Ihr gefallen auch die Passagen der Rede, in denen er über das Zusammenleben der Menschen verschiedener Religionen spricht. "Es war gut, dass er Konfliktthemen, die unser Zusammenleben in der Vergangenheit erschwert haben, angesprochen hat und dass Mut und Anstrengung dazugehört, wenn man einen Neuanfang machen und in Zukunft nach vorne schauen möchte", sagt sie.Studentenaustausch angekündigtIm Mittelteil seiner Rede handelt Obama die heiklen Themen ab: Den Kampf gegen bewaffneten Extremisten, den Krieg in Afghanistan, den er als notwendig für die Internationale Sicherheit beschreibt und den Krieg im Irak, den er als "willentlich eingegangen" bezeichnet. Er spricht sich für eine Zweistaatenlösung in Nahost aus und fordert Israel zum Stopp des Siedlungsbaus auf. "Ich fand es sehr gut, dass er so deutlich die Gründe für die Unterstützung der USA für Israel genannt hat und natürlich auch, dass er sich bekannt hat, die Palästinenser zu unterstützen", sagt Hassan, Student der Wirtschaftswissenschaften. "Aber er hat nichts Neues gesagt", wirft sein Kommilitone Hatem ein: "Das war der schwächste Punkt der Rede: Er hat nicht gesagt, wie er konkret den Palästinensern zu ihrem Staat verhelfen will", sagt er.Barack Obama kündigt anschließend ein großes neues Programm mit Stipendien und Studentenaustausch an. "Das hat mir am besten gefallen, weil es so konkret war", sagt der Medizinstudent Hatem. Andere Studenten kommen hinzu: Jeder hat einen anderen Punkt, den er hervorhebt und am Ende fasst Sina zusammen: "Diese Rede enthielt so viele Punkte, dass für jeden etwas dabei ist, was ihm gefällt". Präsident Obama tritt der muslimischen Welt mit einem Strauß an Ankündigungen, Versprechen und Bekenntnissen entgegen, liebevoll verpackt in freundlichen Formulierungen und ein paar Koran-Zitaten. "Ich bin mir sicher, die Araber werden ihn lieben", sagt Sina.------------------------------REAKTIONEN"Obama hat es in dieser Rede geschafft, das alte Bild von Amerika als ein Versprechen für die gesamte Menschheit zu erneuern."Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller"Sein Erfolg wäre ein Erfolg für den Weltfrieden, würde das Verhältnis zwischen muslimischen Ländern und dem Okzident stabilisieren und läge im Interesse Europas, Deutschlands und der jüdischen Gemeinden rund um den Globus. "Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland"Eine bemerkenswerte Rede, die zweifellos eine neue Seite in den Beziehungen zur arabisch-muslimischen Welt öffnen wird."Javier Solana, Außenbeauftragter der EU"Es ist das erste Mal, dass ein US-Präsident die Hamas direkt anspricht und versucht, sie in die Verantwortung zu nehmen."Muriel Asseburg, Nahost-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik"Indem er das Recht der Palästinenser auf ein Leben in Würde anerkannt hat, wählt Obama einen Weg, der in eine ganz andere Richtung führt als der Weg, den frühere US-Regierungen gewählt haben."Mohammed al-Saadi, Vize-Generalsekretär der jemenitischen Islamisten-Partei Islah"Wir danken Obama für diese historische Friedensbotschaft."Scheich Ahmed Badreddin Hassun, Mufti von Syrien------------------------------Iran gibt sich hasserfülltDas geistliche Oberhaupt des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, hat kurz vor der Rede des US-Präsidenten die Vereinigten Staaten scharf angegriffen. "Die Nationen in diesem Teil der Welt ... hassen die USA zutiefst", sagte Chamenei gestern in einer im Fernsehen übertragenen Rede. "Auch wenn sie süße und schöne Reden vor den muslimischen Ländern halten, ändert dies nichts." Auf Worte müssten auch Taten folgen, forderte Chamenei.US-Präsident Obama ging auf diese Attacke in seiner Rede nicht ein. Er sagte, der Atomstreit mit dem Iran habe einen entscheidenden Punkt erreicht. Die USA seien in dieser Frage bereit, ohne Vorbedingungen voranzugehen. Zugleich gestand Obama Teheran das Recht zur zivilen Nutzung der Atomenergie zu.Die USA und andere westliche Staaten verdächtigen Irans Führung, heimlich am Bau von Atomwaffen zu arbeiten. Teheran erklärt zu den Vorwürfen stets, er habe das Recht auf zivile Nutzung der Atomkraft.------------------------------Foto: Inszenierte Idylle: Eine muslimische Familie in Indien beklatscht die Rede des amerikanischen Präsidenten.------------------------------Foto: Inszenierte Militanz: Vermummte palästinensische Kämpfer verfolgen Obamas Rede in Gaza regungslos.
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