Seit der BSE-Krise ist alles anders. Während die Aussteller von Ökoprodukten auf der Grünen Woche bislang eher ein Schattendasein fristeten, sind in diesem Jahr die Stände auf dem Biomarkt in Halle 1.2b umlagert. Die Besucher kosten Tofu, sie trinken Bio-Bier. "Früher wurden wir als Körnerfresser belächelt. Jetzt wollen alle auf den fahrenden Zug aufspringen", sagt Alfons Krieger von der Vereinigung ökologischer Landbau Gäa e.V. Auch das Fernsehen hat diesen Trend entdeckt und veranstaltet am Sonntag ein Casting für die Kuppel-Sendung "Herzblatt". Es fehlt allerdings noch an Kandidaten. Daher werden Single-Biobauern noch dringend gesucht, wie es auf einem Plakat heißt.Raus aus der NischeDie Aussteller haben sich auf das große Interesse eingestellt und halten Broschüren über ökologischen Landbau und Einkaufsführer für Bioprodukte bereit. "BSE bietet uns die große Chance, aus der Nische herauszukommen", sagt Boris Czizikowski. Er ist Inhaber der Berliner Firma Ökofrost und beliefert den Fachhandel mit Naturtiefkühlkost. Seinen Umsatz hat Czizikowski im vergangenen Jahr verdoppelt, seit November hat sich bei Ökofrost die Nachfrage nach tiefgekühltem Rindfleisch sogar vervierfacht. In Berlin zählen 80 Geschäfte zu den Abnehmern von Ökofrost, bundesweit sind es 300. Zu den Kunden von Ökofrost gehören aber auch die Endverbraucher. Sie können über das Internet bestellen. Die Bio-Pizza für 6,99 Mark wird dann ins Haus geliefert. Dass diese Bestellform immer mehr Anhänger findet, zeigt sich auch bei der unitednature AG, dem größten europäischen Versandhandel von Lebensmitteln aus ökologischem Anbau. Die Kunden können im Katalog sowie im Internet unter 4 000 Artikeln auswählen. 20 Prozent der Abnehmer tätigen ihre Bestellungen mittlerweile auf diesem Weg. Tendenz steigend. Auch das Ökodorf Brodowin will es den Verbrauchern so bequem wie möglich machen und bietet seit einem Jahr den Online-Einkauf an. Das Ökodorf in der Schorfheide, das mit 1 200 Hektar zu den größten Ökobetrieben Brandenburgs zählt, beliefert auch Märkte und Geschäfte - unter anderem die vier Berliner Filialen der ersten Bio-Supermarktkette Bio Company. Mittlerweile werden außerdem rund 1 400 Kunden in Berlin direkt beliefert. Per Telefon, Fax oder Internet können sie Obst, Gemüse, Molkereiprodukte, Wurst und Fleisch bestellen und erhalten die Ware im wöchentlichen oder 14-tägigen Lieferturnus. Angeboten werden auch die so genannten Abo-Kisten, die der Kunde nicht eigens zusammenstellen muss. Zur Auswahl steht etwa der Ökokorb mit dem Vollsortiment. Oder auch der Singlekorb mit Obst und Gemüse in kleinen Mengen. Der Mindest-Bestellwert beträgt 18 Mark. Seit der BSE-Krise hat das Ökodorf 120 neue Kunden gewonnen. Nach Angaben von Marketingleiter Simon Ziegler ordern die meisten von ihnen über das Internet. Der Kundenkreis sei mittlerweile so vielfältig wie die Bevölkerung. Ziegler: "Wir beliefern das Außenministerium und den Gastronom Käfer im Reichstag, kinderlose Paare und junge Familien, die Millionärin in Zehlendorf und den Sozial- hilfeempfänger in Wedding." Teure Öko-Lebensmittel können sich aber Sozialhilfeempfänger kaum leisten. Fleisch vom Öko-Bauernhof kostet zum Teil doppelt so viel wie das Fleisch aus der konventionellen Landwirtschaft. Qualität habe ihren Preis, sagen die Aussteller dazu.Öko-Produkte werden in geringeren Mengen hergestellt und häufiger kontrolliert. "Die Verbraucher müssen umdenken", sagt der Inhaber von Ökofrost, Boris Czizikowski. "Wer nur noch einmal in der Woche Fleisch isst, muss auch nicht mehr Geld ausgeben." Er ist davon überzeugt, dass die BSE-Krise bei den Menschen einen Sinneswandel auslöst und die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln anhält. Alfons Krieger von der Vereinigung ökologischer Landbau Gäa ist da skeptisch. "Wenn sich der Medienrummel gelegt hat, werden viele Kunden wieder abspringen", sagt er.Nähere Informationen unterwww.oekofrost.dewww.unitednature.netwww.brodowin.deMerkmale echter Bio-Bauern // Für die biologische Landwirtschaft gelten in der Europäischen Union verbindliche Richtlinien. Seit 1993 gibt es die EU-Verordnung zum ökologischen Landbau.Erzeuger, Verarbeiter und Händler ökologischer Produkte werden regelmäßig durch unabhängige Kontrollstellen überprüft.Auf jedem Bio-Produkt steht die Codenummer der zuständigen Kontrollstelle. Sie setzt sich aus der Landeskennung und der dreistelligen Kenn-Nummer der jeweiligen Kontrollstelle zusammen. Bei einem Öko-Erzeugnis aus Deutschland kann sie also "DE-OO1-Öko-Kontrollstelle" lauten.Bei Bio-Produkten aus dem Ausland beginnt die Codenummer mit dem entsprechenden Landeskürzel, oder der Name der Kontrollstelle wird ausgeschrieben.Die Begriffe "biologisch", "ökologisch" und "organisch" dürfen nur für Produkte verwendet werden, die nach den Richtlinien des Bio-Landbaus erzeugt wurden. Sie sind durch die EU-Öko-Verordnung geschützt.Bezeichnungen wie "extensiv", "kontrolliert", "naturnah" oder "umweltschonend" dagegen garantieren keine ökologische Produktion.Ein weiteres sicheres Erkennungsmerkmal für echte Bio-Produkte ist das Warenzeichen eines ökologischen Anbauverbandes (z. B. Bioland, Demeter, Naturland oder Gäa). Auch das Öko-Prüfzeichen (ÖPZ) steht für Bio-Qualität.Einige Handelsketten haben eigene Bio-Marken, die die ökologische Herkunft garantieren. Dazu gehören "Naturkind" (Tengelmann), "Füllhorn" (REWE) oder "Grünes Land" (Metro).Im Naturkostladen stammen nahezu alle Produkte aus ökologischer Herstellung. Ausnahmen gelten für einzelne Erzeugnisse, die es nicht in ökologischer Qualität gibt. Gelegentlich wird Obst oder Gemüse regionaler Anbieter verkauft, die ohne Spritz- und Düngemittel produzieren. Die "nicht-biologische" Herkunft wird deklariert."Früher wurden wir als Körnerfresser belächelt. Heute wollen alle auf den Zug aufspringen. " Alfons Krieger, Vereinigung ökologischer Landbau Gäa BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Ein Showprogramm für den Biomarkt, der auf der Grünen Woche zu den Attraktionen zählt. Die Öko-Bauern profitieren von der BSE-Krise.BLZ/GERD ENGELSMANN Kaffee aus Burundi: Hauptsache Bio, auch wenn die Lieferwege lang sind.
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