Es schon lange her, dass es beim Thema Afghanistan so viel Einigkeit gab wie nach der Vorstellung der "Afpak"- Strategie von US-Präsident Barack Obama. Selbst in Pakistan, wo sonst jeder Schritt Washingtons voller Misstrauen seziert wird, lobte man die geplanten zivilen Projekte. Afghanistans Präsident Hamid Karzai, der mit der neuen Regierung in Washington längst über Kreuz geraten ist, kann ebenfalls nichts Schlechtes an dem Plan entdecken, der Tausende Soldaten und zivile Helfer an den Hindukusch verpflanzen soll.Kein Wort kommt freilich aus dem Staat, der wie kaum ein anderer während der vergangenen Jahre von den Milliardenhilfen profitiert hat - und für den der neue Obama-Plan mitten in der Weltwirtschaftskrise ein unerwartetes Konjunkturpaket bedeuten könnte. Die Rede ist vom Golfstaat Dubai. Dort haben afghanische Funktionäre, Politiker, Generäle und Drogenhändler die Vermögen angelegt, die sie in ihrer Heimat abgezweigten und dank der Auslandshilfe der vergangenen Jahre anhäuften. Geht es so weiter wie bisher, können sie sich gerechtfertigte Hoffnungen auf die weitere Vermehrung ihres Vermögens machen. Denn auch die schönen Pläne Obamas dürften nichts anderes als ein gigantisches Stimuluspaket für Korruption werden. Gegenwärtig wird kaum ein Hilfsprojekt in die Praxis umgesetzt, wenn nicht vorher etwas für die involvierten "afghanischen Partner" abgefallen ist.Was für Afghanistan gilt, stimmt für Pakistan schon lange. Islamabad führte schon in den Achtzigerjahren vor, wie man von ausländischer Hilfe profitiert, ohne etwas zu verbessern. Von den sechs Milliarden US-Dollar, die Washington damals für die Gotteskrieger bereitstellte, floss ein erklecklicher Teil in die Kassen der Generäle. Sie hatten schließlich durchgesetzt, dass nur sie die Hilfe verteilen durften. Erst im vergangenen Jahr ließ Islamabad sich mit tatkräftiger Unterstützung der "Freunde des demokratischen Pakistan" zunächst vor dem wirtschaftlichen Bankrott retten - um anschließend schleunigst die versprochenen Reformen im Land zu begraben.Es gibt ernst zu nehmende Fachleute, die überzeugt sind, dass Islamabad die radikalislamischen Talibanmilizen in Afghanistan aus finanziellem Eigeninteresse unterstützt. Solange die Nato wegen des Kriegs am Hindukusch bleibt, so argumentieren sie plausibel, solange wird es auch "finanzielle Stabilisierungsmaßnahmen" und Hilfe für Pakistan geben. Schließlich versiegte der Geldfluss Ende der 80er-Jahre in dem Augenblick, in dem Moskaus Truppen Afghanistan verließen. Seit damals laviert Islamabad mal mehr, mal weniger am Rande des Staatsbankrotts. Pakistans Militärs, die zwar die Atombombe besitzen, aber keine Verbandspäckchen für die eigenen Soldaten haben, müssten ohne die westlichen Zahlungen für die Beteiligung am Krieg gegen den Terror die meisten ihrer ehrgeizigen Modernisierungspläne verwerfen.Obamas hochfliegende Pläne haben keinen Sinn, solange dem allgemeinen und bestens organisierten Diebstahl der vergangenen Jahre in der Krisenregion kein schnelles Ende bereitet wird. Die Erfüllung dieser Aufgabe ist komplizierter als das ohnehin schwierige Vorhaben, Al Kaida zu zerschlagen. Dazu müsste im Fall Afghanistan die komplette Struktur der bisherigen Militär- und Aufbauhilfe überprüft und neu gestaltet werden. Das ist trotz aller Beteuerungen der Allierten sehr unwahrscheinlich.
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