Oberst Alexander Kirsanow war der erste Chefredakteur der Zeitung. Sein Nachfolger Rudolf Herrnstadt machte eine steile Karriere. Dann wollte er Reformen und fiel in Ungnade.

Der Bär bleibt!

Thomas Leinkauf
5 Min

Bis zur Wende 1989 hatte die Berliner Zeitung zehn Chefredakteure. Manche blieben nur ein paar Wochen auf ihrem Posten, andere viele Jahre. Einer verschwand später wegen "parteifeindlicher Aktivitäten" von der politischen Bildfläche, ein anderer stieg ins Politbüro der SED auf. Neun der zehn Chefredakteure waren Deutsche, aber aus der Taufe hob die Zeitung am 21. Mai 1945, nur wenige Tage nach Kriegsende, ein russischer Offizier, Oberst Alexander W. Kirsanow.Kirsanow, ein Sohn ungebildeter Bauern, hatte Volkswirtschaft studiert und vor dem Krieg am Institut für Weltwirtschaft und Weltpolitik gearbeitet. Als 19-jähriger Student beschäftigte er sich erstmals mit der deutschen Sprache. Seine Deutschkenntnisse vertiefte er 1941 bei gefangenen deutschen Soldaten während seiner Zeit als Politoffizier im Kriegsgefangenenlager "Potma".Schon im Dezember 1944 hatte Kirsanow den Auftrag bekommen, gleichzeitig mit dem Einzug der Roten Armee in Berlin eine Zeitung für die Bevölkerung zu gründen. Als er am 18. Mai in der Stadt eintraf, stand zumindest der Titel schon fest, der so einfach wie überzeugend war: Berliner Zeitung. Druckerei und Papier waren genehmigt. Als Mitarbeiter standen fünf junge russische Offiziere bereit, auch ein paar deutsche Antifaschisten, unter ihnen der spätere Filmemacher Konrad Wolf.Kirsanow schildert die ersten Stunden: "Schließlich stand die Frage, wann mit der Herausgabe der Zeitung begonnen werden soll. General Galatschew sagte: 'Alles, was Sie zur Herausgabe einer Zeitung brauchen, haben Sie. Ich denke, die erste Nummer sollte am 20. Mai erscheinen.' Wohlgemerkt, das war in den Morgenstunden des 19. Mai. Ich erwiderte, dass ich noch keine Vorstellungen hätte... dass ich letztlich noch nicht wüsste, woher wir aktuelle Informationen bekommen sollten, und dass auch der Vertrieb der Zeitung organisiert sein will. Der General dachte etwa eine Minute nach und sagte dann: 'Na gut, ich bin einverstanden. Beginnen Sie mit der Herausgabe nicht am 20., sondern am 21.Mai!'" So geschah es.Kirsanow leitet das Blatt zwei Monate, übernahm dann die "Tägliche Rundschau". Die Berliner Zeitung ging an die deutschen Behörden, neuer Chefredakteur wurde Rudolf Herrnstadt. Es war die Zeit des Vier-Mächte-Status der Stadt, Herausgeber wurde der Berliner Magistrat.----Herrnstadt, Sohn eines Rechtsanwalts und SPD-Stadtverordneten, war bereits vor und während des Krieges journalistisch tätig. Nach zwei Jahren als Umbruchredakteur bei Theodor Wolffs linksliberalem "Berliner Tageblatt", ging er für die Zeitung als Korrespondent nach Prag - hier lernte er unter anderem Egon Erwin Kisch kennen -, später nach Warschau, bevor er nach Hitlers Machtantritt nach Moskau emigrierte, wo er als Chefredakteur die Zeitung "Freies Deutschland" leitete. Wolfgang Leonard, damals ein jugendlicher Mitarbeiter Herrnstadts, schrieb später, ihm seien besonders dessen "außerordentliche Intelligenz" und sein "westlicher Habitus" aufgefallen. Im Mai 1945 kehrte Herrnstadt nach Deutschland zurück.Während Herrnstadts Chefredaktion wurde das Rheinische Format mit dem Bärenwappen auf der Titelseite eingeführt, beides hat bis heute Bestand. 