Oberbürgermeister will tote Soldaten ruhen lassen - und stößt auf Kritik

Massengrab wird nicht geöffnet

Martin Klesmann
4 Min

FRANKFURT (ODER). Auf einem schäbigen Gelände unweit des Polizeipräsidiums von Frankfurt (Oder) werden die Gebeine von mindestens 1 300 deutschen Wehrmachtssoldaten vermutet - begraben unter Asphalt, Betonplatten und Unkraut. Das verborgene Massengrab haben der Stadthistoriker Joachim Schneider und Rolf Hübner vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge anhand sowjetischer Akten nachgewiesen. Niemand zweifelt dies an, doch der Umgang mit dem Fund stürzt Frankfurt (Oder) in einige Nöte.Oberbürgermeister Martin Patztelt (CDU) hat jetzt vorgeschlagen, "die Toten in Frieden ruhen zu lassen". Zuordnen ließen sie sich ohnehin kaum noch. Der gläubige Katholik schlug weiter vor, eine Gedenkplatte auf dem Ödland anzubringen. Außerdem plant er, die zentrale Frankfurter Gedenkfeier zum Volkstrauertag dieses Jahr dort stattfinden zu lassen. So will die Stadt vermeiden, das Massengrab zu öffnen. Nicht zuletzt wohl, weil eine umfassende Suchaktion nach Schätzungen über eine Million Euro kosten würde. Dagegen protestiert nun Rolf Hübner von der Kriegsgräberfürsorge: "Das ist Bauland. Da kann man doch keine Kriegstoten liegen lassen", sagt Hübner empört. "Wir sind doch ein Kulturstaat ."Die deutschen Soldaten waren zumeist während des strapaziösen Rücktransports aus sowjetischer Gefangenschaft gestorben oder im damaligen Frankfurter Auffanglager umgekommen. Sie waren in den Jahren 1946 bis 1950 eilig verscharrt worden. Bei der Auflösung des Friedhofes zu Beginn der 70er-Jahre hatten es die DDR-Behörden dann schlicht versäumt, auch diese Gebeine auf den Frankfurter Hauptfriedhof umzubetten. Nach der Wende übernahm eine Hamburger Firma das Gelände, das zuletzt als Lagerfläche genutzt worden war. Schon Anfang der 90er-Jahre sollen Kanalarbeiter dann bei Grabungsarbeiten auf menschliche Skelettteile gestoßen sein. Die Firma ist inzwischen insolvent. Doch eine Skizze mit Lageplan, in dem die Knochenfunde eingezeichnet waren, erreichte den Historiker Joachim Schneider schon vor Jahren. Eine anonyme Zuschrift ohne Absender.Noch keine Suchanfragen"Das war der Auslöser für unsere Untersuchungen", sagt Schneider. Mit Hilfe der Namenslisten aus dem Moskauer Militärhauptarchiv konnten Schneider und seine Mitstreiter nachweisen, dass über 3 000 deutsche Kriegsheimkehrer in den ersten Nachkriegsjahren auf dem Friedhof an der Liechtenberger Straße begraben wurden. Umgebettet wurden aber nur die Gebeine von etwa 1 800 Heimkehrern. Nach den Berechnungen von Schneider liegen die Gebeine von genau 1 377 deutschen Soldaten unter der Brache. Eigentlich rechnet Schneider sogar mit einer noch höheren Zahl. "Für das Jahr 1945 fehlen uns die Akten, obwohl gerade in dieser Zeit viele Heimkehrer verstorben sein müssten", sagt Schneider. Denn die Sowjets haben zunächst die schwer kranken, arbeitsunfähigen Wehrmachtssoldaten entlassen. Genau diese Menschen aber hätten den Transport häufig nicht überlebt.Hinterbliebene haben wegen des wahrscheinlichen Massengrabes aber noch keine neue Vermissten-Suchanfragen gestellt. Weder beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in München noch beim Volksbund. "Es gab nur vereinzelte Nachfragen", sagt Heinrich Rehberg vom DRK-Suchdienst. "Die direkten Verwandten interessiert meist, wie der Vermisste zu Tode gekommen ist." Im Falle der Kriegsheimkehrer, die in Frankfurt (Oder) starben, habe man die Todesumstände meist schon in den vergangenen Jahrzehnten relativ genau beschreiben können.Nach bald sechzig Jahren lassen sich die Gebeine nur noch schwer zuordnen, zumal die Heimkehrer keine Erkennungsmarken mehr gehabt haben. Und DNA-Vergleiche mit Menschenknochen sind besonders aufwändig und kostspielig, sagen Experten. Das Bauland indes ist mit einem vermuteten Massengrab praktisch wertlos geworden.------------------------------Auffanglager Frankfurt (Oder)Lager 69: Der sowjetische Geheimdienst NKWD betrieb zwischen 1945 und 1950 ein Auffanglager für deutsche Soldaten, die aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrten - das Lager 69. Viele geschwächte Heimkehrer starben auf dem Transport oder im Lager.Friedhof: Insgesamt 1,2 Millionen deutsche Kriegsheimkehrer passierten das Frankfurter Lager. Im Jahr 1946 starben besonders viele entkräftete Heimkehrer in dem Lager. Begraben wurden sie auf einem nahen Friedhof, der schließlich 1974 aufgegeben wurde.Umbettung: Bei der Umbettung Anfang der 70er-Jahre wurde das vermutete Massengrab nicht berücksichtigt. Es war wohl auch nicht in Karten eingezeichnet und zu DDR-Zeiten ein Tabuthema. Heute gelten noch 1,5 Millionen deutsche Soldaten als im Kriege vermisst.------------------------------Foto: Unter diesen Betonplatten wird ein Massengrab vermutet: Die Gebeine von mindestens 1 300 deutschen Kriegsheimkehrern sollen hier liegen.

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