Hat die Notenbank ein institutionelles Interesse an der EWU-Verschiebung? Berlin. 3. September. In der Fachwelt gilt Hans Tietmeyer als ein ausgekochtes Schlitzohr. Immer dann, wenn der Bundesbankpräsident den hartnäckigen Fragen zur Europäischen Währungsunion (EWU) nicht mehr ausweicht, sondern bewußt begegnet, "legt er sich in Wahrheit niemals fest", sagt der Finanzwissenschaftler Gerold Krause-Junk, der auch Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium ist.Tietmeyers gelegentliche Äußerungen zur Einführung des Euro geben nicht nur den Börsenmaklern an den Finanzmärkten regelmäßig Anlaß zu vielerlei Spekulationen auch die Ökonomen sezieren fleißig jedes einzelne Wort des großen Hüters der Preisstabilität. Ob Tietmeyers Einlassungen ein lautes Experten-Ja oder eher ein nicht minder lautes Experten-Nein verdienen, hängt entscheidend davon ab, welchem europolitischen Lager die Wirtschaftswissenschaftler angehören. Die neueste Äußerung Tietmeyers ("Manchem Argument, wonach im Falle einer Verschiebung des Euro der europäische Himmel einstürzen würde, kann ich einfach nicht folgen") verstehen vor allem die Euro-Befürworter als Präventivschlag gegen ihre Sache.Die Bundesbank, wettert etwa Peter Bofinger, Professor für Finanzwissenschaften an der Universität Würzburg, "hat ein institutionelles Interesse an einer Verschiebung der Währungsunion". Sie wolle schlicht ihre gegenwärtige Machtstellung in Europa erhalten. Für die Notenbanker stehe viel auf dem Spiel, das System der Landeszentralbanken werde nach der Einführung des Euro überflüssig. "Warum soll die Bundesbank auch nur das geringste Interesse am Euro haben?" fragt Bofinger provokant und vermutet im Bundesbankpräsidenten einen wahren Euro-Gegner. Wer einer Verschiebung das Wort rede, sei in Wahrheit gegen die gemeinsame Währung. "Es gibt jedoch keine ökonomischen Gründe für eine Verschiebung", sagt der Finanzwissenschaftler, einer von 53 Professoren, die unlängst ein Manifest veröffentlicht hatten, das die Notwendigkeit der EWU herausstellte.Bofingers emotionale Sicht teilen nicht alle Euro-Befürworter. Tietmeyer, glaubt etwa Gerold Krause-Junk, sei "letztlich schon ein Anhänger der Währungsunion". Sicher werde es dem Bundesbankpräsidenten schwerfallen, seine mächtige Stellung in Frankfurt im Januar 1999 zu verlieren, doch sei Tietmeyer im Herzen von der Euro-Idee überzeugt. Zitate würden oftmals aus dem Zusammenhang gerissen, die Aufregung darüber sei größer, als es der Vorgang verdiene.Die Verschiebungsdebatte nennt Krause-Junk "eine Farce": "Die EWU verschieben zu wollen heißt, sie auf unabsehbare Zeit hinauszuschieben." Der Maastricht-Vertrag habe die Entwicklung eindeutig festgelegt: Im Frühjahr 1998 entscheidet der EU-Ministerrat darüber, ob die EWU am 1. Januar 1999 startet und welche Staaten an ihr teilnehmen werden. Wolle man diesen Fahrplan verändern, müsse der komplette Vertrag noch einmal auf den Tisch der EU-Staaten. "Es würde einen Wust von Neuverhandlungen geben, dessen Ende gar nicht abzusehen wäre", sagt Krause-Junk.Aber dennoch kommen Tietmeyers Äußerungen nicht aus heiterem Himmel, urteilt Thomas Mayer, Chefvolkswirt in der Frankfurter Vertretung der Investmentbank Goldman Sachs: Der Gralshüter der Mark müsse als verantwortungsbewußter Geldpolitiker immer auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß die EWU nicht starte. "Tietmeyer beugt jetzt schon vor für das Frühjahr 1998", sagt Mayer. Damit die Mark im Falle des EWU-Gaus nicht unter massiven Aufwertungsdruck gerate, bereite Tietmeyer die Börsenmakler behutsam vor.
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