1947 schied der Magistrat offiziell als Herausgeber der Zeitung aus. Der Beginn des kalten Krieges traf auch die Berliner Zeitung. Gegen die Verwendung des Bärenwappens klagte der Magistrat in erster Instanz erfolgreich. In zweiter Instanz gewann der Berliner Verlag und titelte am 11. November 1948: "Der Bär bleibt". Im Folgemonat wurden alle Exemplare der Zeitung im amerikanischen Sektor beschlagnahmt.Am 19. November 1948 veröffentlichte Herrnstadt im Neuen Deutschland unter der Überschrift "Über die Russen und über uns" einen Text, der ihn schlagartig bekannt machte. Die Stimmung für die Sowjets hatte zu diesem Zeitpunkt einen Tiefpunkt erreicht: Ihre Zone wurde bolschewisiert, West-Berlin mit einer Blockade überzogen; die Erinnerung an vergewaltigende und stehlende Rotarmisten, Verhaftungen und Lager, die den Sowjets anhing, überdeckte die Befreiung vom Nationalsozialismus. Die Rote Armee "kam in klobigen Stiefeln, an denen der Dreck der Historie klebte", schrieb Herrnstadt, "entschlossen, entzündet, gewarnt, geweitet, in Teilen auch verroht - jawohl, in Teilen auch verroht." So hatte vorher noch niemand im Parteiorgan geschrieben. Und auch nicht danach. Herrnstadt mied in seinen Texten Funktionärsdeutsch, schrieb klar und offen, wenn er Bürokratie, Dogmatismus und andere Erscheinungen des Systems kritisierte. Das System selbst stellte der Kommunist aber nicht in Frage. Walter Ulbricht ließ ihn zunächst gewähren.1949 wechselte Herrnstadt als Chefredakteur zum "Neuen Deutschland", wurde Mitglied des Zentralkomitees der SED und Kandidat des Politbüros. Dem Aufstieg folgte 1953 ein tiefer Fall.Was war geschehen? Die Verhältnisse in der DDR spitzten sich Anfang der 50er-Jahre bedrohlich zu. Zusammen mit Wilhelm Zaisser, dem Minister für Staatssicherheit, hatte Herrnstadt schon 1951 begonnen, gegen den fortschreitenden Personenkult um Ulbricht und für eine Reform des Systems einzutreten. Bevor am 17. Juni 1953 der Aufstand losbrach, hatten sie innerhalb des Politbüros eine auf Veränderungen drängende Mehrheit gefunden; Ulbrichts weitere Karriere stand zur Disposition. Eine gesellschaftliche Wende schien greifbar nahe.Doch die neue Moskauer Führung entschied, Ulbricht sollte gestärkt aus der Krise hervorgehen. Herrnstadt, Zaisser und wenige andere wurden von den sich rasch unterwerfenden Opponenten, zu denen zeitweise sogar Erich Honecker gehört haben soll, abgegrenzt und einem erbarmungslosen Säuberungsprozess unterworfen.Am 17. Juni wurde Herrnstadt seines Amtes enthoben, in einer Geheimrede am 26. Juli 1953 bezichtigte Ulbricht ihn und Zaisser u. a. "aktiver fraktioneller parteifeindlicher Arbeit" und des "Liquidatorentums". Schon einen Tag zuvor hatte der Berliner Rundfunk den von Ulbricht durchgesetzten Beschluss bekannt gegeben, dass Herrnstadt und Zaisser wegen "Vorbereitung eines innerparteilichen Putsches" aus dem ZK der SED ausgeschlossen worden waren.Herrnstadt wurde nach Merseburg abgeschoben, wo ihm am 1. Oktober 1953 die Leitung des Zentralarchivs, Zweigstelle Merseburg, übertragen wurde. Vergeblich bemühte er sich in den kommenden Jahren um seine Rehabilitierung. Im Frühjahr 1965 wurde dem schon todkranken Mann auch noch der Status eines antifaschistischen Widerstandskämpfers aberkannt. Er starb 1966.------------------------------Foto: Oberst Alexander Kirsanow (vorn), Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Kirsanow und seine Mannschaft brachten das Wunder fertig, 12 Tage nach Kriegsende in der Trümmerstadt Berlin eine Zeitung auf den Markt zu bringen.------------------------------Foto: Rudolf Herrnstadt war bis 1949 Chefredakteur.

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